Schläge ins Herz

3. August 2003, 11:00
posten

Menschlicher Brennspiegel: Tim Staffels Roman "Rauhfaser"

Paul ist eine dieser Großstadtfiguren, über die es eigentlich nicht viel zu erzählen gibt. Ein Mann ohne Eigenschaften, dessen größte Leistung darin besteht, morgens wach zu werden. Für seine wenigen Freunde ist er ein Schriftsteller - auch wenn sie noch nie eine Zeile von ihm gelesen haben. Wie könnten sie auch, verbringt Paul sein Leben doch lieber vor dem Videoprojektor als am Schreibtisch.

Ein Roman über jemanden wie Paul kreist - möchte man meinen - notgedrungen um ein leeres Zentrum. Doch im Falle von Tim Staffels neuester Großstadterzählung Rauhfaser ist es das gähnende Zentrum selbst, das zu einem unerhörten Ereignis wird. Denn dieser Paul funktioniert in etwa wie ein menschlicher Brennspiegel. Er bündelt die Strahlen, die aus seiner Umgebung auf ihn treffen. Im Brennpunkt kann es dabei naturgemäß ziemlich heiß werden.

Mit Hitzeschüben wird man bei einem Werk von Tim Staffel traditionellerweise rechnen müssen. Der 1965 in Kassel geborene Autor ist ein Spezialist für apokalyptische Gegenwartsbeobachtungen. Die raue Fassade ist dabei allerdings nur ein besonders effektiver Schutz für zarte Menschenkinder, deren Herzen man selbst durch diese dicken Panzerungen lauthals schlagen hört. Das ist jetzt in Rauhfaser nicht anders als bei den Vorgängerbänden Terrordrom und Heimweh.

Wieder ist es eine von Gewalt geprägte Gegenwart, in der die Mikrokosmen der Protagonisten verzerrte Abbilder ihrer Umgebung sind. Eine buchstäbliche Kampfzone, in der mangels Alternativen Schläge die Funktion von Zärtlichkeiten einnehmen. Getrieben werden Staffels Figuren von so etwas wie Sehnsucht nach irgendetwas, nach irgendjemandem - auch wenn sie sich das nur selten eingestehen.

Für Paul ist es der junge David, der plötzlich im Fenster gegenüber auftaucht: "David ist neunzehn. Ich bin dreiunddreißig. David ist mein ungefickter Sohn. Das bedeutet Verantwortung."

Diese liegt allerdings in den Händen von jemand anderem: in jenen von Sonja, einer Freundin von Paul, die Davids Geliebte wird und schließlich ein Kind von ihm erwartet. Als Dritter im Bund heftet Paul sich an die Fersen des Jüngeren, folgt dessen Spuren in Berliner Nächten. Was er dabei erlebt, ist nahe dran an jenen atemlos geschilderten Blut-und-Gewalt-Klischees, die Staffel so besonders schätzt. Splatter-Roman ist Rauhfaser allerdings keiner. Die Brutalo-Elemente wie auch der Einbruch vieler realer politischer Ereignisse in den Roman dienen einem anderen Zweck: der Beschleunigung einer Geschichte, der Verdichtung eines poetischen Raumes.

Tim Staffel schreibt sich mit seinem Stakkato-Stil kontinuierlich an die Gegenwart heran - indem diese (wie immer bei diesem Autor) durch einen Zerrspiegel betrachtet wird. Im Kern ist Rauhfaser eine altmodische Liebesgeschichte in Zeiten alltäglicher Kriege. Dabei gilt der Titel eines anderen Romans der letzten Zeit: Dies ist kein Liebeslied! (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.8.2003)

Von Stephan Hilpold
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Tim Staffel:
    Rauhfaser. Roman. € 12,40/221 Seiten.
    Collection S. Fischer, Frankfurt am Main 2002.

Share if you care.