Ein Dokument inneren Zwiespalts

1. August 2003, 19:52
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Djuna Barnes Briefe an Emiliy Coleman in einer vorbildlichen Edition

1982 bemerkten besorgte Nachbarn, dass immer wieder Rauch aus einer Wohnung in Greenwich Village drang. Die Erklärung war einfach: die 1892 geborene Schriftstellerin Djuna Barnes, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in New York City und verschiedenen europäischen Metropolen, vor allem im Paris der Lost Generation, für Furore gesorgt hatte, verbrannte ihre Korrespondenz. Zeitlebens lehnte Djuna Barnes es ab, der Nachwelt private Lebenszeugnisse zu hinterlassen. In Interviews ignorierte sie persönliche Fragen, da sie - in diesem Sinne ganz auf der Linie ihres lebenslangen Förderers T. S. Eliot - der Meinung war, ihr Werk müsse für sich, und sie, sprechen. Zwar bedauerte sie, "fast alle Briefe und Dokumente etc. zerrissen" zu haben, erklärte die Vergangenheitsvernichtung aber auch mit psychologischen Notwendigkeiten: "Ein alter Brief", so schrieb sie Coleman 1938, "und ich bin aus der Bahn geworfen."

Möglich, dass ihre Abneigung gegen die Dokumentation des "Persönlichen" auf der Tatsache beruhte, dass sie sich der Bedeutung ihres "Image" (ihrer Maske, wie ihre Biografen sagen) - das durch faszinierende Fotografien, meist mit extravagant-eleganter Kopfbedeckung, bis heute fortlebt - bewusst und um ihre literarische Anerkennung besorgt war.

Möglich aber auch, dass sie gerade dieses Image vor eifrigen Schnüfflern schützen wollte. Es wurde unabhängig vom Publikum Teil ihrer Persönlichkeit; ihr Biograf Andrew Field hat gar in Erfahrung gebracht, dass sie sich perfekt geschminkt ins Bett begab - um zu schreiben.

Was charakterisiert nun die im Band Im Dunkeln gehen trotz aller Vorsicht der internationalen voyeuristischen Öffentlichkeit vorliegenden Briefe an Emily Coleman? Elke Schmitter betont im Spiegel die sprachliche Differenz zwischen der Hermetik des literarischen Werkes, "Resultat von ästhetischem Ehrgeiz und harter Arbeit", und der viel weniger artifiziellen Korrespondenz einer vereinsamenden, oft der Verzweiflung hingegebenen Frau.

Tatsächlich dokumentieren diese Briefe den unendlich langen Prozess des Neuschreibens bzw. der Korrekturen ihres Hauptwerks Nightwood (dt. Nachtgewächs, 1936) und präsentieren damit "eine Dichterin, die keineswegs unwillkürlich originell formulierte" (Schmitter). Gleichzeitig beweisen sie jedoch auch extreme stilistische Sorgfalt. "Bekomme meinen Brief nicht so hin, dass er wie einer unserer Briefe klingt", schreibt sie an Coleman 1937, und es grenzt an ein Wunder, dass sie ihn absandte, denn die Mehrzahl ihrer Briefe an Coleman wurden während des Schreibens oder kurz danach vernichtet.

Nicht verwunderlich, dass die erhaltenen Briefe höchst reflektiert, ausgefeilt und ebenfalls artifiziell sind, wenn auch ganz anders als die literarische Produktion. Die in der Korrespondenz hörbare Stimme ist extrem tough, antibürgerlich wie der Lebensstil der Autorin, und auf der Suche nach einem Ausdruck, der traditionelle Weiblichkeitsnormen transzendiert: "Du siehst, wie viel Zeit wir Frauen damit zubringen, einander zu schreiben, statt unsere Arbeit zu tun, verflucht sei unser Schoss, noch ein Fluch, in diesem Brief sind es bestimmt schon ein halbes Dutzend." Sexualität bzw. die frustrierte Suche danach sind dominante Themen in vielen der Briefe, sei es die Trauer um die verlorene Beziehung mit ihrer früheren Partnerin Thelma Wood oder fehlende sexuelle Aufmerksamkeit seitens männlicher Liebhaber: "Begreifst Du jetzt, warum Frauen zu Hyänen, Hexen und Furien geworden sind? Weil die Männer nur so mit ihnen ins Bett gehen können." Fehlende sexuelle Energie, verbunden mit schöpferischer Stumpfheit und regelorientiertem Leben, Symptome von "scheintoten" Menschen, sind ihr verhasst. Ihre Kritik des logischen Denkens verbindet sie eher unphilosophisch mit einer Klage über fehlende Erotik: "Wer wollte schon ausschließlich logisch sein? Außer Männern vielleicht, und Pedanten, und Engländern, die sich ihrer Logik rühmen, aber sieh sie dir an, die armen Geschöpfe. Hervorragende Leistungen in der Bibliothek, doch im Schlafzimmer!!"

Ironisch und doch wieder mit großem Ernst adaptiert sie männliche Rhetorik für eigene Zwecke. Die Affäre Emily Colemans, einer amerikanischen Journalistin und Schriftstellerin, mit dem britischen Autor Dylan Thomas kommentiert sie mit folgendem Klischee: "Ja die Liebe ist kein Kirschenessen mehr dieser Tage; und ein zwanzig Jahre jüngeres Knäblein - wann wirst Du endlich aufhören, Kinder zu sammeln? Es ist schon das dritte - mir hat eines vollauf gereicht, obwohl, Gott sei mein Zeuge, ich würde es wieder tun, wenn mir etwas Ansprechendes über den Weg liefe, tut es aber nicht."

Die Briefe dokumentieren die Periode des Übergangs von der überaus aktiven Bohemienne zur vereinsamten alten Frau der letzten vierzig Jahre, reflektieren jedoch auch die politischen Umbrüche der Zeit. Zwar schreibt sie am 13. Oktober 1938, sie lese "niemals Zeitung... noch nicht einmal wegen des Kriegs, ich glaube, es war Marion, die mir sagte, dass einer kurz bevorsteht", analysiert jedoch gleichzeitig den (sexuellen) Minderwertigkeitskomplex von Männern als eine Voraussetzung für autoritäre politische Regimes: "Er hat Napoleon, Mussolini, Hitler etc. hervorgebracht und gibt jedem Buckligen das Gefühl, er sei ein Wunder Gottes."

Nach Erzählungen, Reisetexten und journalistischen Beiträgen ist diese erste Briefausgabe der siebente Titel von Djuna Barnes im Wagenbach Verlag, wo auch eine viel gelobte Biografie der Autorin von Kyra Stromberg erschienen ist. Die durch ein sehr hilfreiches Glossar unaufdringlich annotierten Briefe sind spannende Lektüre, die neue Einsichten in eine schillernde transatlantische Persönlichkeit bietet. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.8.2003)

Von Walter Grünzweig

Djuna Barnes:
Im Dunkeln gehen. Briefe an Emily Coleman. Ausgewählt und mit einem Vorwort von Mary Lynn Broe. Aus dem Amerikanischen von Robin Cackett. €23,20/206 Seiten. Berlin, Wagenbach 2002.

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