In Schönheit sterben

2. August 2003, 11:00
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Sabine Grubers Roman erzählt vom Tod und meint das Leben - Ohne Schwulst vom Tod erzählen muss man können: Die Autorin kann es

Am Anfang steht das Ende. Als das Buch beginnt, ist alles bereits gelaufen. Das ganze Leben ist Vergangenheit geworden, für Zukunft ist mit einem Mal kein Platz mehr. Ist Sabine Grubers jüngster Roman die Rekonstruktion eines vorzeitig an sein Ende gekommenen jungen Lebens? Selbstverständlich - und noch viel mehr. Das hängt mit der Erzählhaltung und der Form zusammen, die die Biografie einer jungen Frau nur zum Anlass nehmen, das Porträt einer Gesellschaft zu erstellen und das Leben auf den Prüfstand zu stellen, um nachzuschauen, was von ihnen im Schatten des Todes bleibt. Alles, was Sabine Gruber vom Leben weiß, wird in seiner Bedeutung relativiert, weil es vom Ende her gesehen wird.

Am Anfang steht das Ende. Eine junge Frau wird zu Grabe getragen, die Freunde und Verwandten haben sich eingefunden, um sich von ihr zu verabschieden. So trifft man als Leser das erste Mal auf Menschen, die Marianne nahe gestanden sind, und von denen auf den nächsten 200 Seiten zu erfahren ist, wie sie in deren Leben eingegriffen haben. Sie stehen verloren am Friedhof, sie sind umgeben von einer Aura der Einsamkeit. So, wie Sabine Gruber den Roman anlegt, nimmt sie das Leben in die Zange. Er wird nämlich aus der Ichperspektive erzählt, und dieses Ich ist die Tote.

Einmal beobachtet sie vom übergeordneten Posten einer, die die Gegenwart hinter sich gelassen hat, den eigenen Leichengang, sie schlüpft in die Gedanken und Gefühle der Kirchgänger und kommentiert diese. So schreibt Gruber den Roman vom Ende her, bringt die Perspektive des Todes ein, der Tod schreibt gleichsam von Anfang an mit. Und die Erzählerin erinnert sich, lässt Episoden aus der Vergangenheit aufleben. Dann schreibt sie als eine, die um ihr nahes Ende weiß und sich damit zur Außenseiterin in einer Gesellschaft macht, die vom Tod nichts wissen will. Ein doppelt geschärfter Blick ist diesem Roman eingeschrieben.

Der Standpunkt der Erzählerin in Sabine Grubers Roman Die Zumutung ist ein jenseitiger. Während alle Menschen, denen wir begegnen, im Hier und Jetzt gut aufgehoben sind, ist der Erzählerin selber die Selbstverständlichkeit ihrer Existenz von ihrer Krankheit zerschlagen worden. Eine Niereninsuffizienz setzt ihr zu, ihr Zustand verschlechtert sich zusehends, und im Bewusstsein, damit das Todesurteil schon in der Tasche zu haben, blickt sie in die Welt.

Dennoch setzt uns kein maßlos untergangsverliebter Ton dauerhaft zu. Trostlosigkeit und Hoffnungslosigkeit sind nur Teilaspekte dieser der Auslöschung harrenden jungen Frau. Wer stirbt, weiß nämlich mehr vom Leben. Er kann die Menschen, die sich in ihren Alltagskämpfen abmühen, nicht mehr ganz ernst nehmen. Sie nehmen sich über Gebühr wichtig. Nein, Sabine Gruber ist keineswegs jene düstere Kassandra, der es nur gut geht, wenn es den Figuren in ihren Büchern schlecht geht. Sie bringt jene Ironie auf, die notwendig ist, wenn die Grundfesten gesellschaftlich standardisierten Handelns infrage gestellt werden. Von den Figuren, die Marianne umgeben, könnte man leicht den Eindruck bekommen, sie stünden mit beiden Beinen im Leben. Sie bewältigen ihre Gegenwart souverän, sie planen die Zukunft - aber unter dem Eindruck von Mariannes Todesverbundenheit wirken sie als Verdränger der Bedrängnisse merkwürdig wirklichkeitsresistent. Marianne hat kraft ihrer Schwäche die Fähigkeit erworben, die Gesellschaft zu durchschauen. Sie gehört nicht mehr recht dazu, seit ihr der Alltagstrott nicht mehr angemessen ist, weil sie ihr Leben den Bedürfnissen ihres kranken Körpers unterordnen muss.

Marianne ist für die Zeit ihres Lebens um den ruhigen Schlaf gebracht. Es bedarf der Ausnahmesituation, dass sie vom Schwindel der Angst zur Klarsicht der Verhältnisse kommt. Mit diesem Buch wird es ein bisschen enger für uns. Sabine Gruber hat uns durchschaut. Das verzeihen wir ihr nur, weil sie so schöne Sätze schreiben kann und uns damit der Illusion übergibt, dass es im Licht ihrer Kunst so schlimm auch wieder nicht ist. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.8.2003)

Von Anton Thuswaldner
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    Sabine Gruber:
    Die Zumutung. € 18,40/221 Seiten. C. H. Beck, München 2002.

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