Auf der Suche nach der verlorenen Realität

1. August 2003, 19:38
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Javier Cercas hat einen beeindruckenden Roman geschrieben, der sich als Reportage tarnt

65 Jahre nach Beginn des Spanischen Bürgerkriegs und ein Vierteljahrhundert nach Francos Tod: Der zeitliche Abstand zu Putsch und Diktatur lässt auch neue literarische Perspektiven dieses Traumas Spaniens im 20. Jahrhundert zu. Das Überraschendste daran sind Leichtigkeit und Ironie, die Javier Cercas in seinem Roman Soldaten von Salamis beflügeln und bestärken, nicht nur einem Detail in der historischen Wahrheit nachzujagen, sondern auch sich selbst und das eigene Schreiben mit zu reflektieren. So entsteht ein Text, der einerseits (wie schon Diderots Jacques der Fatalist) theoretische Überlegungen zu verschiedenen Schreibhaltungen einwebt und der andererseits auch verschiedene Lesarten der Wahrheit (ähnlich den verschiedenen Erzählversionen in Kurosawas Rashomon) offeriert. Die sehr unterschiedlich angelegten Erzählspuren laufen in verschiedenen Zeitebenen und Windrichtungen auseinander und wieder zusammen.

Im Zentrum steht der bürgerliche Intellektuelle, Dichter und Mitbegründer der spanischen Falange-Partei Rafael Sánchez Mazas, der, von regierungstreuen Truppen aufgegriffen, eben noch vor dem endgültigen Zusammenbruch der gewählten Republik zum Tode verurteilt wird und erschossen werden soll. Zusammen mit einer ganzen Gruppe weiterer gefangener Putschisten. Nur Sánchez Mazas gelingt es, die Wirren des fluchtartigen Rückzugs dieser versprengten letzten regulären Einheiten für die eigene Flucht vor dem Erschießungspeloton zu nutzen.

Aber er entkommt nicht zuletzt auch dank eines jungen Soldaten, der den Flüchtigen zwar wieder aufspürt, aber den anderen Suchtrupps nicht meldet. Warum? Wer das war? Darüber gibt es verschiedene Gerüchte. Sie "kursieren", wäre zu viel gesagt. Die Anekdote ist zu wenigen Personen überhaupt bekannt.

Plötzlich scheint ein Thema angeschlagen, das bisher (in postfaschistischer Zeit) in der Literatur kein Thema war: dass nämlich auch die Opfer Täter waren; dass auch die Regierungstruppen politische Gefangene liquidierten. Diese unbefangene Offenheit der dunklen Seite der Geschichte gegenüber ist neu und wäre älteren Generationen in der Weise wohl auch nicht möglich gewesen.

Der junge Journalist - der Icherzähler - hat im Sommer 1994 überhaupt erst von der ominösen Erschießung des nachmaligen Chefideologen Francos erfahren; in einem Interview mit dessen Sohn Rafael Sánchez Ferlosio, einem der wichtigsten und angesehendsten spanischen Essayisten der Gegenwart. Auch in Details also keine Fiktion! Ganz programmatisch ist die (im Text) erzählte und erzählerische Mitteilung, dass es sich um eine literarische Reportage handelt, um eine "Erzählung nach der Realität".

Nach einem nicht gerade berauschenden Debüt als Schriftsteller ist der Autor reuig in die Redaktion einer Tageszeitung zurückgekehrt, zum Journalismus; und über die Recherche des investigierenden Journalisten kehrt er auf raffiniertem Umweg zur Literatur zurück: in der literarisch gestalteten Außensicht der Innensicht der Außensicht. Da steckt natürlich ein Stück intelligente Selbstironie drinnen. Aber das ist nur eine Spielebene.

Tatsächlich steckt in der detektivischen Recherche nach überlebenden Zeugen der geschilderten Vorfälle und der anschließenden Abwägung und Überprüfung der Aussagen so viel an Spannung und allgemeiner zeitgeschichtlicher Aktualität, dass auch jene, die vielleicht den Mangel an historischer Kenntnis über die Ereignisse zunächst als Schmälerung des Lesevergnügens empfunden haben, diesen Einwand einfach vergessen werden. Stattdessen gewinnen wir zunächst so etwas wie den Blick hinter die Kulissen, lassen lesend bekannte Klischees hinter uns, spüren langsam so etwas wie historische Authentizität wachsen und sind schließlich gefangen genommen von der Aussicht, mit dem Autor auf fast hoffnungsloser Suche doch noch jenen Mann ausfindig zu machen, der damals im Jänner 1939 durch sein Schweigen das Leben von Sánchez Mazas rettete.

Aber wieder wechselt auch diese Erwartungshaltung und schenkt uns eine neue, wahrscheinlich sogar die wesentlichste Facette dieses Buches, die es auch letztlich weit über eine gelungene Reportage erhebt: die Lebensgeschichte eines Mannes, der anonym, aber nicht namenlos - das heißt namenlos nur für die Geschichtsschreibung - die Gegenfigur darstellt zur öffentlichen und mächtigen des Sánchez Mazas.

Wir erfahren nicht, und es ist am Ende auch gänzlich unerheblich, ob es der schweigende interesselose Blick tatsächlich jenes Mannes war, der dem anderen Freiheit und Leben wiedergeschenkt hat; aber ganz subtil und eigenwillig arbeitet Javier Cercas heraus, worin der Unterschied besteht zwischen den beiden: zwischen Maulheld und Held, zwischen öffentlicher Figur und anonymer Person, zwischen Macht und Engagement, zwischen elitistisch und basisdemokratisch, aber auch - ganz unpathetisch - zwischen faschistisch autoritär und anarchistisch selbstbestimmt und selbstbewusst. Eigentlich ein Denkmal. Was für die 68er-Generation Enzensbergers Kurzer Sommer der Anarchie gewesen ist, ist in moderner, zeitgemäßer und vielleicht sogar nachdrücklicherer Art dieses Buch, das es darüber hinaus auch noch schafft, den Bogen zu schlagen von Oswald Spenglers Trupp von Elitesoldaten (die es, wie schon bei Salamis, immer gewesen sein sollen, die die Zivilisation verteidigt haben) bis hin zu einem oft heiter-boulevardesken Ton. Einfach erstaunlich. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.8.2003)

Von Martin Adel
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    Javier Cercas:
    Soldaten von Salamis. Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen. € 18,60/223 Seiten. Berlin Verlag, Berlin 2003.

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