"Nato steht am Scheideweg"

4. August 2003, 06:56
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Oberbefehlshaber des Bündnisses setzt auf Schnelle Eingreiftruppe

"Agil, mobil, schnell und global" - so soll die Nato nach den Vorstellungen des Oberbefehlshabers des Bündnisses in Europa, James Jones, künftig handeln. Das Hauptinstrument für den Wandel sieht der US-General in der Nato-Eingreiftruppe, deren erste Einheit ab Oktober stehen soll.

"Die Nato steht noch immer am Scheideweg zwischen zwei Jahrhunderten", beschrieb Jones die Lage des Bündnisses in einer Journalistenrunde, zu der DER STANDARD Freitag als einziges Medium eines Nicht-Nato-Staates in das Militärhauptquartier Shape im belgischen Mons geladen war. Es gehe nun, so Jones, um den Umbau der Nato von einem Bündnis der statischen Verteidigung hin "zu einer beweglicheren Einheit", die auch "zeigen müsse, bis zu welchem Grad sie proaktiv in Krisen handeln will".

Ein Beispiel für solches vorbeugendes Vorgehen sei der Nato-Antiterroreinsatz vor Gibraltar. Das "Instrument des Wandels" könne vor allem die künftige Nato Eingreiftruppe ("Nato Response Force" - NRF) werden, so der Vier-Sterne-General. Am 15. Oktober werde die erste Einheit mit rund 6000 Mann einsatzfähig sein. Geplant ist, sie im Krisenfall in nur fünf Tagen vor Ort bringen zu können.

"Diese Fähigkeit aufzubauen, ist nicht sehr schwierig", sagt Jones, der die Probleme eher in politischen Entscheidungsprozessen sieht: "Wenn man eine Truppe wie diese entwickelt, muss man auch Anpassungen vornehmen, um sie einsetzen zu können", meint der General mit Blick auf die Parlamentsvorbehalte in einigen Nato-Staaten, die eine rasche Entsendung von Soldaten erschwert.

"Die Nato ist der Paradefall einer Koalition der Willigen", meint der US-Militär und fügt hinzu, er "würde es nicht gern sehen, dass sie durch andere Koalitionen umgangen wird, weil sich ihre Entscheidungsprozesse nicht anpassen".

Jones ist sich sicher, dass die USA bei ihren Kämpfen in Afghanistan auf die NRF zurückgegriffen hätten, hätte sie damals existiert. Ob das Mandat der Nato, die am 11. August die Führung der Isaf-Schutztruppe in Afghanistan übernimmt, aber nun über Kabul hinaus ausgedehnt werden sollte, wollte der General nicht kommentieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.8.2003)

Jörg Wojahn aus Mons
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