Spiegelgefechte

15. August 2003, 20:57
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Auf verschiedenen Plätzen und in verschiedenen Gassen setzt in Graz wie jedes Jahr in diesen Hochsommertagen mit dem Festival La Strada buntes Treiben an.

In Salzburg gibt es so etwas Ähnliches. Auch alle Jahre. Den Jedermann auf dem Domplatz nämlich. Da darf man sogar sitzen und sich bei 35 Grad Hitze in praller Sonne eineinhalb Stunden lang gereimte Einfalt anhören.

Vom Standpunkt der Menschenrechte aus gesehen hat das Ganze einen Touch von Guatánamo. Würde sich als Besserungsstück für die eingekerkerten Bösewichte nicht schlecht ausnehmen. Immerhin weiß ich, wovon ich schreibe. Ich habe dort schon Walter Reyer sterben sehen. Und vor genau 20 Jahren auch Curd Jürgens. Da war er erst 58 und konnte seine Verse nur noch röcheln.

Als es aus dem "normannischen Kleiderschrank" noch klarer tönte, war er sogar einmal im Grazer Schauspielhaus. Das war für die Grazer, denen damals noch nicht der belebende Wind einer Kulturhauptstadt um die Nase wehte, natürlich eine Riesensensation.

Was Wunder, dass in der Grazer Kleinen Zeitung der Wunsch nach einem Interview mit dem illustren Gast keimte - der von dessen Management, wie zu erwarten, prompt ausgeschlagen wurde. Mein Chefredakteur ließ aber nicht locker und fragte mich, ob es mir nicht doch gelingen könnte, dem schweigsamen Star ein paar Wortspenden zu entlocken.

In meiner Not rief ich einen mit mir befreundeten, im Schauspielhaus tätigen Maskenbildner an und fragte ihn, ob er mir vor der Vorstellung nicht Zugang zu Curd Jürgens verschaffen könnte.

Gefragt, getan. Lang ausgestreckt lungerte der Meister in einem Frisierstuhl und verfolgte im Spiegel aufmerksam alle Anstrengungen meines Freundes, dem aufgedunsenem Antlitz Konturen zu verleihen und die tiefsten Falten zuzukleistern.

Natürlich entging ihm nicht, dass ich mich nach angemessener Zeit bei der Tür hineindrückte. Mit Kennerblick perlustrierte er mich umgehend als betriebsfremden Störenfried. Er richtete durch den Spie-gel seine blauen Augen auf mich und sagte schroff: "Ich bin wirklich nicht böse, wenn Sie den Raum gleich wieder verlassen."

Ich konterte mit dem bescheidenen Hinweis, dass ich aus seiner Begrüßung ableite, er sei vielleicht doch auch nicht böse, wenn ich ein wenig bliebe. Darauf resignierte er und sagte nur: "Also fragen Sie!"

Das musste ich gar nicht. Denn er begann ganz von selbst zu reden wie ein Buch. Unter anderem, dass er Graz sehr gerne mag. Immerhin hat er auf dem Thalerhof, dem Grazer Flughafen, schon vor dem Zweiten Weltkrieg seinen allerersten Film gedreht.

So hat die Murstadt, bevor sie Schauplatz der Diagonale und nun auch noch Kulturhauptstadt wurde, Filmgeschichte gemacht. (DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.8.2003)

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