Putin kündigt Härte an

5. August 2003, 18:05
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Präsident macht mangelnde Sorgfalt für Anschläge mitverantwortlich - Zahl der Todesopfer nach Selbstmordanschlag auf Militärkrankenhaus auf 50 erhöht

Moskau/Rostow am Don - Für die jüngsten Terroranschläge in Russland ist nach Ansicht von Präsident Wladimir Putin mangelnde Sorgfalt mitverantwortlich. "Die Nachlässigkeit, die wir in einer Reihe von Fällen gesehen haben und die Verbrechen und Terrorakten förderlich ist, geht über alle Maßen", sagte Putin nach einer Meldung der Nachrichtenagentur Interfax am Sonntag bei einem Treffen mit Generalstaatsanwalt Wladimir Ustinow und dem Vorsitzenden des Obersten Gerichtshofs, Wiatscheslaw Lebedew.

Präsident bemängelt Ineffizienz der Staatsgewalten

Man bekomme den Eindruck, dass der Staat auf derartige Ereignisse nicht reagiere oder nicht in der Lage sei zu reagieren, zitierten Interfax und der Fernsehsender Rossija den Präsidenten. Wichtige Ermittlungen und Gerichtsverfahren zögen sich oft über Monate oder sogar Jahre hin, kritisierte Putin. Von jeder Gewalt im Staat - Legislative, Exekutive und Judikative - hänge das Schicksal "hunderter und tausender Menschen" ab.

Putin hält an Tschetschenienpolitik fest

Ungeachtet des Selbstmordanschlags auf ein russisches Militärkrankenhaus in Nordossetien hält der russische Präsident Wladimir Putin an der Tschetschenienpolitik seiner Regierung fest. Bis zum Sonntag stieg die Zahl der Todesopfer auf 50, wie ein Sprecher des Katastrophenschutzministeriums mitteilte. 64 Verletzte befänden sich noch im Krankenhaus. Der Leiter der Garnison ist für die Dauer der Ermittlungen vom Dienst suspendiert worden, der Leiter des Krankenhauses wurde festgenommen. Beiden wird der unzureichende Schutz der Einrichtung vorgeworfen.

Keine Hoffung auf weitere Überlebende

Der Sprecher des Ministeriums erklärte, es bestehe keine Hoffnung mehr, in den Trümmern des zerstörten Gebäudes weitere Überlebende zu finden, die Einsatzkräfte würden nun mit den Aufräumarbeiten beginnen.

Die Terroristen würden ihren kriminellen Willen nicht durchsetzen, hieß es in einem Kondolenzschreiben Putins. Die Regierung in Moskau vermutet tschetschenische Rebellen hinter dem Anschlag. Der Anschlag sei "eine weitere Bestätigung der Unmenschlichkeit und Grausamkeit von Banditen, die die Situation im nördlichen Kaukasus destabilisieren wollen", erklärte der Präsident in seinem Schreiben. Der russische Verteidigungsminister Sergej Iwanow brach auf Anweisung Putins seinen Sommerurlaub ab und begab sich an den Anschlagsort. Er erklärte, der Terroranschlag sei möglich geworden, weil spezielle Sicherheitsanweisungen nicht befolgt worden seien.

"Eindeutig ein Terrorakt"

In dem zerstörten Krankenhaus in Mosdok an der Grenze zu Tschetschenien wurden russische Soldaten behandelt, die bei ihrem Einsatz in der abtrünnigen Kaukasusrepublik verwundet wurden. Das vierstöckige Gebäude, in dem sich zum Zeitpunkt des Anschlags rund 120 Menschen befanden, fiel bei der Explosion am Freitagabend wie ein Kartenhaus in sich zusammen und wurde völlig zerstört. Nach offiziellen Angaben durchbrach ein mit mehr als einer Tonne Sprengstoff beladenes Fahrzeug das Eingangstor und detonierte vor dem Empfangsgebäude des Krankenhauses. Unter den Toten sind nach Angaben vom Sonntag mindestens 22 Militärangehörige.

Es handle sich nicht um eine kriminelle Auseinandersetzung, sondern definitiv um einen sorgfältig geplanten Terrorakt, erklärte der stellvertretende Generalstaatsanwalt Sergej Fridinski in einem Bericht des Fernsehsenders NTW. Die Staatsanwaltschaft sieht die Tat als Racheakt an, weil in dem Krankenhaus russische Soldaten nach ihrem Einsatz in Tschetschenien behandelt wurden.

In Tschetschenien wurden unterdessen die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Zum Schutz von Krankenhäusern, Ölraffinerien und anderen wichtigen Gebäuden seien in allen Städten rund um die Uhr Patrouillen im Einsatz, meldete die russische Nachrichtenagentur Itar-Tass. Zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen seien an den Einsatzorten russischer Truppen und russischen Grenzposten ergriffen worden. Bei Selbstmordanschlägen tschetschenischer Separatisten kamen seit Mai rund 150 Menschen ums Leben. (APA/dpa/Reuters)

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    Das vierstöckige Gebäude am wichtigsten Truppenstützpunkt für Einsätze in Tschetschenien wurde völlig zerstört

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