"Kaufkraft fließt weiter ab"

6. August 2003, 14:34
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Für heimische Handelsexperten ist die jetzt in Kraft getretene Liberalisierung der Öffnungszeiten kein taugliches Mittel, um Kaufkraftabflüsse nachhaltig zu stoppen

Wien - "Die jetzige kleine Liberalisierung ist nicht wirklich dazu geeignet, das Gefälle beim Kaufkraftabfluss aus Österreich zu verringern", sagt Wolfgang Richter, Chef des Wiener Handelsberatungsunternehmens RegioPlan im Standard-Gespräch.

Richter räumt ein, dass die Bilanz zwischen den Käufen von Osteuropäern in Österreich und den Shoppingwerten von Österreichern in den EU-Beitrittsländern "ausgeglichen oder etwas zugunsten Österreichs" ausfalle. "Aber Tatsache ist: Da fließt weiter Kaufkraft ab." Das in jüngster Zeit wieder oft vorgebrachte Argument von Politikern und Händlervertretern, man brauche bei den Öffnungszeiten nichts tun, weil ohnehin was zufließe, sei unverständlich.

Einkauf rund im Uhr in Osteuropa

Fakt ist: In Osteuropa kann man rund um die Uhr einkaufen. Weiters entstanden und entstehen knapp hinter den Schlagbäumen der Grenzen attraktive Shoppingmagneten - wie der 24/7-Tesco-Hypermarkt in Sopron auf der Ausfahrtsstraße nach Györ oder das im Herbst eröffnende Factroy-Outlet-Center Freeport in Tschechien unmittelbar nach dem Grenzübergang in Kleinhaugsdorf (Niederösterreich). Beide locken mit Sonntagsöffnungen. "Diese würde in Österreich auch wirklich etwas bringen, ist aber politisch nicht durchzusetzen", so Richter.

Eine Umfrage des Instituts KMU Forschung Austria im Burgenland im Frühjahr bestätigt die Annahmen, wonach die Bilanz für den Einzelhandel diesseits der Grenze zwar positiv für Österreich ist, aber doch bemerkenswerte Abflüsse zu verzeichnen sind. Die Umfrage ergab: Insgesamt sind im letzten Jahr etwa 20 Millionen Euro vom Burgenland in die Komitate Györ-Moson-Sopron und Vas geflossen, aber 40 Millionen Euro von dort herein. 68 Prozent der burgenländischen Haushalte haben Waren und Dienstleistungen in Westungarn gekauft. Umgekehrt waren es 36 Prozent.

"Überraschend" sei, so Studienautor Walter Bornett, dass im Burgenland günstigere Preise zu finden waren, auch im "preissensibelsten Bereich Lebensmittelhandel". Von 15 Artikeln waren sieben billiger, etwa Vollwaschmittel, Milch und - Salami.(Leo Szemeliker, Der Standard, Printausgabe, 02.08.2003)

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