Zeiler an Medienpolitik: "Bitte entscheidet!"

14. August 2003, 11:12
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Österreichs mächtigster Medienexport, Gerhard Zeiler, über die Ehrlichkeit des ORF, die Unentschlossenheit der heimischen Politik und das Leiden mit der SPÖ

Österreichs mächtigster Medienexport, Gerhard Zeiler, über die Ehrlichkeit des ORF, die Unentschlossenheit der heimischen Politik und das Leiden mit der SPÖ. "Klar geht's", erklärt der Chef der RTL Group Harald Fidler zu einem rein gebührenfinanzierten Küniglberg.

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STANDARD: Verleiht die Führung des europäischen TV-Riesen RTL Group mit 4,5 Milliarden Euro Umsatz die neue Lässigkeit? Als ORF-General durfte man Sie anfangs nicht ohne Schlips fotografieren. Erstmals sind Sie bei Telemesse ohne Krawatte und mit sehr sportlichem Schuhwerk aufgetreten.

Zeiler: Ich fühl' mich eigentlich wohler ohne Krawatte. Mit der RTL Group hat das nichts zu tun.

STANDARD: Sportlich weiter: Die Champions League war für RTL wirtschaftlich und programmlich uninteressant. Der ORF hat sie gerade gekauft.

Zeiler: Ich habe bei meinem Abschied versprochen, mich zum ORF nicht zu äußern. Letzte Saison hatten wir mittwochs ohne Champions League in der Primetime höhere Marktanteile in unserer Zielgruppe als an Spieltagen, das Finale schon eingerechnet. Wir wollten uns für ein, zwei wirklich starke Spiele nicht mehr vor den übrigen Mittwochterminen fürchten.

STANDARD: Den ORF verbinden mit RTL viele Filme, Serien, Showformate. Warum zahlen deutsche Sender für internationale Formate, wenn man sie wie der ORF mit "Taxi Orange", "Starmania" ohne Rechtekosten abkupfern kann?

Zeiler: Fühlte ich mich jetzt nicht ans Schweigegelübde gebunden, würde mir schon ein Satz einfallen, der etwas mit Ehrlichkeit zu tun hätte. Mehr sage ich dazu nicht.

STANDARD: Österreich hat seit wenigen Wochen neben dem ORF einen weiteren Klon deutscher Privatsender - ATV+ mit vielen Parallelen zu RTL II. Können Sie mir als TV-Experte sagen, warum ich ATV+ schauen soll?

Zeiler: ATV-Chef Franzi Prenner ist mein Freund. Insofern auch dazu ein Schweigegelübde.

STANDARD: Haben Sie ihm als Freund zu dem Job geraten?

Zeiler: Er ist Manns genug, selbst zu entscheiden. ATV+ ist keine einfache Aufgabe.

STANDARD: Soll heißen?

Zeiler: So lange der ORF diese Werbemacht hat, kann österreichisches Privatfernsehen keine große Bedeutung bekommen. Es gibt gute Gründe für einen starken ORF zur Sicherung der nationalen Identität. Dann spielt Privatfernsehen eine sehr untergeordnete Rolle. Oder ein duales System ist wichtiger, dann muss ich die Werbemöglichkeiten des ORF drastisch einschränken. Der Gesetzgeber hat sich verdammt nochmal für eine dieser Möglichkeiten zu entscheiden. Derzeit gilt: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass! Das wird nicht funktionieren. Es gibt für beide Möglichkeiten gute Gründe, aber: Entscheidet euch doch bitte einmal!

STANDARD: Das Problem gilt auch für Wiener Stadtfernsehen, das jetzt der Ex-n-tv-Chef Helmut Brandstätter führt?

Zeiler: Das gilt für ATV+ wie puls, das aber mit der bisherigen Frequenz von ORF 2 in Wien eine bessere technische Ausgangsposition hat. Ich glaube aber nicht, dass man mit regionaler TV-Werbung das Geld verdienen kann, um jene Programmqualität zu halten, die der österreichische Zuschauer gewohnt ist.

STANDARD: Sie rieten ARD und ZDF, vor einer Gebührenerhöhung abzuspecken wie die Privaten wegen der Werbekrise.

Zeiler: Mit den Bundesligarechten hat die ARD einen Rubikon im Verhältnis zu den Privaten überschritten.

STANDARD: Dann hat der ORF den Rubikon zum Privatfernsehen schon lange überschritten, spätestens unter Führung eines gewissen Gerhard Zeiler.

Zeiler: Der ORF war immer einzig öffentlich-rechtlicher und einzig privater Rundfunk Österreichs. Finanziert er sich wie derzeit zu 50 Prozent über den Werbemarkt, hat er auch nicht die reinen öffentlich-rechtlichen Aufgaben. Will der Gesetzgeber das anders, soll er es anders bestimmen.

STANDARD: Ginge sich ein gebührenfinanzierter ORF mit nur einem TV-Kanal und weniger Radioprogrammen aus?

b>Zeiler: Klar geht's. Aber wenn ich das sage, heißt es wieder, der Zeiler will den zweiten Kanal privatisieren. Dafür hat es schon genügend Vorschläge von anderen gegeben.

STANDARD: So lange diese Regierung im Amt ist, bekäme nicht RTL den zweiten ORF-Kanal, sondern der Styria-Verlag mit Sat.1, wenn die wollen.

Zeiler: Da bin ich nicht so sicher. Auch diese Regierung kann sich einer Ausschreibung nicht entziehen. Dann kommt es darauf an, wer das beste Angebot macht. Man kann nicht Teil Europas sein wollen und sich verhalten wie im früheren Ostblock. Wenn dem so ist und wir uns interessieren, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass wir schlechter gestellt werden. Ich würde das auch gar nicht so parteipolitisch sehen.

STANDARD: A propos: Ihre Karriere begann in der SPÖ. Wie zufrieden sind sie denn mit der Performance Ihrer Partei?

Zeiler: (lacht) Ich bin ein kleines SPÖ-Mitglied und hänge mit dem Herzen an diese Bewegung. Mir geht es wie einem typischen Austria-Fan. Man hängt an der Mannschaft, aber manchmal muss man leiden.

STANDARD: Zurück nach Europa, zum TV: Wann geht es mit der Werbung wieder aufwärts?

Zeiler: Das Gesamtjahr 2003 wird in Deutschland sicher noch im Minus sein, aber der Optimismus im Markt wächst. Wir haben den Boden erreicht. Wie schnell und wie steil es bergauf geht, kann ich nicht prognostizieren. (DER STANDARD; Printausgabe, 2./3.8.2003)

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Zur Person

Gerhard Zeiler (48) steig im März 2003 zum Vorstandschef der größten europäischen TV-Holding auf. Diese Bertelsmann-Tochter RTL Group macht mit 23 Fernseh- und 22 Radiostationen in acht Staaten rudn 4,5 Milliarden Euro Umsatz. Zeiler bleibt dennoch Chef von RTL Deutschland. Das wurde der frühere Pressesprecher von Kanzler Fred Sinowatz (SP) 1998 nach knapp vier Jahren als Generalintendant des ORF.
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    Gerhard Zeiler

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