Für mickrige 30 Euro

15. September 2013, 21:05
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Vom Elend, das vor der Haustür liegt: 6000 illegale Prostituierte und sechs Polizisten im Tatort am Sonntag in ORF 2

Wenn im Fernsehen Politik gemacht wird, muss das nicht heißen, dass mehr oder weniger alte Herren über mehr oder weniger reale Gefahren durch beispielsweise Auftragskiller sinnieren. Es kann auch heißen, dass ein Film vom Elend erzählt, das (in diesem Fall buchstäblich) vor der Haustür liegt. Von den 6000 illegalen Prostituierten in Wien, denen sechs Polizisten gegenüberstehen, handelte der jüngste, sehenswerte "Tatort: Angezählt" am Sonntag. Eine der Prostituierten ist verbrannt.

Der "Tatort" hat sich in letzter Zeit schwergetan mit seinem sozialkritischen Anspruch. Die Sujets waren der Realität oft völlig enthoben und/oder zu einem heillosen Durcheinander zusammenkonstruiert. Bereits der vorangegangene "Tatort" hat gezeigt, dass es anders geht. Wurden dort der Empathie nicht mehr so fähige Großstädter in Berlin gezeigt, sind es hier die Wiener, deren goldenen Herzen in der Unterwelt der sogenannten Tischmädchenlokale auch nicht mehr alle Menschen gleich viel wert sind.

Die Hauptfiguren: brutalstmögliche Zuhälter. Osteuropäische Frauen, denen eine glückliche Zukunft versprochen wurde, und die nun, vergewaltigt und für 30 Euro (inklusive "a bissi Popo") zu kaufen, im Elend hausen. Kinder, die in einer solchen Welt keine Chance haben. Außer vielleicht die, zum Mörder zu werden.

Ansonsten gibt es nur: Wut. Vor allem Adele Neuhauser als Bibi Fellner wird davon geplagt, sie hatte der Ermordeten einst Schutz versprochen. Sie verzweifelt ob der eigenen Machtlosigkeit. Einmal ermahnt sie einen rotgesichtigen Freier, beim nächsten Mal mehr als mickrige 30 Euro zu zahlen. Er nickt, wie ein eifriger Schüler. Es ist ihm scheißegal. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 16.9.2013)

  • Ein "Tatort", der vom Elend erzählt.
    foto: orf/petro domenigg

    Ein "Tatort", der vom Elend erzählt.

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