Frankreich: Pragmatismus gegen Industrie-Crash

15. September 2013, 17:23
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Industrielle Prestigeprojekte sollen eine halbe Million Arbeitsplätze schaffen - und dies ohne jeden Staatsdirigismus

Paris - Frankreichs Industrie ist in den letzten Jahren in Rücklage geraten: In einem Jahrzehnt hat sich der einstige Exportüberschuss in ein klaffendes Außenhandelsdefizit von 67 Milliarden Euro (2012) verwandelt. Mehr als 750.000 Stellen gingen in dieser Zeit verloren. Nun versucht die französische Regierung das Steuer herumzureißen. Zum symbolischen Auftakt holte Arnaud Montebourg, Minister für wirtschaftlichen Aufschwung, die Produktion des Mofa Velo-Solex von China nach Frankreich zurück. Das sehr französische Kultobjekt verkörpere den "Industriepatriotismus" à la française, wie Montebourg sein neuestes Steckenpferd nennt.

Zurück in die Zukunft

Diese Woche rief dann Präsident François Hollande im Beisein Montebourgs die "dritte industrielle Revolution" aus. Dank 34 Großprojekten soll Frankreich wieder "Nummer eins im internationalen Wettbewerb" werden, wie der sozialistische Staatschef ohne falsche Bescheidenheit meinte. Im neuesten Konkurrenzfähigkeitsindex des Weltwirtschaftsforums hat Frankreich erneut zwei Plätze verloren und liegt nun auf dem 23. Rang. Das ist demütigend für eine Nation, die mit dem Überschallflugzeug Concorde, dem TGV, der Ariane-Trägerrakete, dem Bildschirmtelefon Minitel und dem schnellen Atom-Brüter einst die ganze Welt beglückte.

Die 34 Projekte sollen an den einstigen Pioniergeist der französischen Ingenieure anknüpfen. Geplant sind etwa ein elektrisch betriebenes Großflugzeug oder Autos, die von allein fahren und nur zwei Liter Benzin auf hundert Kilometern verbrauchen. Schwimmende Windparks, besonders leistungsstarke Wasserkraftwerke oder Sonnenkollektoren gehören dazu genauso wie Roboter für das Alltagsleben.

Knappe Mittel

Nicht alles ist brandneu. Mit einem Teil der Projekte, etwa dem Cloudcomputing, sucht Frankreich nur den Rückstand auf andere Länder wettzumachen. In einigen Bereichen ist französische Ingenieurskunst aber durchaus führend, so etwa bei den heilenden Textilien oder Hochhäusern aus Holzkernen.

Neu ist auch Hollandes Ansatz: Der französische Dirigismus des Zentralstaates ist "passé". Oder wie der Präsident sagte: "Der Staat soll die Privatinitiative nicht ersetzen, denn die Unternehmen kennen ihre Märkte und Kunden am besten." Fazit: "Unsere Industriepolitik ist nicht liberal oder dirigistisch, sie ist französisch und pragmatisch." Letzteres hat seinen Grund auch in den knappen Finanzmitteln des Staates: Nur 3,7 Milliarden Euro - gut 100 Millionen für jedes der ehrgeizigen Projekte - kann die Regierung für ihre Industriepolitik lockermachen. Die Planwirtschaft der 60er- und 70er- Jahre habe ausgedient, räumte Hollande ein. Der Staat habe nur noch die Funktion, "den Rahmen zu schaffen und zu stimulieren".

Den 34 Großprojekten steht denn auch nicht mehr ein Finanzinspektor oder ein Ministerberater vor, sondern ein Großkonzern wie Airbus, Renault, Alstom oder Sanofi. Sie sollen das Vorhaben koordinieren und sich mit Klein- und Mittelunternehmen sowie den regionalen Behörden absprechen.

Kontroverse Steuerdebatte

Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverbände begrüßten die Hollande-Initiative, die laut der - mit der Ausarbeitung betrauten - Beratungsgesellschaft McKinsey in zehn Jahren 475.000 Arbeitsplätze schaffen soll. Das französische Exportdefizit soll von 67 auf 47 Milliarden Euro abgebaut werden.

Fachleute bezweifeln allerdings diese Zahlen. Die neuen Technologien seien nicht nur im Roboter-Bereich darauf ausgerichtet, die Zahl der Arbeitsplätze so knapp wie möglich zu halten, wenden linke Ökonomen ein. Von liberaler Seite wird eingewandt, dass Frankreichs Unternehmen nicht unter mangelndem Erfindungsgeist leiden würden, sondern unter der Steuer- und Abgabelast. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 16.9.2013)

  • Französische Industriearbeiter bei einer Demonstration gegen die Deindustrialisierung.
    foto: epa/langsdon ian

    Französische Industriearbeiter bei einer Demonstration gegen die Deindustrialisierung.

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