Hochkonjunktur für die Lederhose

Kommentar der anderen13. September 2013, 18:24
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In München, Graz und neuerdings auch Wien wird so festlich wie gnadenlos Brauchtum dargestellt, dass jede Urbanität weichen muss

Vor bald neunzig Jahren erlebte ein junger Amerikaner auf dem Münchner Oktoberfest sein weiß-blaues Wunder: "Jedermann aß; jedermann trank. Ein mörderischer Hunger, ein Hunger, der keine Besänftigung kannte, der sich alles gebratene Ochsenfleisch, alle Würste, allen Salzfisch der Welt einverleiben wollte, hielt mich in seinen Klauen. Auf der ganzen Welt gab es nichts als Essen - herrliches Essen. Und Bier - Oktoberfestbier. Die Welt war ein einziger gewaltiger Schlund."

Prächtige Farben

Diese Schilderung findet sich in der autobiografischen Erzählung Oktoberfest von Thomas Wolfe. Ende der 1920er-Jahre besuchte er die Theresienwiese und stand dort erstaunt vor den Eingeborenen: "Diese Bayern", schreibt er, "waren stämmige Männer und Frauen, die der Menge mit den kräftigen Farben ihrer Tracht einen prächtigen Anstrich gaben - die Männer in ihren kunstvoll bestickten Festtagslederhosen und Strümpfen, die Frauen in ihren leuchtenden Kleidern und spitzenbesetzten Miedern, marschierten sie im federnden Schritt der Bergbewohner beherzt dahin."

Was einem Zugereisten damals wie eine regionale Besonderheit vorkommen mochte, ist inzwischen längst Modeware und Markenartikel geworden, flächendeckend in Stadt und Land. Das Geschäft mit der Tracht, ob echt oder unecht, floriert wie nur je, die Lederhose hat heute Hochkonjunktur. Selbst das deutsche Feuilleton hat sie für sich entdeckt.

Kernige Burschen

In der aktuellen Ausgabe des Magazins Cicero hält eine in Berlin lebende Journalistin aus dem Allgäu ein flammendes Plädoyer für die Krachlederne: Die Hose sei ein fester Bestandteil des alpenländischen Lokalkolorits; jedes gestandene Mannsbild schwöre auf sie; sie verwandle selbst den blassesten Stadtbewohner in einen kernigen Burschen und vermittle den Traum bayerischer Ursprünglichkeit.

Heimweh bei Sankt Pölten

Solche Träume finden auch hierzulande reißenden Absatz, und so hat auch Wien seine Wiesn bekommen. Schon zum dritten Mal findet dieser Tage auf der Kaiserwiese im Wiener Prater ein intensiv beworbenes Volksfest statt; kein Stadtfest, sondern ein Kirtag im Großformat. Der Sinn einer solchen Veranstaltung kann wohl nur darin bestehen, all jenen Wienerinnen und Wienern, die ihrem Heimweh spätestens in Sankt Pölten erliegen, den weiten Weg nach München zu ersparen und zugleich den Gästen aus den Bundesländern die Illusion zu vermitteln, Wien sei auch nicht anders als der Rest Österreichs.

Es ist ein "Goldenes Österreich", das hier präsentiert wird, ein "Land im Trachteng'wand" mit einer "Tradition, die Spaß macht", Kaiserzelt und Herzerl-Alm, DJ und Dirndlflug inklusive. Und da heutzutag' ohne Wettbewerb keine rechte Feierstimmung mehr aufkommen will, hat man rechtzeitig vorgesorgt und auch heuer wieder einen "Wiesn-Award" ausgeschrieben: für den volkstümlichen Nachwuchs, der es offenbar nicht erwarten kann, sich einer stets nach neuen Namen und Gesichtern hungernden Unterhaltungsindustrie in den Rachen zu werfen.

Die Krankheit, die in Wien noch in ihren Anfängen steckt, ist auf der anderen Seite des Semmerings bereits in ein fortgeschrittenes Stadium getreten. Ihr auffälligstes Symptom heißt "Aufsteirern" und lässt sich einmal im Jahr beobachten: Jedes Jahr im September wird ein Wochenende lang der Verkehr in der Grazer Innenstadt lahmgelegt, dann senkt sich eine Wolke aus Tracht und Eintracht auf die Stadt herab und bringt den letzten Rest von Urbanität zum Verschwinden.

Während in der steirischen Provinz die Dörfer sterben, setzt man in der Landeshauptstadt ein Wochenende lang eine zeitlose Dorfidylle in Szene. Ohne Unterlass wird da auf dem harten Grazer Pflaster schuhgeplattelt, schaugekocht, getanzt und gejodelt. Auf dem Programm stehen zudem Volksmusik (mit X) und eine Trachtenmodenschau. Dass man sich dabei ausgerechnet auf Peter Rosegger beruft, ist kurios, war doch gerade Rosegger ein erklärter Feind der Trachtenmode und des organisierten Brauchtums. Unter dem Titel Künstliches Volksthum veröffentlichte er 1894 in seinem Heimgarten die folgenden Zeilen:

"Künstliches Volksthum"

"Ein Verein zur Wiedereinführung der steirischen Tracht bei unsern Landsleuten hat nach meiner Meinung keinen Sinn. Das heißt, Ruinen künstlich erhalten, es ist ein gänzliches Mißverstehen des Volksthümlichen. (...). Gebt dem steirischen Bauern wieder die Zustände, daß er seinen Rockloden, sein Schuhleder, seinen Hutfilz, seine Hemdleinwand u. s. w. selbst erzeugt, und seine Tracht ist dann vielsagend und interessant. Wenn der Bauer aber seine Stoffe und sogar den Schneider dazu aus der Stadt holt, um sich 'ländlich' zu kleiden, so ist das Maskerade.

Deshalb Maskerade, weil diese Decoration den Thatsachen nicht entspricht. Die k ü n s t l i c h e Wiedereinführung des Volksthums, wie sie heute vielfach geplant wird, kann wohl keine dauerhafte Folge haben, denn der Sache fehlt die natürliche Nothwendigkeit, ohne welche jede Cultur ein Unding ist." (Christian Teissl, DER STANDARD, 14./15.9.2013)

Christian Teissl (34) ist Fußgänger und Schriftsteller, er lebt als Südsteirer in Graz.
  • Christian Treissl über die großen Trachtenschlachten.
    foto: dpa/ursula düren

    Christian Treissl über die großen Trachtenschlachten.

  • Krachlederne, Tirolerhut und massig Dirndln: Selbst auf den Catwalks der Alpenmetropolen (im Bild München) kennt die offensiv zur Schau getragene Landlebenslust kein Pardon.
    foto: dpa/ursula düren

    Krachlederne, Tirolerhut und massig Dirndln: Selbst auf den Catwalks der Alpenmetropolen (im Bild München) kennt die offensiv zur Schau getragene Landlebenslust kein Pardon.

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