"Bulgarien ist Scheindemokratie"

Interview13. September 2013, 19:34
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Multiunternehmer Iwo Prokopiew prangert Oligarchie an

Sofia/Istanbul - Er nennt es "gesellschaftliches Engagement", seine Gegner nennen es "politische Verschwörung": Iwo Prokopiew - Zeitungsherausgeber, Industrieller und Chef von Finanzdienstleistern - zählt zu den einflussreichsten Männern Bulgariens. Seine Wochenzeitung Kapital gilt als Flaggschiff der politischen Proteste, die das ärmste EU-Land seit Jahresbeginn in Atem halten. Bulgarien sei eine Scheindemokratie, sagt Prokopiew in einem Interview mit dem Standard, das auf seinen Wunsch hin schriftlich geführt wurde.

"Die Scheindemokratie bezieht sich auf die Parteien, die Wahlen, die Debatte, die sich in den Medien abspielt, die Beschlüsse der Regulierungsbehörden und der Gerichte", erklärt der Multiunternehmer. Unabhängig von Wahlausgängen würden in Bulgarien stets die Interessen einer oligarchischen Elite gewinnen, die Ressourcen zu ihren Gunsten verteile.

Dass er selbst zu dieser Elite gehöre, stellt der 42-Jährige in Abrede. Gegen die Oligarchie stehe die Mehrheit der Wähler und der führenden Unternehmer, sagt Prokopiew; sie wollten einen neuen Gesellschaftsvertrag mit der Politik und ein Ende der Korruption. Seine Antworten auf die schriftlich eingereichten Fragen gab er ab, kurz bevor ein anderes Interview des Standard diese Woche für Aufregung in Sofia sorgte: Der Chef der bulgarischen Finanzaufsicht (FSC) warf Prokopiews Konsultingunternehmen Bulbrokers vor, ein Privatisierungsgeschäft der EVN vor zwei Jahren manipuliert zu haben.

Der FSC-Chef wolle nur von Recherchen von Kapital über einen Geldwäscheskandal ablenken, der diesen betreffe, sagt Prokopiew nun und dementiert entschieden.

Der Arm des Sofioter Unternehmers reicht weit, behaupten seine Gegner. Er habe Wirtschafts- und Finanzminister der Regierung Borissow (2009-13) ausgewählt und die Übergangsregierung in diesem Sommer aufgestellt, heißt es etwa. Prokopiew weist das zurück. Staatspräsident Rossen Plewneliew sei ein "vertrauter Familienfreund" gewesen, seit dessen Wahl ins höchste Amt würden Grenzen gelten. (Markus Bernath, DER STANDARD, 14.9.2013)

Iwo Prokopiew (42) ist Mehrheitseigentümer des Economedia-Verlags in Sofia, der u.a. die Wochenzeitung Kapital, die Tageszeitung Kapital Daily und die Internetzeitung Dnevnik herausgibt. Sein zweites Standbein ist die Alfa Finance Holding, eine Gruppe von 20 Unternehmen. Im Frühjahr 2013 verkaufte Prokopiew die Industrieerzanlage Kaolin.

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  • Ein Mann mit Einfluss: Iwo Prokopiew.
    foto: economedia

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