Gewonnen wird im Kopf - und verloren auch

13. September 2013, 17:29
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Wer sich aus der Macht der Umstände befreien und seinen Handlungsspielraum erweitern will, erarbeitet sich mentale Kompetenz

"Instabilität ist zum Status quo geworden", so Dennis Nally, Chairman der internationalen Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers auf dem Davoser Weltwirtschaftsforum im Frühjahr des Jahres. Nun, wer - ob Unternehmer oder Arbeitnehmer - hätte das noch nicht am eigenen Leibe gespürt? Und wem ist die innere Unruhe und Verunsicherung fremd, die die überall immer deutlicher zu spürende Unberechenbarkeit des Geschehens mit sich bringt?! Unschön, aber Realität: Die bislang Stabilität gebende berufliche Lebensgrundlage bekommt zunehmend Risse und Sprünge und verliert ihre Tragfähigkeit.

"Worauf es jetzt vor allem ankommt, ist, sich auf gar keinen Fall in den Strudel schwarzer Gedanken ziehen und den Mut zur Zukunft mitsamt der dazu gehörenden Tatkraft rauben zu lassen", sagt Hans Eberspächer, emeritierter Professor für Sportpsychologie an der Universität Heidelberg und Olympia-erfahrener Fachmann für Bewusstseinssteuerung. Gebot der Stunde sei, "die sich auflösende gewohnte äußere Stabilität durch das Bemühen um innere Stabilität aufzufangen." Selbstbehauptung in unserer Zeit des Ungewissen kann aus seiner Sicht "eigentlich nicht mehr ohne Bemühen um ein gewisses Maß an selbststärkender mentaler Kompetenz gelingen".

Halb voll oder halb leer

Mentale Kompetenz - wer sich für Sport interessiert, dem müsste zumindest der Begriff bekannt sein. Gibt es doch kaum einen Bericht über herausragende sportliche Leistungen, in dem nicht früher oder später der Hinweis auf die Bedeutung des Mentalen auftaucht, darauf, dass Topleistungen in herausfordernden Situationen vor allem Kopfsache sind: Gewonnen wird im Kopf - und verloren auch! "Das hat nichts mit positivem Denken zu tun, mit dem berühmt-berüchtigten halb vollen oder halb leeren Glas, mit Opti- oder Pessimismus", rückt Eberspächer verbreitete Fehlvorstellungen zurecht. Mentale Kompetenz stehe "für die im Leben entscheidende Fähigkeit, sich ziel-, situations- und anforderungsangemessen steuern und organisieren zu können. Was für ihn im Umkehrschluss heißt: Mentale Kompetenz bewahrt einen Menschen davor, hilflos vor herausfordernden und verunsichernden Situationen zu stehen, und ist "deshalb eine Kompetenz, die angesichts der herrschenden Umstände gefragter denn je ist".

Im Grunde genommen geht es bei der mentalen Kompetenz, sprich: dem Vermögen, sich ziel-, situations- und anforderungsangemessen steuern und organisieren zu können, um ein ganz einfaches Entweder-oder: Man kann sich entweder in Mut, Zuversicht und Umsetzungsstärke denken oder in Mutlosigkeit, Zaghaftigkeit und Überforderungsangst. Entweder: Eine schwierige Situation, eine hohe Anforderung - aber bringe ich ein, was ich kann, habe ich eine reelle Chance! Oder: Ich habe keine Ahnung, wie ich bewältigen soll, was auf mich zukommt, das schaffe ich nie! "Wissenschaftlich ausgedrückt", erläutert Eberspächer, "heißt das: Wir handeln immer als erlebende Personen in erlebten Situationen. Und deshalb regiert unser jeweiliges subjektives Situationsmodell unser Handeln." Soll heißen: Schaffe ich!!! - Schaffe ich nie!!! "Wenn Sie hier an selbsterfüllende Prophezeiungen denken, liegen Sie auch nicht verkehrt!"

Fest auf den Beinen bleiben

Sich mentale Kompetenz zu erarbeiten bedeutet also nichts anderes, als sich davor zu schützen, sich nicht selbst ein ums andere Mal zu entmutigen, sich nicht immer wieder im Kopf den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Eberspächer sagt es auch gerne so: "Mentale Kompetenz entscheidet darüber, ob wir im Trubel der Instabilität und der Veränderungen auf den Beinen bleiben oder ob es uns aus den Schuhen haut." Was er damit ausdrücken will, ist: Es sind weniger die so gern als die Schuldigen dargestellten Ereignisse und die sich daraus ergebenden An- und Herausforderungen, die Angst und Schrecken und lähmendes Unbehagen auslösen, als vielmehr wir selbst mit unserer Einstellung dazu! Eberspächer: "Wenn wir uns in unseren turbulenten Zeiten vor etwas zuallererst fürchten müssen, dann vor unserer Hilflosigkeitsvermutung. Wenn wir endlich etwas begreifen müssen, dann das: Wer ständig nur 'Scheiße' schreit, steckt auch bald in derselben!"

Nichts wirke so destruktiv, so lähmend und mache so mutlos wie diese verbreitete resignative Selbstpreisgabe! "Was auch immer Burnout letztlich in der exakten medizinischen Definition ist, es ist auch eine Denkkrankheit", sagt Eberspächer und verweist auf eine Bemerkung des durch seine Arbeiten zum "Flow" bekannt gewordenen amerikanischen Motivationsforschers Mihaly Csikszentmihalyi: "Alles, was wir erleben, wird im Bewusstsein als Information dargestellt. Wenn wir in der Lage sind, diese Informationen zu kontrollieren, können wir bestimmen, wie unser Leben aussieht. Ein Mensch kann sich glücklich oder unglücklich machen, unabhängig davon, was tatsächlich ,draußen' geschieht, indem er einfach den Inhalt seines Bewusstseins verändert."

Ganz so "einfach" sei das natürlich nicht, man müsse schon "ordentlich an sich arbeiten, um die eingefahrenen Denkabläufe aus dem Kopf zu bekommen und nicht automatisch immer wieder in die alten Denkweisen zurückzufallen", aber "vor die Wahl gestellt, sich mehr und mehr vor den Herausforderungen der Zukunft zu fürchten und sich als hilflosen Spielball des Geschehens zu empfinden oder sich aufzuraffen und sich dranzumachen, die automatisierten Denkabläufe endlich zu entschärfen", sei das Wörtchen "einfach" sicher keine gar so euphemistische Beschreibung.

Persönliche Selbststeuerung

"Lassen Sie es mich so sagen", sagt Eberspächer: "Wer sich einen Ruck gibt, sich aufrafft und anfängt, sich mentale Kompetenz zu erarbeiten, befreit sich ein gutes Stück aus dem heiklen Kräftefeld der Rahmenbedingungen, die sie oder ihn umgeben, löst sich dadurch aus der absoluten Steuerung durch die Umstände und erweitert die persönlichen Selbststeuerungsmöglichkeiten. Kurz und gut: erarbeitet sich über die wachsende innere Freiheit größere äußere Handlungsspielräume. Selbstbehauptung anno 2012 plus erfordert mehr denn je beharrliche Arbeit an sich selbst." (Hartmut Volk, Management STANDARD, 14.9.2013)

Lesetipps:

  • Hans Eberspächer: "Gut sein, wenn's drauf ankommt - Von Top-Leistern lernen", Hanser-Verlag, München, 3., überarbeitete Auflage 2011, 241 Seiten, € 20,50
  • Hans Eberspächer: "Ressource Ich - Stressmanagement in Beruf und Alltag" , Hanser-Verlag, München, 3., erweiterte Auflage 2009, 256 Seiten, € 25,60
  • Harlich H. Stavemann: "...und ständig tickt die Selbstwertbombe - Selbstwertprobleme erkennen und lösen", Beltz-Verlag, Weinheim, 2011, 174 Seiten, € 20,60
  • Man kann sich entweder in Mut, Zuversicht und Umsetzungsstärke denken oder in Mutlosigkeit, Zaghaftigkeit und Überforderungsangst.
    foto: istockphoto.com / oksanita

    Man kann sich entweder in Mut, Zuversicht und Umsetzungsstärke denken oder in Mutlosigkeit, Zaghaftigkeit und Überforderungsangst.

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