"Früher hätte ich gesagt: Was hast du getrunken?"

Interview mit Video14. September 2013, 12:00
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Grünen-Chefin Eva Glawischnig und Kabarettist Thomas Stipsits über Joints, "Zugut-Gutmenschen" und Wahlprogramme zum Unterheizen

STANDARD: Frau Glawischnig, Sie scheinen ja schon fix von einer Regierungsbeteiligung auszugehen: In einem Interview haben Sie sich unwidersprochen als Vizekanzlerin in spe anreden lassen.

Glawischnig: Das ist mir schlicht nicht aufgefallen. Ich war so beeindruckt, dass Österreich-Herausgeber Wolfgang Fellner extra für das Gespräch eine Eisenbahn, wie man sie in Heurigengegenden oft sieht, bestellt hat. Bis diese kam, hat er aber ständig gefragt: "Wo ist die Eisenbahn?" Das hat mich sprachlos gemacht.

STANDARD: Eigene Eisenbahn? Damit kann ich jetzt nicht dienen.

Glawischnig: Hab ich mir auch vom Standard nicht erwartet.

Stipsits: Zum Mitregieren sind Sie aber bereit?

Glawischnig: Und dazu fähig. Ich hab's aber aufgegeben, über das Wahlergebnis zu spekulieren. Wer hat geglaubt, dass es in Kärnten eine rot-grüne Mehrheit geben kann? Früher hätte ich da gesagt: Was hast du getrunken?

STANDARD: Und würde sich dann wirklich etwas ändern?

Stipsits: Na ja.

Glawischnig: Gut Ding braucht Weile.

Stipsits: Die Grünen koalieren in Salzburg mit Frank Stronach. Warum soll das im Bund nicht gehen?

Glawischnig: Ich habe ihn ursprünglich nicht mit Heinz-Christian Strache gleichgesetzt, aber durch seine jenseitigen Positionen auf Bundesebene schließt sich Stronach selbst aus. In Salzburg war das Wahlergebnis mit 20 Prozent ein Regierungsauftrag. Erstaunlich war: Das Team Stronach wollte nichts.


Ist die Politik oberflächlich? Ja, sagt Stipsits. Das hänge von der Person ab, sagt Glawischnig.

STANDARD: Aber das wäre ja dann ein Grund, auch im Bund zu reden.

Glawischnig: Die Positionen, die Stronach selbst vertritt, wie Steuersenkung für die Reichsten, oder wie er seine Leute rekrutiert hat, das geht nicht. Aus dem Euro auszutreten ist ein No-Go! Und zu seinem Vorhaben, die Todesstrafe, also den elektrischen Stuhl, einzuführen: Auch für Milliardäre gibt es keine Narrenfreiheit.

Stipsits: Der Stronach ist doch gar nicht so schlecht. Also in dem Sinne, dass er den Strache schwächt.

STANDARD: Herr Stipsits, wie treffen Sie Ihre Entscheidung? Studieren Sie die Wahlprogramme oder ist das eine reine Bauchgeschichte?

Stipsits: Beides. Die Wahlprogramme überfliege ich eher. Aber es gibt gewisse Punkte, wo ich meine Meinung habe, und da schaue ich, welche Partei diese vertritt.

STANDARD: Haben Sie die 130 Seiten der Grünen durchgeackert?

Stipsits: Nein. Überflogen eben. Aber es ist ja Recyclingpapier - und ich habe eh einen Ofen. Am Ende zum Unterheizen.

STANDARD: Sie haben auf Plakaten mit Marienkäfer, Lamm und Schimpanse geworben - Inhalte in Minimaldosierung. Sind Wahlprogramme eigentlich wichtig?

Glawischnig: Auf ein Plakat geht halt wenig drauf. Aber die 130 Seiten sind der Versuch, unsere Positionen zusammenzufassen; also in welche Richtung der Zug fährt. Ganz ehrlich: Alle Details aus dem Wahlprogramm kenne ich auch nicht auswendig.

Stipsits: Grünen-Ikone Freda Meissner-Blau sagt, dass das Programm zwar schön, aber viel zu teuer ist.

Glawischnig: Wir haben uns schon die Mühe gemacht, dass das halbwegs aufkommensneutral gestaltet ist. Uns ist ja die Schuldensituation Österreichs nicht entgangen.

Stipsits: ... wenn man mit den Leuten redet, sagt jeder: Was willst, die Politiker sind eh alle korrupt.

Glawischnig: Es hat einmal einen Mann gegeben, der war auch Kabarettist, der hat dasselbe gesagt. In Kärnten: Rolf Holub hat bei mir geklagt, dass die Grünen zu wenig weiterbringen. Dann haben wir ihn aufgefordert, mitzumachen. Er hat dann gegen irrsinnig große Widerstände diese Hypo-Geschichten aufgedeckt.

Stipsits: Und bei den Grünen kann so etwas nie geschehen?

Glawischnig: 25 Jahre lang bis jetzt nicht. Dass man in der Opposition auch korrupt sein kann, zeigt das BZÖ. Wenn du für etwas brennst, für Werte eintrittst, dann ist die Gefahr, persönliche Interessen in den Vordergrund zu stellen, geringer. Selbst bei Radfahrern und Parkpickerl ...

Stipsits: Apropos Verkehr! Es ist ja richtig, den öffentlichen Verkehr zu forcieren, aber dort wo ich wohne, wenn ich nicht in Wien bin, im burgenländischen Stinatz, stellt sich diese Frage gar nicht. Da gibt es keinen öffentlichen Verkehr.

Glawischnig: Ich komme aus Oberkärnten ...

Stipsits: Ah! Dort ist es ja ähnlich.

Glawischnig: Eben. Wenn man in Kärnten das ganze - nicht vorhandene - Netz nutzen will, kostet das Jahresticket 2400 Euro. Ich frage mich nur: Wofür? Wir haben das Ziel, dass bei allen Regionen Lösungen gesucht werden, um nicht ausschließlich aufs Auto angewiesen zu sein.

STANDARD: Auch in Stinatz?

Glawischnig: Zuerst muss man sich auf die Ballungsräume und Städte konzentrieren. Zwei Autos in einem Haushalt sind eine Belastung - Öl wird sicher nicht mehr billiger werden.

STANDARD: Herr Stipsits, bei Ihnen soll doch eher ein Freibad her - das Sie ständig fordern.

Stipsits: Das ist ja nur die Übergeschichte, so bisserl eine Fitzcarraldo-Geschichte. Wenn jemand ein Opernhaus im Urwald bauen will, geht auch ein Freibad in Stinatz. Aber in Wahrheit spenden wir ja das Geld, das fürs Bad gesammelt wird, dem Integrationshaus.

STANDARD: Sehen Sie einen neuen Trend im laufenden Wahlkampf?

Glawischnig: Das Wichtigste ist, dass es eine Wahlkampfkostenbegrenzung gibt. Versuche, diese zu umgehen, wie die SPÖ das aktuell versuchte, haben wir gestoppt. Sonst landen wir wieder bei Wahlkämpfen à la Haider. Da war jeder Strohballen behängt. Die waren so teuer wie die Bundeswahlkämpfe von SPÖ und ÖVP.

Stipsits: Ich empfinde Politikergespräche oft so uninteressant, weil die Politiker so aufmunitioniert hinkommen, dass sie nie konkret antworten, sondern nur versuchen, ihre Wahlbotschaften runterzuspulen. Der Strache sagt oft überall das Gleiche. Das ist alles lähmend.

Glawischnig: Ich rede lieber über die Verbesserung der Schulen und die zu vielen Schließtage in Kindergärten als zum hundertsten Mal übers Parkpickerl.

Stipsits: Wobei bei dem Parkpickerl habe ich mir gedacht ...

STANDARD: Apropos!

Stipisits: Ich find das zwar gut, aber es war so eine österreichische Lösung. Warum nicht ganz Wien.

Glawischnig: Das stimmt völlig.

Stipisits: In Wien, in meiner Gasse, sind alle komplett angfressn.

STANDARD: Ist die Politik oberflächlicher geworden?

Glawischnig: Das hängt ganz von den Personen ab. Die Salzburger Grünen-Chefin Astrid Rössler kann man ja nicht zum Beispiel mit dem burgenländischen Landeshauptmann Hans Niessl vergleichen, dem es vor allem um Selbstdarstellung geht. Als wir kleiner waren als jetzt, wurde uns vorgeworfen, wir müssten mehr in die Breite gehen. Das machen wir jetzt und werden dafür kritisiert. Ich sehe das nicht als Verflachung.

Stipsits: Sicher rennt das oberflächlicher ab. Es wird ja auch populistischer wahlgekämpft.


"Was Sie machen, ist Satire. Was die FPÖ macht, ist nur zum Speiben", sagt Glawischnig.

STANDARD: Im Vorjahr hieß es "Eva lädt ein", heuer "Eva deckt auf" - Ihre Touren durch Österreich klingen auch weichgespült. Darf Politik nicht als Politik erkennbar sein?

Glawischnig: Ich glaube, dass die Leute in ihrem Leben ganz viele andere Dinge zu tun haben, als sich ausschließlich mit Politik zu beschäftigen. Daher gehen wir niederschwellig auf die Leute zu. Es gibt nichts Direkteres als ein Vier-Augen-Gespräch. Und das ist schon auch sehr fordernd.

Stipsits: Gerade im ländlichen Bereich haben die Grünen ja noch immer massiv mit Vorurteilen zu kämpfen: Haschisch wird jetzt legalisiert, Benzin teurer.

STANDARD: Treibstoff wird teurer.

Stipsits: Ja, eh.

Glawischnig: Beim Normalbenzin sind wir am Limit. Beim Diesel ist ein Spielraum, weil das vor allem die Frachtlobby betrifft. Zwei Drittel der Dieselmenge gehen auf den Lkw-Verkehr zurück. Durchfahren ist so billig bei uns wie nirgendwo.

Stipsits: Also stimmt das Vorurteil ein bisserl.

Glawischnig: Ja, ein bisserl.

STANDARD: Und das Haschisch?

Glawischnig: Diese Geschichte kursiert seit 100 Jahren, weil sie viele ÖVPler in so Fibeln reinschreiben. Meine Position: Ich wünsche mir, dass die Jugendlichen gar nichts rauchen. Aber wenn sie was rauchen und das ein Joint ist, sollen sie dafür nicht ins Gefängnis gehen müssen. Und: Warum schreibt die ÖVP keine FPÖ-Fibel?

Stipsits: Gerade die letzte FPÖ-Kampagne mit dem "Daham statt Islam" war grenzwertig. Da hätte ich mir von den Grünen ein vehementeres Auftreten dagegen erwartet. Das war zu intellektuell angelegt - plus Plakate in so einem Siebenter-Bezirk-Bobo-Schick.

STANDARD: Herr Stipsits, mit der FPÖ hatten Sie auch schon heftigen Kontakt. Sie haben in einem Interview gesagt, "wären die Tauben Herbert Kickl und HC Strache, die würde ich dann eher erschieaßn."

Stipsits: Genau. Das war natürlich nicht die glücklichste Aussage. Aber ich bin gewaltfrei. Ich war ja auch Zivildiener. Eines muss ich sagen: Die Freiheitlichen schauen sich wirklich alles an. Dann war ich linke Zecke und Staatskünstler. Ich hab es sogar auf Martin Grafs unzensuriert.at gebracht.


"Man muss nur selbst aufpassen, dass etwa die Ausländer nicht zu sehr als heilig angesehen werden", sagt Stipsits.

STANDARD: Haben Sie die Aussage zurückgenommen?

Stipsits: Nein, das ist einfach versandet. Wenn ich das gemacht hätte, müsste vorher die FPÖ zig Aussagen zurücknehmen.

Glawischnig: Was Sie machen, ist Satire. Was die FPÖ macht, ist nur zum Speiben.

Stipsits: Man muss nur selbst aufpassen, dass etwa die Ausländer nicht zu sehr als heilig angesehen werden. Es gibt eine Nummer von Funny van Dannen. Er singt, auch Schwule, Behinderte und Schwarze können ätzend sein.

Glawischnig: Und nicht jeder Radfahrer ist ein guter Mensch.

Stipsits: Bei den Grünen kommt das manchmal zu einseitig daher.

Glawischnig: Das sehe ich anders. Man darf vor Problemen nicht die Augen verschließen. Wenn etwa Imame Problematisches predigen. Auf der anderen Seite gibt es Ausländergesetze, die ungerecht sind.

STANDARD: Sie haben gerade Funny van Dannen zitiert. Ist das etwas, was bei den Grünen aufs Korn genommen gehört?

Stipsits: Ja, natürlich. Dieses deklarieren als Zugut-Gutmensch.

STANDARD: Wird es fürs Kabarett schwieriger, Stoff zu finden?

Stipsits: Nein. Ganz im Gegenteil. Ich finde es viel politischer, wenn im Kabarett nicht direkt gesagt wird, der Herr Faymann macht das und das. Das impliziert immer, dass ich weiß, wie es läuft. Qualtinger hat einmal gesagt: Wenn man auf der Bühne Lösungen anbietet, ist man kein Kabarettist, sondern Landeshauptmann. Das stimmt. Oder Journalist.

STANDARD: Sie haben sehr einfühlsam einmal den griechischen Botschafter Stipsidis verkörpert. Wie würden Sie einen grünen Politiker im Kabarett darstellen?

Stipsits: Er würde sicher eing'raucht sein. (Peter Mayr, Thomas Wultsch, DER STANDARD, 14.9.2013)

ZU DEN PERSONEN

Eva Glawischnig, Jahrgang 1969, ist seit 2009 Bundessprecherin der Grünen. Die gebürtige Kärntnerin arbeitete als Juristin bei Global 2000, bevor sie 1996 in die Wiener Politik einstieg. Von 2006 bis 2008 war sie Dritte Nationalratspräsidentin. In den Nationalrat kam sie im Jahr 1999. Sie ist verheiratet und Mutter zweier Kinder.

Thomas Stipsits, Jahrgang 1983, ist Schauspieler und Kabarettist. Der gebürtige Leobner erhielt 2012 für das Programm "Triest" (gemeinsam mit Manuel Rubey) den Österreichischen Kabarettpreis. Von 20. bis 22. September ist Triest etwa im Wiener Stadtsaal zu sehen. Stipsits Wahlheimat ist Stinatz im Burgendland.

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