Peer Steinbrück, dieser schlimme Finger

Blog13. September 2013, 16:32
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Kurz vor der Bundestagswahl zeigt der SPD-Kanzlerkandidat seinen Kritikern den Stinkefinger und spaltet damit Deutschland

Auf das Magazin, das der Süddeutschen Zeitung jeden Freitag beiliegt, freuen sich viele Menschen vor allem wegen einer Rubrik, die fast gänzlich ohne gedruckte Worte auskommt. "Sagen Sie jetzt nichts", heißt diese, und Prominente beantworten Fragen nach ihrer Befindlichkeit nicht mit Worten, sondern lassen sich in verschiedenen Posen fotografieren. Es zählen nur Gestik und Mimik.

Das ist oft sehr vergnüglich, manchmal lassen die Fotos auch tief blicken. Was dem Betrachter in der aktuellen Ausgabe geboten wird, das jedoch hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Ein Politiker, der sich um das Amt des Bundeskanzlers bewirbt, zeigt den Fotografen und damit auch gleich der ganzen Nation den Stinkefinger.

Klar, dass es dieses Foto von Peer Steinbrück auch auf die Titelseite des Magazins geschafft und somit zum Tagesgespräch Nummer Eins im politischen Berlin geworden ist. "Pannen-Peer, Problem-Peer, Peerlusconi – um nette Spitznamen müssen Sie sich keine Sorgen machen, oder?" lautet jene Frage, die Steinbrück nicht nur mit dem speziellen Fingerzeig, sondern auch mit einem Gesichtsausdruck beantwortet, dessen Interpretation ohnehin nicht druckreif wäre. „Ihr könnt mich mal" wäre noch die höflichere Variante.

Laut SZ-Magazin hat Rolf Kleine, der Sprecher Steinbrücks, versucht das Bild zu streichen. Aber Steinbrück meinte: "Nein, das ist ok so." Er erklärt die Fotoserie, die schon Ende Juli aufgenommen wurde, so: "Da werden einem Fragen gestellt, die man übersetzt in Gebärden, in Grimassen, in Emotionen. Das schauspielert man dann. Und ich hoffe, dass die Republik auch den Humor hat, dann diese Grimassen und diese Gebärdensprache bezogen auf die Fragen richtig zu verstehen."

Das Echo ist im Netz ist geteilt. Die einen finden's peinlich, die anderen originell. Selbstredend gibt es zum Finger auch schon einen eigenen Twitteraccount (#peersfinger und #stinkefinger) sowie weiterführende Bildbearbeitungen.

In der Politik versuchen natürlich vor allem Union und FDP das Foto auszuchlachten.  "Die Geste verbietet sich als Kanzlerkandidat. So etwas geht nicht", sagt etwas FDP-Chef und Vizekanzler Philipp Rösler. Und für CDU-Mann Stefan Kampeter erklärt, dass Steinbrück "charakterlich nur eingeschränkt geeignet" sei für höhere Ämter. Die SPD hat offenbar nach einer Schrecksekunde beschlossen,  das Foto lustig zu finden. "Peer Steinbrück hat in einem ironischen Foto-Interview auf ironische Art Emotionen gezeigt", sagt SPD-Chef Sigmar Gabriel etwas hölzern.

Ein anerkennendes "Du coole Sau" kam ihm diesmal allerdings nicht über die Lippen. Laut Süddeutscher Zeitung hat er das bei einem Empfang nach dem TV-Duell gegen Kanzlerin Angela Merkel Steinbrück ins Ohr geflüstert. Weil sich der in den 90 Minuten so wacker geschlagen und einen deutlich besseren Eindruck gemacht hatte als in den Monaten zuvor im Wahlkampf.

Steinbrück ist nicht der erste Politiker, der sich auf die Interview-Reihe einließ. Auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) machte mit, die Grünen-Chefs Cem Özdemir und Claudia Roth sowie Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU). Gefragt, warum Steinbrück nicht Kanzler werde, äffte sie ihn übrigens als unnahbaren Griesgram mit herabhängenden Mundwinkeln nach.

Auch nicht sehr staatstragend, aber so einer so außergewöhnlichen Geste wie Steinbrück hat sich eben noch keiner hinreißen lassen. Merkels Sprecher Steffen Seibert  wurde am Freitag gefragt, ob es auch schon an die Kanzlerin Anfragen für derlei Fotos gegeben habe, ließ sich aber eine Antwort nicht entlocken. Recht ergiebig wäre ein Foto-Interview mit Merkel wahrscheinlich ohnehin nicht. Von ihren Händen kennt man vor allem die optisch wenig dynamische „Raute der Macht".

Wie könnte also ein Fotointerview mit ihr aussehen? Antwort gibt Christian Lindner, der Chefredakteur der Rhein Zeitung. (derStandard.at, 13.9.2013)

  • Artikelbild
    foto: süddeutsche magazin/alfred steffen
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