Fahrbare Minipraxis: "Das habe ich zuletzt in der Westsahara gesehen"

Reportage14. September 2013, 12:00
210 Postings

Im Louisebus erhalten Menschen ohne Krankenversicherung medizinische Versorgung. Seit 20 Jahren läuft das Projekt, die Zahl der Behandlungen ist seither massiv gestiegen. Ein Vormittag in der Minipraxis auf vier Rädern.

Wien - Mit einem Ruck öffnet sich die Schiebetür des weißen Kleinbusses. Eine blonde Frau mit wild gemustertem Leiberl streckt den Kopf heraus und ruft: "Wer ist der Nächste bitte?" Sogleich setzt sich ein rundlicher Mann in abgenudeltem Anzug in Bewegung, hievt sich am Haltegriff ins Gefährt und landet auf der mit grauem Kunstleder überzogenen Bank.

"Schmerzen hier", sagt der Mann und zeigt erst auf seine Brust, dann wandert seine reichlich tätowierte Hand zur rechten Wange: "und hier." "Aha", sagt die Frau, "Blutdruck messen und Adresse von Gratiszahnarzt, gut?" Monika Stark, praktische Ärztin und an diesem trüben Septembervormittag Chefin im Louisebus, konzentriert sich im Patientengespräch aufs Wesentliche.

Menschenschlange vor dem Kleinbus

Denn zum einen hat sich vor dem Fahrzeug, das neben dem Eingang zum Tageszentrum Josi an der U6-Station Josefstädter Straße parkt, bereits eine beachtliche Menschenschlange gebildet. Zum anderen versteht ein Gutteil der Patienten nur ein paar Brocken Deutsch. So wie der aus Serbien stammende Ratko R., den Stark mit leicht erhöhtem Blutdruck, der Visitenkarte einer Zahnarztpraxis für Obdachlose und dem Versprechen, bald wieder zur Kontrolle vorbeizukommen, zurück auf die Straße entlässt.

Seit mittlerweile zwanzig Jahren tingeln regelmäßig Ärzte mit fahrbarer Minipraxis durch Wien, um Wohnungslose medizinisch zu versorgen. Der Bus hält täglich vor Suppenküchen, Tageszentren und Bahnhöfen, acht neuralgische Punkte fährt er an. Die Caritas hat die Schirmherrschaft über das Projekt übernommen, benannt ist es nach der Gründerin der Vinzentinerinnen, Louise de Marillac.

9500 Behandlungen im Jahr 2013

Die Zahl der Menschen, die keinen anderen Zugang zu ärztlicher Betreuung haben, steigt: Vor sieben Jahren zählte das Louisebus-Team 5300 Behandlungen, heuer waren es bereits 9500. Oft warten bis zu 40 Leute vor dem Kleinbus darauf, ein paar Minuten mit einem Arzt sprechen zu können. Der Großteil - rund zwei Drittel - stammt aus den neuen EU-Ländern.

Denn im Unterschied zu obdachlosen Österreichern, die über längere Zeit in der Hauptstadt gemeldet waren, haben sie keinen Anspruch auf Sozialhilfe und sind somit auch nicht versichert. In der Hoffnung auf ein besseres Leben kommen sie ohne Geld und Job nach Wien - und landen auf der Straße. Aber auch Österreicher werden vermehrt beim Louisebus vorstellig. Herbert B. zum Beispiel stellt sich um einen Hustensaft gegen seine Bronchitis an. "Ich habe leider ein paar Termine beim Sozialamt verpasst und bin jetzt nicht mehr versichert", sagt der 33-Jährige und nimmt einen Zug von seiner Zigarette, "ich komme aber auch wegen der Frau Doktor, weil die sehr nett ist."

Bezug zur Entwicklungshilfe

Die "Frau Doktor", Monika Stark, ordiniert seit zehn Jahren regelmäßig im Louisebus. Über die Frage nach dem Warum muss sie erst nachdenken. "Hm", sagt sie schließlich, "meine Eltern waren Entwicklungshelfer, und ich habe selbst eine Zeitlang in Afrika gearbeitet - mit meinen drei Kindern ist das Reisen aber schwierig." Und so sehr unterscheide sich dieser Job nicht von Entwicklungshilfe. "Letztens ist ein Mann zu mir gekommen, der Riesenbeulen am ganzen Körper hatte, die ständig aufplatzten - das habe ich zuletzt in der Westsahara gesehen." Und die Behandlung sei auch ähnlich einfach gewesen: "Sieben Tage Antibiotika, und die Sache war erledigt."

Während sie das sagt, hält Stark bereits Ausschau nach dem nächsten Patienten. "War da vorher nicht eine Schwangere?", ruft sie zur Tür hinaus. "Die is scho wieda weg", antwortet eine Frau, die ganz hinten in der Schlange steht. Stattdessen klettert ein Mann mit geschwollener Lippe ins Fahrzeug. "Ich gefallen", sagt er, "ich Epilepsie, brauche Medikamente". "Trinken Sie?", fragt die Ärztin. "Nein, nein", antwortet er, "ich fertig mit trinken".

Laut Stark ist Entzugsepilepsie unter Obdachlosen ein weitverbreitetes Problem. "Wenn sie für ein paar Tage einen Job auf der Baustelle bekommen, gehen sie nüchtern hin - und dann kommen die Anfälle", sagt sie und drückt dem Mann eine Packung Tabletten in die Hand. "Sie sagen mir, ob geholfen - sonst andere Medikamente, okay?"

34 Euro brutto

Die Louisebus-Ärzte arbeiten für 34 Euro brutto in der Stunde. Sie behandeln jeden, der ihre Hilfe benötigt - und könnten dabei selbst Unterstützung gebrauchen. "Wir suchen ständig Fachärzte, zu denen wir unsere Patienten schicken können, zum Beispiel Dermatologen oder Kinderärzte", sagt Stark. Dabei wandert ihr Blick erneut auf das Grüppchen vor dem Bus. "Die Schwangere hätte ich mir schon gern angeschaut", sagt sie, "vielleicht kommt sie ja zurück". Stark wird an diesem Vormittag vergeblich auf sie warten. (Martina Stemmer, DER STANDARD, 14./15.9.2013)

  • Langes Warten für ein paar Minuten mit der Frau Doktor: Monika Stark ist seit zehn Jahren regelmäßig mit dem Louisebus in Wien unterwegs.
    foto: christian fischer

    Langes Warten für ein paar Minuten mit der Frau Doktor: Monika Stark ist seit zehn Jahren regelmäßig mit dem Louisebus in Wien unterwegs.

Share if you care.