Sturm aufs Kanzleramt

13. September 2013, 17:49
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Emotion und Vernunft: Thomas Stangls neuer Roman "Regeln des Tanzes" verbindet gekonnt Politik mit Sprachkunst

In Thomas Stangls neuem Roman finden sich Sätze wie "In dieser Geschichte kommt kein Ich vor". Allerdings folgt Regeln des Tanzes klaren Regeln des Erzählens: Es gibt drei Hauptfiguren mit Namen, die handeln, denken und reden, und es gibt einen Erzähler, der penibel berichtet. Nicht neu bei Stangl ist die Form des repetitiven Erzählens, das heißt, Wörter, Gedanken, ganze Satzteile werden im Text wiederholt oder variiert.

Das ergibt einen Sprachsog, dem man sich kaum entziehen mag. Zudem wird man vom Erzähler permanent mit Du angeredet. "Mit der Enttäuschung, sagte eine düstere Stimme in seinem Innern, würde seine ganze Existenz zerbrechen; nun soll sie doch, denkst du fröhlich." Der angesprochene Leser nimmt so wesenhafte Teile der Romanpersonen in sich auf und folgt mit ihnen der "Tanzregel" eines lateinischen Palindroms: In girum imus nocte et consumimur igni. / Wir irren des Nachts im Kreis herum und werden vom Feuer verzehrt.

In Regeln des Tanzes ist das feste Ich-Bewusstsein der Protagonisten ins Wanken geraten. Da ist einmal Dr. Walter Steiner. Er hat eine Kunsttheorie verfasst, in der es um "revolutionäre Kunst als Selbstabschaffung des Künstlers" geht, also um eine "sogenannte Selbstausstreichung des Künstler-Ichs (der Marke Ich)". Anscheinend Rentner, lebt jetzt Steiner wohl situiert in den Tag hinein.

Auf der anderen Seite stehen zwei junge Frauen: Mona Stanek und ihre ältere Schwester - erst ganz zum Schluss wird Thomas Stangl sie mit "Andrea" ansprechen. Doch im Anlaut der Nachnamen hat sich der Autor selbst in den Roman mit eingeschrieben: Steiner - Stanek - Stangl.

Regeln des Tanzes spielt auf zwei Zeitebenen: Da ist einmal das Frühjahr 2000. Wolfgang Schüssel wird mithilfe der Rechtspopulisten unter Jörg Haider Bundeskanzler. Proteste im In- und Ausland sind die Folge. Die andere Zeitebene führt in die nahe Zukunft: Steiner und Andrea Stanek treffen im Jahr 2015 aufeinander. Diese Begegnung ist allerdings alles andere als zufällig. Bei seinen Streifzügen durch Wien hat Steiner zwei Filmrollen entdeckt. Die Fotos zeigen die beiden Schwestern, wobei klar wird, dass Mona Stanek 2000 im einundzwanzigsten Lebensjahr gestorben ist. Da Steiners Leben leerläuft, er sozusagen im Kreis geht, macht er sich auf, die lebende Schwester zu finden.

Andrea und Mona Stanek sind nach dem Selbstmord des Vaters auf der Suche nach Identität, nach Selbstgewissheit. Aber ist nicht alles Lug und Trug in einem Staat, dessen höchste Vertreter Geschichtsglättung betreiben, rechtes Gedankengut regierungsfähig machen und Informationen durch die Staatsmedien filtern und steuern?

Mona, die jüngere Schwester, reagiert auf all das mit der nihilistischen Geste des Punk: ziellos durch die Stadt tanzen, in Kneipen, bei fremden Männern stranden, untertauchen, endlich verschwinden. Andrea wählt den aktiveren Weg: Sie nimmt teil an den Demonstrationen gegen die Regierung und wird so Teil jener Masse, die auf demokratische Weise ihre Ablehnung kundtut. In diesen Momenten fühlt sie "vollkommene Freiheit".

Wie man weiß, verstand die Regierung die Demos zu ignorieren und medial zu verharmlosen. Mit der Zeit wurden sie zu einem reinen Ritual, liefen - wie das Leben selbst - ins Leere. An dieser Stelle blitzt im Roman Radikalität auf: Was wäre gewesen, wenn man das demokratische Recht auf Demonstration gegen die Revolte eingetauscht hätte? Was wäre gewesen, wenn die Masse Ernst gemacht hätte, "das Kanzleramt zu stürmen"? Wäre dann auch "alles umgestürzt"?

Das ist eine Frage, auf die es in Österreich seit der gescheiterten bürgerlichen Revolution von 1848 keine Antwort gibt. In den 1950er-Jahren haben dann die Wiener Gruppe und der Wiener Aktionismus dieser Revolte künstlerisch ein letztes Mal Ausdruck verliehen.

Thomas Stangl hegt eine gewisse Sympathie für den Aktionismus. Nicht sprachlich, denn seine Sprache ist durch und durch feinsinnig, mittels Repetitionen von Wörtern, Sätzen, Motiven führt er den Lesern das Seelenleben der Protagonisten wie mit einem Zoom hautnah vor Augen. Das ist Sprachkunst auf höchstem Niveau. Stangls Aktionismus ist Romangeschehen: Mona wird sich im Gewirr der Demonstrationen die Pistole eines Polizisten aneignen und sich selbst auslöschen.

Ein Suizid-Happening läuft da ab, das der Staatsmacht das Recht auf den Tod entzieht und zugleich den Vertreter der Staatsmacht zum "Mit-Akteur" der tödlichen Aktion verdammt. Andrea Stanek tritt mit einer eigenen Tanz-Performance vor Publikum auf, um so ihrer Wut und Ohnmacht Ausdruck zu verleihen. Und Walter Steiner wird letztlich Teil von Andrea Staneks Performance-Kunst: Nackt steht er auf der Bühne, vom Feuer der Staatsmacht verzehrt, eine Person ohne festes Ich, eine Person, die in ihrer Verletzbarkeit Sätze von Thomas Stangl repräsentiert: "Wörter sind nur Hüllen für die Gewalt. Aber was ist das für ein Denken, das die Wörter und die Vernunft aufgibt? Was ist von dir geblieben, wenn du die Wörter und die Vernunft aufgibst, was hält dich dann, an ihrer Stelle?"

Antwort können Andrea Stanek und Walter Steiner nur dann geben, wenn man sie gegen Schluss des Romans als allegorische Figuren deutet: Es ist die Verbindung von künstlerischer Emotion und vorsichtigem Vernunftdenken. Nur so lassen sich die diktierten Regeln des Tanzes umgehen, nur so wird einen das Feuer nicht verzehren. Damit ist Thomas Stangls Roman ein politischer und zugleich einer der Sprachkunst. Seine Befunde zur Gesellschaft treffen ins Schwarze, seine Sätze ins Herz. Ein Meisterstück - jede andere Bezeichnung wäre Untertreibung.     (Andreas Puff-Trojan, Album, DER STANDARD, 14./15.9.2013)

Thomas Stangl, "Regeln des Tanzes". Roman. € 22,00 / 278 Seiten. Droschl, Graz 2013

Hinweis: Thomas Stangl liest am 17. September um 19 Uhr zur Eröffnung der Herbstsaison in der Alten Schmiede, Wien (1., Schönlaterngasse 9) aus dem besprochenen Band.

  • Was ist das für ein Denken, das die Wörter und die Vernunft aufgibt, fragt Thomas Stangl in seinem neuen, großen Roman.
    foto: marko lipus

    Was ist das für ein Denken, das die Wörter und die Vernunft aufgibt, fragt Thomas Stangl in seinem neuen, großen Roman.

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