Hornhaut des Auges verrät Nervenschäden

13. September 2013, 07:58
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Nervenfasern der Hornhaut geben Hinweise auf das Ausmaß einer diabetischen Neuropathie - Mit frühzeitigen Diagnosen lassen sich Folgeschäden verhindern

Berlin – Die Hornhaut des Auges gibt Auskunft über Schäden im gesamten Nervensystem. Auf Basis dieser Erkenntnis haben Augenärzte aus Rostock eine neue Untersuchungsmethode für die diabetische Neuropathie entwickelt. Das Rostock-Laser-Scanning-Mikroskop bietet damit ein schonendes Diagnoseverfahren für die Folgeerkranung, unter der jeder vierte Diabetiker leidet.

Die neue Untersuchungsmethode könnte auch die Entwicklung eines Neuropathie-Medikaments entscheidend voranbringen, erklärten die Wissenschaftler am Donnerstag auf der Vorab-Pressekonferenz des 111. Kongresses der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG). Die Jahrestagung findet vom 19. bis 22. September in Berlin statt.

Chronische Wundheilungsstörungen

Neuropathie ist eine gefürchtete Spätfolge des Diabetes. Die dauerhaft erhöhten Blutzuckerwerte schädigen das periphere Nervensystem, kribbelnde, stechende und brennende Schmerzen in den Füßen und Beinen sind die häufige Folge. Schmerzen und Taubheitsgefühle sind die Folge. Weil die Betroffenen kleinere Fußverletzungen nicht mehr spüren, kommt es zu chronischen Wundheilungsstörungen, die in der Amputation einzelner Zehen oder des gesamten Fußes enden können.

Bislang gab es keine Möglichkeit, eine Neuropathie früh und zuverlässig zu diagnostizieren. "Gewebeproben aus betroffenen Gebieten des Beines waren bisher als invasive, aber trotzdem nicht immer zuverlässige Methode notwendig", erläutert Rudolf Guthoff, Direktor der Universitätsaugenklinik Rostock. Die Wissenschaftler suchten daher nach einem neuen und schonenderen Verfahren, das an der Hornhaut des Auges ansetzt. "Wir wissen, dass das Auge Nervenschädigungen am gesamten Körper widerspiegelt", so Guthoff.

Vermessung der Hornhaut

In Zusammenarbeit mit der Firma Heidelberg Engineering entwickelten die Mediziner das Rostock-Laser-Scanning-Mikroskop (RLSM). Mit einem speziellen Aufsatzmodul vermessen die Ophthalmologen das Nervenfasergeflecht der Hornhaut und ziehen dadurch Rückschlüsse auf das Nervensystem des Körpers. "Parameter wie Nervenfaserlänge, Nervenfaserdichte und Anzahl der Verzweigungen sind ein direkter Gradmesser für das Ausmaß der Neuropathie", erklärt Guthoff. Für die Untersuchung erhält der Patient anästhetische Augentropfen. Dann berührt das Mikroskop kurz die Augenoberfläche, und es baut sich ein Bild der Nervenfaserstruktur auf.

"Mit dem Mikroskop können wir die diabetische Neuropathie frühzeitig diagnostizieren, bevor es zu schweren Schäden kommt", sagt Guthoff. Eine wirksame Behandlung der diabetesbedingten Neuropathie gibt es bislang nicht. "Aber man kann vorbeugen, indem der Patient auf einen gut eingestellten Blutzucker achtet, Bagatellverletzungen am Fuß meidet und regelmäßig zur Fußpflege geht", erläutert der Experte.

Klinische Anwendung steht noch aus

Die neue Methode dürfte auch die Entwicklung neuer Medikamente voranbringen, hofft der Guthoff. Die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) denkt bereits darüber nach, das Rostocker Mikroskop als einen diagnostischen Marker für künftige Studien einzuführen. So könnten Pharmafirmen die Wirksamkeit eines Neuropathie-Präparats erstmals eindeutig und frühzeitig nachweisen.

Bisher bieten erst wenige spezialisierte Universitätsaugenkliniken die neue Nervenfaseranalyse an. "Hoffentlich bald wird jedoch eine komfortable Analysesoftware zur Verfügung stehen, die eine breite klinische Anwendung ermöglicht", ergänzt Guthoff. (red, derStandard.at, 13.9.2013)

  • Die Hornhaut im Auge repräsentiert das menschliche Nervensystem.

    Die Hornhaut im Auge repräsentiert das menschliche Nervensystem.

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