"Syrien hat das größte C-Waffen-Arsenal der Welt"

Interview12. September 2013, 19:58
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Der französische Politologe Olivier Lepick glaubt nicht, dass das Angebot Syriens, seine Chemiewaffen unter internationale Kontrolle zu stellen, Aussicht auf rasche Umsetzung hat

STANDARD: Was halten Sie vom russisch-syrischen Angebot einer C-Waffen-Kontrolle?

Lepick: Das ist ein Hinhaltemanöver, um Zeit zu gewinnen. Der positive Aspekt daran ist, dass Syrien erstmals eine internationale Kontrolle seiner chemischen Waffen akzeptieren und die Chemiewaffenkonvention ratifizieren will. Bloß scheint dieser Vorschlag in der jetzigen Lage nicht wirklich realistisch zu sein.

STANDARD: Warum?

Lepick: Allein schon die Inventur verursacht größte Probleme. Das mussten schon die Inspektoren im Irak und dann im Iran feststellen. In Syrien müsste man sogar Kriegsgebiet aufsuchen.

STANDARD: Wie ginge der Abbau der C-Waffen vor sich?

Lepick: Das ist noch schwieriger. Man muss die Infrastruktur zum Abbau und zur Zerstörung der Chemiewaffen, meist durch Verbrennung bei sehr hoher Temperatur, dort errichten. Abgesehen von der militärisch-politischen Lage: Das würde so viel Zeit in Anspruch nehmen, dass mit einem Ende der Operation erst gegen 2020 gerechnet werden könnte.

STANDARD: Handelt es sich also um einen Bluff von Bashar al-Assad?

Lepick: Es war ein gewiefter Coup. Er klingt nach gesundem Menschenverstand und diplomatischem Entgegenkommen, und das ist sehr wichtig in Zeiten, in denen die öffentliche Meinung eine wichtige Rolle spielt. Das war eine diplomatische Meisterleistung.

STANDARD: Stimmt es, dass Syrien über das größte Arsenal im Nahen und Mittleren Osten verfügt?

Lepick: Syrien dürfte nicht der einzige C-Waffen-Hersteller der Zone sein. Gerüchteweise ist auch von Israel die Rede. Damaskus verfügt über das umfangreichste Militärprogramm für C-Kampfstoffe in der Region, wenn nicht gar in der Welt. Dabei ist Damaskus im Besitz von Substanzen der neusten, sehr neurotoxischen Generation.

STANDARD: Wie groß ist dieses Programm?

Lepick: Man muss schätzen: wohl einige Hundert Tonnen. Das genügt heute, um das weltweit größte Arsenal zu besitzen.

STANDARD: Der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi soll auch C-Waffen gehortet haben ...

Lepick: Die entdeckten C-Waffen-Lager in Libyen waren sehr viel kleiner als die in Syrien. Was damit geschehen ist, weiß die internationale Gemeinschaft nicht. Offiziell wurden viele Fässer noch nicht gefunden. Ich könnte mir vorstellen, dass sie wie bisher irgendwo gut abgeschottet sind. (Stefan Brändle, DER STANDARD, 13.9.2013)

Olivier Lepick (45) ist Politologe und Völkerrechtler und arbeitet an der Pariser Stiftung für strategische Forschung (FRS) im Bereich chemische und biologische Waffen.

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    foto: privat
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