"Am nächsten Morgen ist alles verkauft"

12. September 2013, 18:15
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Christoph Stanger leitet das Europa-Aktiengeschäft bei Goldman Sachs. Der Österreicher meint, dass der Sparkurs goldrichtig war

Wien - Wenn Christoph Stanger von der Investmentbank Goldman Sachs derzeit Aktientransaktionen abwickelt, kann er nicht über mangelnde Nachfrage klagen. "Unsere Pipeline ist voll", schildert der frischgebackene Chef für den Bereich Börsengänge und Kapitalerhöhungen in Europa im Gespräch mit dem Standard. Der in Salzburg aufgewachsene Banker hat in den letzten Monaten federführend Transaktionen wie den Börsengang von Odfjell Drilling, Kion oder KPN über die Bühne gebracht.

Vor allem der Verkauf größerer Aktienpakete laufe wie geschmiert, allein letzte Woche wurden fünf Blöcke an den Mann gebracht: "Um 17.30 Uhr wird nach Börsenschluss ein Preis festgelegt, am nächsten Morgen ist alles verkauft", erzählt Stanger. In den nächsten Wochen sind drei größere Emissionen geplant, darunter mit der britischen Royal Mail auch ein echter Jumbo. Der Börsengang der Österreichischen Post habe dabei als Vorbild gedient. Auch bei Royal Mail sollen rund 50 Prozent in private Hände übergeführt werden.

Impulse aus den USA

Für Stanger kommen die Impulse an den Aktienmärkten zu einem guten Teil aus den USA: Allein heuer seien 80 Milliarden Dollar über den Atlantik, in europäische Anteilsscheine geflossen. Immerhin waren Investoren vor einem Jahr noch ziemlich besorgt, dass der Euro auseinanderfallen könnte, weshalb europäische Aktien untergewichtet waren. Nun hat die Einschätzung gedreht. Selbst bei relativ unspektakulären Transaktionen wie regionalen deutschen Immobiliengesellschaften belaufe sich der US-Anteil in manchen Fällen auf 40 Prozent, weiß Stanger: "Da fragt man sich, was machen die eigentlich mit Immobilien in irgendwelchen Bundesländern."

Der WU-Absolvent ist überzeugt, dass der harte Sparkurs in Europa die einzig richtige Reaktion gewesen sei. Durch die Konsolidierung habe der sich abzeichnende Aufschwung eine ganz andere Qualität. Hätte man diese Phase mit staatlichen Konjunkturprogrammen überbrückt, hätte das nur zu künstlichem Wachstum geführt, ist der im gepflegten Londoner Viertel Kensington lebende Österreicher überzeugt. "Das endet regelmäßig in der Katastrophe", betont Stanger. So ist Goldman Sachs nun ziemlich optimistisch und rechnet sogar mit einem deutlichen Anstieg des Eurokurses auf 1,40 Dollar. Auch bei den Aktienkursen sehen die Banker Luft nach oben.

Also alles eitel Wonne? Nicht ganz, sagt Stanger und verweist auf die aktuelle Schwäche der Schwellenländer. "Historisch sind Emerging Markets oft in die Krise geschlittert, wenn die US-Zinsen angezogen haben, weil das billige Geld plötzlich anderswohin oder zurückfließt." Zumindest betreffend China hätten sich die wirtschaftlichen Kennzahlen zuletzt aber verbessert, sodass dort "kein Brandherd schwelt".

Das ändere aber nichts daran, dass derzeit die Industriestaaten die Weltwirtschaft vorwärts bringen. Im kommenden Jahr werde sich das Wachstum in den USA auf drei Prozent beschleunigen, in Großbritannien werden 2,3 Prozent prognostiziert. "Das hat massive Auswirkungen auf Geldströme, Aktienmärkte, Währungen und Geldpolitik. Das ist eine echte Wandlung. Man sieht da Brüche, die man seit Jahrzehnten nicht gesehen hat."

Fed-Aktion eingepreist

Veranschaulicht werde diese Entwicklung durch das Anspringen der Zinsen auf zehnjährige US-Staatsanleihen von 1,8 auf drei Prozent in kürzester Zeit. "Dabei hat die Fed noch nicht einmal begonnen, den Stimulus zu reduzieren", wundert sich Stanger.

Wenn das - seiner Meinung nach bereits bei der Sitzung der US-Notenbank in der kommenden Woche - tatsächlich der Fall sein wird, rechnet Stanger mit keinen größeren Verwerfungen. Gerade am Zinsmarkt dürfte der Effekt schon eingepreist sein. Womit Goldman wohl weiter auf der Transaktionswelle reiten wird. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, 13.9.2013)

  • Der Börsengang der Österreichischen Post dient als Vorbild für das IPO der britischen Royal Mail.
    foto: ap/grant

    Der Börsengang der Österreichischen Post dient als Vorbild für das IPO der britischen Royal Mail.

  • Christoph Stanger: Programme zur Stimulierung der Wirtschaft enden in der Katastrophe.
    foto: goldman sachs

    Christoph Stanger: Programme zur Stimulierung der Wirtschaft enden in der Katastrophe.

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