Zwischen Eltern und Ärzten

17. September 2013, 17:00
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Wenn Kinder ins Krankenhaus müssen, ist das für Familien ein Ausnahmezustand. Zur Sorge kommen oft auch organisatorische Hürden in der Betreuung. Was Eltern alles richtig machen können

Auf der Kinderstation des Landeskrankenhauses Leoben wurde kürzlich eine un­gewöhnliche Studie durchgeführt. Im Rahmen einer Diplomarbeit der Med-Uni Graz wurde eruiert, wie sich die Kleidung auf die Arzt-Patienten-Eltern-Beziehung im Behandlungsalltag auswirkt. Die kleinen Patienten konnten zwischen drei Outfits wählen. Wem vertrauen sie mehr? Einem Arzt im weißen Mantel, einem, der ein weißes Poloshirt trägt oder dem, der sie im bunten T-Shirt untersucht? Wenig überraschend setzten sich die Farben durch - bei Kindern zwischen 6 und 18 Jahren zu 100 Prozent (!!!), 85 Prozent der Eltern wollen an Kinderärzten ebenfalls bunte Leiberln sehen.

"Das, was wir anhaben, ist wichtig, viel entscheidender ist aber, dass uns die Kinder vertrauen", sagt Reinhold Kerbl, Leiter der Kinderstation in Leoben. Dass der Zugang zu kranken Kindern mitunter schwierig ist, wisse jeder Kinderarzt, und ­bewährt habe sich, erst einmal mit den Kindern über andere Dinge als ihre Krankheit zu sprechen. Dass der Weg zum kleinen Patienten oftmals nur über die Eltern möglich ist, kann sich mitunter als erschwerender Umstand erweisen, hat Renate Höfinger, Psychologin am St. Anna Kinderspital viele Male festgestellt.

Seit vielen Jahren arbeitet sie auf den internen Stationen, betreut kranke Kinder und deren besorgte Eltern. "Schwierig ist die Situation, wenn Vater oder Mutter eigene Traumatisierungen im Krankenhaus erlebt haben und sie unbewusst weitergeben", so Höfinger, denn kranke Kinder orientieren sich in für sie ungewohnten Situationen erst einmal an ihren Bezugspersonen und nehmen sämtliche körpersprachliche Signale bestens wahr.

Allein im Spital

Dass Eltern von Krankenhausaufenthalten in ihrer eigenen Kindheit schlechte Erinnerungen haben, ist keine Seltenheit. Noch in den 80er-Jahren war es ganz selbstverständlich, dass Kinder über Nacht allein im Spital bleiben mussten. "Ein Kind ist im Krankenhaus bestens versorgt, hat es früher geheißen", sagt Elisabeth Schausberger von KIB, dem von ihr gegründeten Verein rund ums erkrankte Kind.

Seit nunmehr 25 Jahren kämpft sie für die Rechte von Kindern im Krankenhaus, und erst im Dezember vergangenen Jahres hat der Gesetzgeber die Pflegefreistellung für Eltern von Kindern unter zehn Jahren verabschiedet. Bis dahin mussten sich Eltern, die bei ihren Kindern im Spital bleiben wollten, Urlaub nehmen. Darüber, dass die Rechte kranker Kinder im Spital in einer EU-weiten Charta festgelegt wurden, ist Schausberger froh. Es erleichtert ihre Arbeit enorm.

Einer der zentralen Punkte ist das Recht der Kinder auf die Anwesenheit der Eltern im Spital. Längst wird das auf den Kinderstationen auch umgesetzt, denn man weiß um die stabilisierende Rolle von Vater und Mutter am Krankenbett. "Je ruhiger die Eltern, umso besser ist es für die Kinder", ist das wenig überraschende Grundprinzip für die ­Psychologin Höfinger.

Ein Recht auf die Mutti

Leichter gesagt als gelebt. Vor allem dann, wenn Kinder hoch fiebern, vor Schmerzen wimmern oder die Ärzte einige Tage brauchen, um die Ursache der Beschwerden zu ermitteln, liegen die Nerven oft blank. Blutproben, Röntgen, Ultraschall: Ohne Dia­gnose kann nicht therapiert werden.

"Trotz Stresses ist es wichtig, sich Zeit für jedes einzelne Kind zu nehmen und erst einmal über andere Dinge als die medizinische Behandlung zu sprechen, über die Stofftiere zum Beispiel oder ganz allgemein über Vorlieben und Ängste", sagt Kerbl, der täglich sieht, wie dringend auch kleine Kinder wissen wollen, was mit ihnen nicht in Ordnung ist.

Kinder sollten mitentscheiden

"Kinder machen sich viele Gedanken", sagt der Kinderarzt, wenn sie groß genug sind, sollten sie auch in Entscheidungen mit eingebunden werden. Und ehrlich sein müsse man auch: "Wenn etwas wehtut, muss ich das ankündigen, sonst verliere ich ja jegliches Vertrauen", sagt Kerbl. "Je weniger die Eltern den behandelnden Ärzten vertrauen, umso gestresster sind sie. Dadurch können sie die oft sehr komplizierten medizinischen Sachverhalte auch weniger leicht verstehen", berichtet Höfinger aus der Praxis.

In solchen Fällen ist sie bei Arztgesprächen dabei und wiederholt die vermittelten Inhalte ­gegebenenfalls immer wieder in den Gesprächen mit den Eltern. Hier gelte es, so die Psychologin, auch auf die kulturelle Herkunft von Familien Rücksicht zu nehmen, die Krankheit eines Kindes bringt immer wieder ganze Sys­teme aus dem Lot. Kinder, so Höfinger, passen sich nach anfänglichen Unsicherheiten oft sehr schnell an die Spitalssituation an, "orientieren sich an anderen Kindern im Krankenzimmer. Als erfahrene Patienten bekommen sie schnell eine Modellfunktion", erzählt sie.

Extrabreite Betten

Darauf, dass auf allen Kinderstationen Österreichs "die Mutti über Nacht dableiben darf", ist KIB-Gründerin Schausberger stolz. Am Abend werden Klappbetten ausgepackt, es gibt sogar Babystationen mit extrabreiten Betten, damit Mutter und Kind gemeinsam schlafen können, kann sie berichten. Auf der Kinderstation in Leoben schiebt man die Betten zusammen, weil die Eltern ja nicht nur für das Kind gut sind, sondern auch den Schwestern die Arbeit erleichtern", sieht es Kerbl pragmatisch. Viele Eltern haben eine Mutter-Kind-Zusatzversicherung abgeschlossen und übernachten kostenfrei, alle anderen zahlen einen geringen Tagessatz.

Eltern, die in Sachen Kinderspital auf Nummer sicher gehen wollen, können sämtliche Ernstsituationen "üben". Viele Kinderstationen bieten Tage der offenen Tür, ein Arztkoffer als Geburtstags­geschenk schafft Vertrautheit mit medizinischen Gerätschaften und nimmt Ängste, rät Höfinger. Wenn zum medizinischen Personal erst einmal Vertrauen aufgebaut ist, "sind Mutter und Vater nur mehr für die Zuversicht und die Fürsorge zuständig", sagt sie. Diese Rollenaufteilung habe sich bestens bewährt. (Karin Pollack, derStandard.at, 17.9.2013)

  • Um kranken Kindern helfen zu können, braucht man ihr Vertrauen - ein Ziel, das man oft nur über die Eltern erreichen kann.

    Um kranken Kindern helfen zu können, braucht man ihr Vertrauen - ein Ziel, das man oft nur über die Eltern erreichen kann.

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