Schmutzfimmel: Wie viel Dreck darf sein?

9. Oktober 2013, 17:00
85 Postings

Wo der Lebensstandard ein westliches Niveau erreicht, nehmen Allergien weltweit zu. Studien zeigen, dass "Dreck" Kinder vor Allergien schützen kann - wirkliche Beweise dafür gibt es nicht

Abfallentsorgung, Seife, Kanalisation: Die hygienischen Errungenschaften der letzten Jahrhunderte haben die Lebenserwartung der Europäerinnen und Europäer deutlich erhöht, Epidemien weniger Chancen geboten und die Sterblichkeitsrate bei Kindern gesenkt. Seit einiger Zeit aber warnen Experten: Ein Zuviel an Hygiene kann krank machen und die Entstehung von Allergien begünstigen.

So haben Studien gezeigt, dass Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, viel seltener an Allergien erkranken als Kinder aus Städten. Allergie-Experte Zsolt Szepfalusi von der Universitätsklinik für Kinder und Jugendheilkunde erklärt: "Man hat beobachtet, dass die Exposition von Kindern auf dem Bauernhof mit einem deutlichen Schutz vor Allergien einhergeht und das am ehesten dann, wenn die schwangere Frau oder das Kleinkind im ersten Lebensjahr Stall-Kontakt haben."

Krippe gegen Grippe

Auch in kinderreichen Familien sind Allergien vergleichsweise selten. "Dabei profitieren meistens jüngere von älteren Geschwistern, wenn diese Infekte mit nach Hause bringen und so ein 'unhygienisches' Umfeld schaffen," so Szepfalusi. Ehemals ostdeutsche Kinder, die schon als Säuglinge in die Kinderkrippe kamen, weil die Mütter arbeiten mussten, seien seltener an Allergien erkrankt als westdeutsche Kinder, die erst später mit anderen Kindern in Kontakt hatten. "Die frühe Exposition im ersten Lebensjahr ist wichtig, weil da die Modellierung des Immunsystems noch am ehesten möglich ist. Ein bereits geprägtes Immunsystem später umzuwandeln, ist viel schwieriger", erklärt Szepfalusi.

Umstritten: die Hygiene-Hypothese

Derartige Beobachtungen stützen die schon vor mehr als 20 Jahren formulierte "Hygiene-Hypothese", die besagt, dass ein früher Kontakt des Immunsystems mit Fremdstoffen wichtig für die Toleranzentwicklung sei. Fehlt diese Auseinandersetzung etwa aufgrund übertriebener Hygiene, sei das Immunsystem sozusagen unterbeschäftigt und neige deshalb zu völlig übertriebenen Abwehrreaktionen gegen körpereigenes Gewebe - etwa bei Autoimmunerkrankungen - oder eben auf harmlose Stoffe wie Pollen oder Nahrungsbestandteile.

Bis heute aber ist die Hygiene-Hypothese in Zusammenhang mit Allergien eine Hypothese geblieben. Das betonen sowohl der Kinderarzt Szepfalusi als auch Rudolf Valenta vom Institut für Immunologie und Pathophysiologie an der Med-Uni Wien. Beweise durch experimentelle Forschungen stehen aus. "Es gibt gute, wissenschaftlich fundierte Daten und Studien, die zeigen, dass ein Zuviel an Hygiene bei Allergien eine Rolle spielt. Es ist aber eine andere Sache, von den Daten ausgehend Empfehlungen zu geben. 'Dreck' ist auch nicht gleich 'Dreck'", sagt Valenta. Wüchsen Kinder in 'Schmutz' auf, bekämen sie vielleicht weniger Allergien, es könne aber sein, dass sie bakterielle Infektionen entwickeln. "Das haben diese Studien nicht untersucht", so Valenta. Der Faktor "Bauernhof-Stall" scheint jedenfalls vor Atemwegs- und Nahrungsmittelallergien zu schützen. Warum das so ist, wisse man aber nicht.

Keine Garantie

Daraus abzuleiten, dass Schmutz ein allergiefreies Leben garantiert, greift jedenfalls zu kurz. Die zunehmende Umweltverschmutzung bedingt sogar Allergien: Feinstaub kann das Allergie- und Asthmarisiko erhöhen. Den einen und einzigen Grund für eine Allergie gibt es nicht, es handelt sich vielmehr um ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren: "Genetische Faktoren spielen sicher eine Rolle, Umweltfaktoren sind als Auslöser bekannt, genauso Barrieredefekte an Haut und Schleimhäuten," so Allergologe Valenta. Er veranschaulicht: "Mit den Faktoren, die zu Allergien führen, verhält es sich so, wie wenn viele Blätter Papier aufeinander liegen. Irgendwann wird es ein sichtbarer Stapel."

Maßhalten statt Manie

Entsprechend zurückhaltend sind Ärztinnen und Ärzte heute mit Empfehlungen zur Allergie-Vorbeugung. "Vor 20 Jahren, bevor ich begonnen habe, an dieser Materie zu arbeiten, hatten wir klare Richtlinien für Schwangere: Sie dürfen keine gefährlichen Allergene essen, sollen nicht mit Hausstaub in Kontakt kommen, keine Schimmelpilzbelastung im Umfeld haben und keine Tierexposition," erinnert sich Kinderarzt Szepfalusi. Heute ist alles anders: Die Allergen-Expositionsprophylaxe ist weggefallen, werdende Mutter haben alle Freiheiten, sofern sie selbst keine Allergie haben. "Wir wissen mittlerweile aus Studien, dass diese Präventionsmaßnahmen nichts bringen. Das Kleinkind soll zwar die ersten vier Monate gestillt werden, darf dann aber alle Allergene langsam und ohne Einschränkung über Nahrungsmittel zu sich nehmen," so Szepfalusi.

Auch wenn in den Kuhstall vorerst nicht alle Hoffnung gesetzt werden darf, rät Szepfalusi trotzdem zum Maßhalten. "Sterilität wird heute hochgehalten, auch in der Werbung: 'Wie kriegen Sie Ihre Klomuschel bis in die letzte Windung sauber?' Sie darf aber nicht zur Manie werden. Man kann ruhig einmal dreckig nach Hause kommen, das macht nicht gleich krank." (Sandra Nigischer, derStandard.at, 9.10.2013)

  • Ein bisserl Dreck schadet nicht? Studien wollen belegen, das ein gesundes Maß an Dreck vor Krankheiten und Allergien schützt.
    foto: apa

    Ein bisserl Dreck schadet nicht? Studien wollen belegen, das ein gesundes Maß an Dreck vor Krankheiten und Allergien schützt.

  • Rudolf Valenta vom Institut für Immunologie und Pathophysiologie an der Med-Uni Wien sagt, dass es für die "Hygiene-Hypothese" keinen Beweis gibt.
    foto: privat

    Rudolf Valenta vom Institut für Immunologie und Pathophysiologie an der Med-Uni Wien sagt, dass es für die "Hygiene-Hypothese" keinen Beweis gibt.

  • Zsolt Szepfalusi von der Universitätsklinik für Kinder und Jugendheilkunde sagt, dass es schwierig sei, ein bereits geprägtes Immunsystem umzuwandeln.
    foto: privat

    Zsolt Szepfalusi von der Universitätsklinik für Kinder und Jugendheilkunde sagt, dass es schwierig sei, ein bereits geprägtes Immunsystem umzuwandeln.

Share if you care.