Das läuferische Wandeln am körperlichen Limit

12. September 2013, 15:41
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Flotte Wanderer benötigen für den 168 Kilometer langen Rundweg um den Mont Blanc etwa sechs Tage. Ultra-Trail-Läufer schaffen den Weg in rund 20 Stunden

Chamonix/Wien - Nach zwei Stunden Ausdauersport haben auch schon Weltklasseathleten Krämpfe bekommen. Millionen Euro schwere Kicker haben sich in der Verlängerung des WM-Finales schon die Muskelverhärtungen von Mitspielern behandeln lassen. Und Tennis-Asse haben für ihren Muskelkater im entscheidenden fünften Satz die heilenden Hände des Betreuers gesucht. So gesehen ist Mike Foote natürlich kein Einzelfall. Auch den 29-jährigen US-Amerikaner plagten nach zwei Stunden Sport Krämpfe, er fühlte sich unwohl, die Beine waren schwer, er wusste nicht so recht, was da im Körper vorging. Anders als für die Kicker und Tennisspieler war für Foote aber kein Ende der Qualen in Sicht. "Ich wusste, ich hatte noch mindestens 20 Stunden Laufen vor mir", sagte er dem Standard. "Diese Gedanken musst du erst einmal aus dem Kopf bekommen."

Mike Foote läuft für sein Leben gern. Aber zu flach sollte es nicht sein, sagt er. Strecken abseits von Straßen sind netter. Und es sollte nicht heiß sein. Der Extremberglauf "Ultra-Trail du Mont-Blanc" (UTMB) passt da sozusagen perfekt ins Anforderungsprofil.

Anfang September haben sich 2469 Extremsportlerinnen und Extremsportler, davon 16 aus Österreich, in Chamonix aufgemacht, den höchsten Berg der Alpen zu umrunden. Die Strecke führt durch Frankreich, die Schweiz und Italien, auf einer Länge von 168 Kilometern sind über insgesamt zehn Pässe 9600 positive Höhenmeter zu bewältigen. Fitte und flotte Wanderer schaffen den Trail innert sechs, sieben Tagen. Foote war nach exakt 21:53:19 Stunden im Ziel. Und das nicht als Erster, sondern als Fünfter. "Es war beeindruckend", sagte Foote, "wie schnell die anderen waren."

Die steilen Anstiege und brutalen Bergabstücke teilweise über Geröll und Schutt, die nächtlichen Momente, in denen sich auf rund 2500 Metern der Verstand bemerkbar machte, und die höhenbedingten Temperatur- und Wetterwechsel bewältigte der Franzose Xavier Thevenard am besten. In 20:34:57 Stunden unterbot der 25-Jährige die bisherige Rekordmarke beim vom Outdoor-Hersteller The North Face gesponserten Lauf um eine Minute. Die US-Amerikanerin Rory Bosio pulverisierte die Bestzeit gleich um mehr als zwei Stunden, sie musste in 22:37:26 Stunden nur sechs Männern den Vortritt lassen.

Was aber bewegt Extremsportler, sich diese so gar nicht gesunde Monstertortur anzutun? Berühmtheit kann es nicht sein: Mal ehrlich, haben Sie schon von Mike Foote gehört, immerhin der Drittplatzierte vom vergangenen Jahr? Preisgeld ist es erst recht nicht: Für die Athleten gibt es an offiziellen Prämien nichts zu holen. Im Gegenteil: Die Nenngebühr beträgt 160 Euro.

Dennoch meldeten sich bei der mittlerweile elften Auflage des Events mehr als doppelt so viele Läufer an, wie es Startplätze gibt. Dabei muss jeder Sportler schon bei der Anmeldung einen Nachweis erbringen, dass er bei Qualifikationsläufen Punkte für den UTMB gesammelt hat und über Erfahrung mit eventuell auftretenden körperlichen und psychischen Problemen verfügt.

Gleich vier Extrembergrennen haben in der ersten September-Woche rund um den Mont Blanc stattgefunden. Der UTMB ist quasi die Champions League. Dass das läuferische Wandeln am körperlichen Limit nicht ungefährlich ist, verhehlen die Veranstalter nicht: 2012 mussten von insgesamt rund 6000 Läufern 756 versorgt werden, 606 bekamen Erste Hilfe - und es kam zu vier lebensbedrohlichen Situationen.

Footes Aufstieg zum Ultra-Trail-Athleten passierte zufällig. 2009 meldete sich der passionierte Hobbyläufer bei einem 100-Meilen-Bergrennen in Utah an. Foote, der in einer Art Nomadenzelt in den Hügeln von Missoula in Montana lebt, beendete das Rennen als Rookie als Neunter. Um sich die Reise zu seinem ersten UTMB 2011 zu finanzieren, verkaufte er 100 T-Shirts mit dem Slogan "Team Foote".

Seither wird der 29-Jährige zwar gesponsert, die Prämien ersetzen aber nicht sein Einkommen als Angestellter eines Sportshops. "Ich organisiere für mein Unternehmen auch Laufevents in Montana", sagt Foote. Zudem ist er ab Schulbeginn wieder Sportlehrer für Geländelauf in der Hellgate High School. Nur seinen Job als Lawinenexperte in einer Ski-Patrouille hat er vorerst an den Nagel gehängt. Denn es gibt fast keinen Tag, an dem Foote nicht läuft. "In der Woche komme ich auf 25 Stunden, einige Tage im Monat laufe ich 70 Kilometer und mehr." Seine täglichen Outdoor-Expeditionen beginnt er direkt vor seinem Nomadenzelt.

330 km, 24.000 Höhenmeter

Die Nachfrage an Extrembergläufen kann fast nicht gestillt werden, das Angebot wird Jahr für Jahr größer, die Naturschauplätze werden vielfältiger. 2014 soll es erstmals eine Ultra-Trail World Tour geben. Foote, der seinen Muskelkater längst nicht mehr spürt, denkt an eine Teilnahme an der "Tour des Geants": Die aktuelle Auflage der Tour der Giganten stieg diese Woche im Aostatal in Italien: Der Spanier Iker Karrera (38) bewältigte die 330 Kilometer lange Strecke samt 24.000 Höhenmetern in der Rekordzeit von 70:04:15 Stunden. Für Foote war die Pause nach dem UTMB natürlich zu kurz. "Aber in San Francisco bestreite ich bald einen 50-Meilen-Lauf." (David Krutzler, DER STANDARD, 13.9.2013)

  • Foote läuft und läuft und läuft.
    foto: the north face/alessandro belluscio

    Foote läuft und läuft und läuft.

  • Die 2469 Teilnehmer beim Ultra-Trail du Mont-Blanc hatten 9600 positive Höhenmeter zu bewältigen.
    foto: the north face/alessandro belluscio

    Die 2469 Teilnehmer beim Ultra-Trail du Mont-Blanc hatten 9600 positive Höhenmeter zu bewältigen.

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