Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt

12. September 2013, 12:23
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Jagwa Music eröffnen mit Lebensfreude, Mirel Wagner und Leslie Hall mit ihrer Gegensätzlichkeit

Das Herzstück der sogenannten Mchiriku-Musik ist ein billiges, batteriebetriebenes Casio-Keyboard mit sehr kleinen Tasten, auf dem minimalistisch-hypnotische Melodien gespielt werden, die dann mittels einer Megafon-Verstärker-Kombination anständig zum Quäken gebracht werden. Wenn die Batterien dann langsam ausgehen und sich das Casio verstimmt: um so besser. Wegen der Dirtyness.

Dazu teilen sich vier Perkussionisten einen frenetischen Beat: auf selbstgebauten Trommeln aus Plastikrohren und Holz, einem Tamburin und zwei Sticks, mit denen auf einen Holzsessel geschlagen wird. Von einem Sänger hört man darüber Sätze wie: "If you do not respect me, how do you expect me to respect you?"

Solche Zeilen werden in den Slums der tansanischen Stadt Daressalam gerne aufgeschnappt und weitergegeben. Dort, wo nicht nur der herzhaft-treibende Lo-Fi-Lärm seine Wurzeln hat, sondern auch die Band Jagwa Music, die diesen in der westlichen Welt erst richtig bekanntgemacht hat. Das Konzert am Eröffnungstag des Steirischen Herbstes ist nur eine von vielen Stationen auf der Tournee der Afrikaner.

Mit der aufwühlenden Lebensenergie von Jagwa Music dürfte die Finnin Mirel Wagner trotz ihrer äthiopischen Wurzeln wenig anfangen können. Bei karger Gitarrenbegleitung singt die 25-Jährige von Tod, Selbstzerstörung und tiefen, dunklen Seen, in die sie hinabgezogen werde. Minimalistisch und zerbrechlich sind die Blues-Folk-Songs, die für manche wie gespenstische Nachrichten von "drüben" klingen.

Nur: Ob Wagner tatsächlich so todernst ist, wie ihre Musik vermuten lässt, kann man erst nach dem "Double Feature" in Graz sagen. Die Zweite im Doppelpack ist nämlich keine Geringere als die amerikanische Hip-Hop-Satirikerin Leslie Hall.

Die Trash-Queen trägt auf der Bühne alle Varianten von Stretchkleidung, zum Beispiel in Gold oder in Rosa, und besingt diese auch ("It's just the power of the lycra!"). Zumindest wenn sie sich gerade nicht über das Popbusiness lustig macht ("Stomp once to hear Britney, and twice for Beyoncé!"). Insgesamt wirkt sie wie eine Mischung aus Teletubby, Meerhexe und Klaus Nomi. Mit ihrem Museum für üppig glitzernde "Gem Sweater" hat die 32-Jährige dem schlechten Geschmack einen Tempel errichtet.

Nicht alle "Double Features" setzen so stark auf Gegensätze. So trifft die Start-up-Band Millenium auf Elektroniktüftlerin Barbara Morgenstern, Conquering Animal Sound auf K-X-P und Pascal Pinon auf Anna von Hausswolff. (Roman Gerold, DER STANDARD, 12.9.2013)

  • Jagwa Music: 20. 9., 23.00
  • Double Features: 21. 9., 28. 9., 5. 10., 12. 10., jeweils 23.00
    (alle im Ex-Zollamt/Explosiv)

Dieser Artikel entstand mit finanzieller Unterstützung vom Steirischen Herbst. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Todessehnsüchtige Blues-Folk-Musikerin trifft schrille Trash-Queen: Mirel Wagner und Leslie Hall.
    foto: wagner, roukala

    Todessehnsüchtige Blues-Folk-Musikerin trifft schrille Trash-Queen: Mirel Wagner und Leslie Hall.

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