Aliens, Erdgeister und Tiere, die es nicht (mehr) gibt

12. September 2013, 12:22
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Zurück zur Natur und hinaus ins unendliche Universum: Performances von Antonia Baehr, Dewey Dell und united sorry nehmen es mit den Gesetzmäßigkeiten der Naturwissenschaft auf. Inklusive Wanderung

"Im Ameishaufen wimmelt es, der Aff' frisst nie Verschimmeltes." Spätestens seit Wilhelm Busch sein Naturgeschichtliches Alphabet zu Papier brachte, ist klar, dass sich Anfangsbuchstaben trefflich zur Orientierung im Dschungel der Tierwelt eignen. Die Berliner Künstlerin Antonia Baehr ist mit ihrer Performance Abecedarium Bestiarium ausgezogen, diese These nachhaltig zu untermauern. Das Besondere ihrer zoologischen Sammlung ist, dass es sich um ausgestorbene Arten handelt, die, wie in den mittelalterlichen Bestiarien, Parallelen zur menschlichen Lebensrealität aufzeigen.

Vom Dodo bis zum Tasmanischen Tiger reicht das Arsenal der auserwählten Tiere, für die Freunde und Kollegen Baehrs Kompositionen und Spielanleitungen verfassten. Mit ihrer schon ans Irritierende grenzenden Ausdruckskraft lässt die Performerin, die bereits 2009 mit ihrem Programm Lachen das Herbst-Publikum verzückte, die verschwundene Fauna auf der Bühne wiederauferstehen. Dabei verschwimmen nicht nur Geschlechter-, sondern auch Gattungsgrenzen. Aber steckt nicht in jedem ein wenig von Stellers Seekuh?

Noch weiter lässt die italienische Gruppe Dewey Dell in ihrer Kollaboration mit dem Theatermacher Kuro Tanino und dem Zeichner Yuichi Yokoyama ihren Blick schweifen. Nicht Ähnlichkeiten zwischen Mensch und Tier sind aus ihrer Arbeit Marzo herauszufiltern, das Studienobjekt ihres multimedialen Tanztheaters ist außerirdischer Herkunft. Endgültige Erklärungen für das Treiben in dem unendlich weit von unserer Wirklichkeit entfernten Raum gibt es nicht. Klar ist nur, dass das Leben auch andernorts seltsame Geschichten schreibt.

Eine kollektive Forschungsarbeit präsentiert auch das Performance-Duo united sorry. Nach dem Motto "Zurück zur Natur" liegt das Gute bei ihrem the forest project ganz nah, nämlich in den Wäldern bei Peggau. Dort lauern vielleicht noch ein paar Erdgeister auf Kulturfreunde. Festes Schuhwerk empfohlen. (Dorian Waller, DER STANDARD, 12.9.2013)

  • Abecedarium Bestiarium: Dom i. Berg, 27. 9, 21.30, 28./29. 9, 19.30
  • Marzo: Orpheum, 26. 9, 19.30, 27./28. 9, 21.30
  • the forest project: Tannebenstraße 2, Peggau, 26.-29. 9, 16.30

Dieser Artikel entstand mit finanzieller Unterstützung des Steirischen Herbsts. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Die dem Castellucci-Clan in Cesena angehörende Gruppe Dewey Dell (benannt nach einer Faulkner-Romanfigur) zoomt im Stück "Marzo" das Weltall heran.
    foto: university of arizona

    Die dem Castellucci-Clan in Cesena angehörende Gruppe Dewey Dell (benannt nach einer Faulkner-Romanfigur) zoomt im Stück "Marzo" das Weltall heran.

  • Die Berlinerin Antonia Baehr bereitet in "Abecedarium Bestiarium" einen Lauschangriff auf ausgestorbene Tierarten vor.
    foto: angela anderson

    Die Berlinerin Antonia Baehr bereitet in "Abecedarium Bestiarium" einen Lauschangriff auf ausgestorbene Tierarten vor.

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