Bürosprünge, wie man sie nicht alle Tage erlebt

12. September 2013, 12:19
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Tänzerin Anne Juren, Theatermacher Kris Verdonck und Performer Amund Sjølie Sveen lassen in Choreografien und Lecture-Performances das Individuum gegen die Gesellschaft und das System antreten

Es gibt auf der Welt ein Theater, an dem kann jeder arbeiten - egal, was oder ob er überhaupt etwas kann. Zugegeben, dieses Theater liegt nicht in der realen Welt. In der fiktiven, gleichwohl nicht minder wahren Welt von Franz Kafkas Amerika aber, da gibt es diesen außergewöhnlichen Ort.

Die in Wien lebende französische Choreografin Anne Juren hat sich für ihre Performance Happy End, die beim Steirischen Herbst uraufgeführt wird, dieses Textes angenommen; natürlich nicht ohne Grund. Sie beschäftigt sich in ihren Arbeiten immer wieder mit der Frage nach einer sozusagen intellektuellen Diskriminierung - einer diskursorientierten Gesellschaftsordnung, in der jene, die sich nicht laut, deutlich und beredt genug ausdrücken können, schnell unter die Räder kommen. Ganz anders als in Kafkas egalitärem Theater von Oklahama.

Zweite Vorlage für Jurens Arbeit ist Martin Kippenbergers Installation The Happy End of Franz Kafka's Amerika - diese besteht aus zahlreichen Stühlen und Tischen, wie zu einer Gesprächs-, Bewerbungs- oder Prüfungssituation aufgestellt. Wenn es im Roman um die Suche nach Heimat und Zugehörigkeit geht (die der Held, nach einer Tagebuchnotiz des Autors zu urteilen, nicht erreichen sollte), dann findet man bei Kippenberger dieses Streben nach Anerkennung in einer Welt voll potenzieller Zurückweisung dargestellt in den vielen Gesprächs- und Begegnungsgelegenheiten.

Mit Happy End will Juren, gemeinsam mit vier weiteren Tänzerinnen und Tänzern, diese verbal respektive materiell transportierten Inhalte mit dem Körper vermitteln. Eine Choreografie mit Kafkas Text als Partitur und Kippenbergers Installation als Bühnenbild, wenn man so will.

Dem Individuum in der Gesellschaft begegnen wir auch in Kris Verdoncks H, an incident. Der belgische Theatermacher (auch er hat übrigens Franz Kafka eine Arbeit gewidmet, nämlich K, a society) arbeitet darin mit Texten des russischen Autors Daniil Charms, der in und gegen die harte Realität des Stalinismus schrieb. Charms ging es um das Ereignis (incident), das die starren, technokratischen Abläufe einer unmenschlichen Gesellschaftsordnung durchbricht und - wenn auch nur für einen kurzen Moment - hinterfragt oder sogar die Möglichkeit einer Veränderung aufzeigt.

Kampf dem Roboterorchester

Auf Verdoncks Bühne symbolisiert ein Orchester aus Roboterinstrumenten diese Diktatur des Immergleichen. Daneben finden sich ein isländischer Frauenchor und Schauspieler, die den streng getakteten Ablauf der Dinge durch ihre Fehlerhaftigkeit (man könnte auch sagen Menschlichkeit) stören. Sie sorgen für ein Lachen - und im Idealfall für eine Einsicht in die Zusammenhänge.

Genau die will auch der Norweger Amund Sjølie Sveen mit Economic Theory for Dummies erzeugen. Bei der Lektüre einschlägiger Nachrichten wurde ihm zunehmend klar: Er kapiert die Finanzwelt nicht. Das will er nun ändern - denn nur wer die Zusammenhänge versteht, kann auch eingreifen und sie verändern. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 12.9.2013)

  • Happy End: Dom im Berg, 20. bis 22. 9., 19.30
  • H, an Incident: List-Halle, 20. 9., 15.30/19.30, 21. 9., 17.30/21.30
  • Economic Theory for Dummies: Ex-Zollamt/Explosiv, 20./21. 9., 19.30

Dieser Artikel entstand mit finanzieller Unterstützung des Steirischen Herbsts. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Die Gedanken sind frei und - wie man hier sieht - auch die Körper. Inwieweit sie das wirklich sind, untersucht die französische Choreografin Anne Juren in "Happy End", das beim Steirischen Herbst uraufgeführt wird.
    foto: rauschmeier

    Die Gedanken sind frei und - wie man hier sieht - auch die Körper. Inwieweit sie das wirklich sind, untersucht die französische Choreografin Anne Juren in "Happy End", das beim Steirischen Herbst uraufgeführt wird.

  • "H, an incident": Ein Individuum wird abgeschleppt.
    foto: s. magnone

    "H, an incident": Ein Individuum wird abgeschleppt.

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