Gefährliche Liebschaften

12. September 2013, 12:19
4 Postings

Der diesjährige Steirische Herbst (20. 9. - 13. 10.) widmet sich den Abgründen von "Liaisons dangereuses ": bedenklichen Koalitionen, unhaltbaren Beziehungen und trügerischen Komplizenschaften in den Turbulenzen der gegenwärtigen Gesellschaft

Sobald sich Künstler oder Publikum auf Theater, Musik, Tanz, Literatur, Film oder bildende Kunst einlassen, liefern sie sich unvermeidlich gefährlichen "Liebschaften" aus. Sicherlich, "Liaisons dangereuses" lauern auch in der Politik, Wirtschaft und Religion.

Das sind Organisations- und Machtsysteme, die zwar ganz real bedrohlich sein können, aber mit etwas Willen und Distanz relativ leicht zu durchschauen sind. Die zeitgenössische Kunst ist etwas anders. Und dieses etwas Andere macht das Thema des diesjährigen Steirischen Herbstes mit seinem Leitthema "Liaisons dangereuses: Alliancen, Mesalliancen und falsche Freunde" aus.

Wann bringt die Kunst die erwähnten Machtsysteme verlässlich gegen sich auf? Immer dann, wenn diese Systeme totalitäre Geltungsansprüche zu stellen beginnen. Und wenn sie zugleich ihre Gefährlichkeit kaschieren wollen. In diesem Fall kann Kunst die Täuschungsspiele von Politik, Wirtschaft und Religion ans Licht bringen. Entweder unverblümt deutlich oder subtil verschlüsselt.

Aber das Licht, das Kunst auf gesellschaftliche Phänomene wirft, hat ein Spektrum, das sich auf oft überraschende Art von jenem unterscheidet, mit dem wir die Umwelt wahrzunehmen gelernt haben. Kunst folgt also entweder anderen Kommunikationslogiken, als jene es sind, die uns als Norm beigebracht werden, oder sie begibt sich in die Nähe von Propaganda und Dekoration.

Beziehungs-Hochofen

Daher bewegt sich Kunst immer in einem Spannungsfeld, das sich auch auf ihr eigenes Terrain auswirkt. Und dieses strotzt geradezu vor Liaisons dangereuses: zwischen Künstlern, Kuratoren, Vermittlern, Administratoren und dem Publikum mit unterschiedlichen Kunstideologien, Bezugs- und Wertesystemen: Auch das Kunstfeld ist alles andere als ein Nimmerland. Denn da wird ebenfalls beinhart Politik praktiziert - mit internen Machtspielen, schwierigen Allianzen und unglücklichen Verhältnissen.

Der Steirische Herbst ist Teil dieses der Kunst eigenen Feldes aus gefährlichen Beziehungen. Das thematisiert er nun auch - und zugleich die durch Kunst darstellbaren Liaisons dangereuses in der Gesamtkultur. Da lässt sich zum Beispiel eine Choreografin (Anne Juren) auf eine künstlerische Behauptung (von Martin Kippenberger) über ein literarisches Werk (Franz Kafkas Amerika) ein und baut mit diesen Referenzen ein Stück zur Frage nach den Bedingungen des Künstlerseins in unserer Gesellschaft. Mit ihrem Stück Happy End macht Juren die doppelte Ebene deutlich: einer Untersuchung über das zwiespältige Verhältnis zwischen Kunst und Politik, durchgeführt im kunsteigenen Liaison-Hochofen.

Blick auf Seilschaften

Das wird brisant angesichts der Tatsache, dass die meisten Künstler selbst im reichen Österreich ums Überleben kämpfen müssen und schon aus dieser Situation heraus ein Sensorium für das Gesellschaftliche entwickeln. Wenn sie nun im Festival ihr Augenmerk auf die Abhängigkeits- und Missverhältnisse, Seilschaften, Zwangsverbindungen und Korruptheiten in der Gesellschaft richten, dann aus Blickwinkeln, die Medien, Wissenschafter und Politiker gar nicht einnehmen können, weil diese in ihren speziellen Kommunikationsmustern gefangen sind. Deren Gesetze werden von Künstlerinnen und Künstlern unterlaufen, durchbrochen oder konterkariert.

Das geht zum Beispiel mit einer choreografierten Maschinenperformance zu Texten von Daniil Charms (Kris Verdonck) ebenso wie mit einem mystischen Ausflug in den Wald (Robert Steijn & Frans Poelstra, s. Bild). Oder in Ausstellungen wie Liquid Assets mit künstlerischen Schlaglichtern auf die "Mysterien" des Kapitalismus. Oder aber im Austausch zwischen Künstlern und Wissenschaftern über digitale Kommunikationstechnologien wie bei I share, therefore I am.

Unter den Perspektiven, wie sie die Kunstschaffenden heute einnehmen, machen sich die Teilnehmer der dreitägigen Diskursplattform "Liaisons dangereuses" auf die "Suche nach emanzipatorischen Alternativen in Zeiten der Ungewissheit". Auch in diesem Symposium soll sichtbar werden, warum auf die Erörterungen des Aktivistischen in der Kunst beim Vorjahres-"Herbst" nun der Hinweis auf die Gefahren beim Durchsetzen von Ideen folgt. Warum alles davon abhängt, wer dabei welche Aufgaben übernimmt und ob es ein Interesse dafür gibt, sich mit den Problemen innerer Verhältnisse auseinanderzusetzen. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 12.9.2013)

Eröffnung am 20.9.


Dieser Artikel entstand mit finanzieller Unterstützung des Steirischen Herbsts. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

 

  • Da haben sich zwei gefunden - und intensiv Kontakt mit der Natur aufgenommen. Robert Steijn und Frans Poelstra (re.) bilden gemeinsam das niederländisch-österreichische Performanceduo united sorry. Schon im Vorjahr haben sie im Wald und auf Wiesen rund um Wien sowie im Brut-Theater "Green Conversations" geführt, die sie nun in "the forest project" fortsetzen - erweitert um die Zusammenarbeit mit Choreografen, Musikern und weiteren Performern. Zur Liaison mit der Natur inklusive einer grünen Ekstase kommt es zwischen 26. und 29. 9. im Wald bei Peggau.
    foto: f. rainer

    Da haben sich zwei gefunden - und intensiv Kontakt mit der Natur aufgenommen. Robert Steijn und Frans Poelstra (re.) bilden gemeinsam das niederländisch-österreichische Performanceduo united sorry. Schon im Vorjahr haben sie im Wald und auf Wiesen rund um Wien sowie im Brut-Theater "Green Conversations" geführt, die sie nun in "the forest project" fortsetzen - erweitert um die Zusammenarbeit mit Choreografen, Musikern und weiteren Performern. Zur Liaison mit der Natur inklusive einer grünen Ekstase kommt es zwischen 26. und 29. 9. im Wald bei Peggau.

Share if you care.