Straches Albtraum

Glosse12. September 2013, 11:09
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Die Homepage (Heimatseite) der KPÖ adelt mich als wandelnden FPÖ-Albtraum. Warum? Weil ich oft kiffe und gelegentlich saufe? Weil ich ein im Ausland geborener Ausländer bin, der aus dem Ausland gekommen ist, und weil ich trotzdem so gut Deutsch kann, dass mehrere deutschsprachige Zeitungen meine Texte veröffentlich(t)en? Allein das kann's wohl nicht sein.

Die Antwort ist einfach: Nicht ich bin der FPÖ-Nachtmahr, sondern solche wie ich. Und das sind Menschen, die Strache, seine Politik, seine Partei, seine Parteifreunde und seine "Sympathisanten" nicht nur durchschauen - was nicht weiter schwierig ist -, sondern über Strache, seine Politik, seine Partei, seine Parteifreunde und seine "Sympathisanten" auch schallend lachen (können).

Pyramidologie für Anfänger

Ich und solche wie ich - wir sind nur Narren! Doch Narren, die tatsächlich glauben, Humanismus, Aufklärung, Säkularismus, Demokratie und sogar Solidarität seien besser als das, was Strache und solche uns bereiten wollen. Und als Narren erkennen wir andere Narren mit Leichtigkeit. Strache und solche hassen nichts mehr, als ausgelacht und/oder als Narren enttarnt zu werden. Ganz besonders dann, wenn solche Narren wie ich sie sogar bekifft und völlig angsoffn enttarnen.

Eine meiner Lieblingsszenen aus dem wunderbar närrischen Film "OSS 117 - Rio antwortet nicht mehr" spielt im Geheimraum einer Pyramide. Die Anwesenden sind Nazis in Naziuniformen. Ihr Führer fordert, man solle den Nazis doch eine zweite Chance geben, weil ja bereits zehn Jahre seit dem Zweiten Weltkrieg vergangen seien.

So ist in der österreichischen Realität die FPÖ entstanden.

Die Sache mit der Autobahn

Dieses Argument des Gruftnazis aus dem Film macht in der Wirklichkeit der Österreicher eine Art Entwicklung durch. Ich bin ihr als Kind in einem Wiener Park zum ersten Mal begegnet. Mein Kumpel Günther lobt die Autobahn und die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Die Sache mit der ordentlichen Beschäftigungspolitik ist seinem Papa, dem ehemaligen Panzerfahrer, nicht eingefallen. Dafür aber viele Jahre später Jörg Haider, dem Sohn ehemals glühender Nazis.

Und erst vor wenigen Jahren sagt mir ein sehr junger, sehr bildungsferner Mann aus Penzing, der mit seinem T-Shirt sehr kundgibt, ein FPÖ-Sympathisant zu sein, dass nicht die Nazis und der Nationalsozialismus das Problem seien, sondern einige wenige und extreme Nazis. Vielleicht - so frage ich mich im Stillen - meint er die wenigen extremen Nazis, die die (ordentliche) Beschäftigungspolitik des Dritten Reiches erfunden haben?

Strache ist es bis jetzt nicht eingefallen, öffentlich mildernde Umstände für den Hitlerismus zu nennen. Dafür hat er Unter-Narren, die Zeiten um Zeiten Beweise für die Existenz von Gaskammern, Hitlers Wissen um den Holocaust, die Schuld der Nazis am Zweiten Weltkrieg und Ähnliches fordern. Und öffentlich darüber stammeln.

Nur ein Freund

Apropos! Wer erinnert sich noch an Hilmar Kabas? Ja! Der Torten-Kabas! Derselbe, dem ein junger Solcher-wie-ich-es-bin weiches braunes Dessert ins Gesicht gedrückt hat. Was bis heute den Höhepunkt brutaler terroristischer Handlungen von "Links gegen Rechts" darstellt. Seit dem Schweigemarsch beim Begräbnis von Ernst Kirchweger*, um genau zu sein.

Doch Hilmar Kabas - auch bekannt für seine persönliche Teilnahme an der polizeilichen Überprüfung eines Bordells in Wien (Ostmärkisch: "Lokalaugenschein in aaner Russn-Hittn") - definiert das für Burschenschafter so wichtige Freund-Feind-Schema. Er sei kein Ausländerfeind, sondern ein Inländerfreund.

Strache hat inzwischen einen religiös besetzten Aufguss des Kabas'schen Freund-Feind-Schemas. Es ist die Evozierung der Nächstenliebe, wie sie im Strache-Universum gilt. Dort sind die zu liebenden Nächsten als "unsere Österreicher" definiert. Ich scheine jedoch eine totale Weichbirne zu sein, weil mir nicht einfallen möcht', was genau "unsere" Österreicher von - was weiß ich - "un-unseren", "fremden", "denen ihren" Österreichern unterscheidet. Gehört mein Urgroßvater Friedolin Schubert aus Kukunjevac in Slawonien zu "unseren" Österreichern oder nicht? Und meine Oma Rosa Wagner aus Iselin, Pennsylvania, in den USA?

Eines jedoch ist gewiss: Der neueste Spruch von der Nächstenliebe ist nur ein Glied in Straches Kette von Satzstümpfen, die zu kurz sind, um ein Argument zu sein. Aber grad so lang wie der Verstand eines Menschen, der die FPÖ trotzdem als positive politische Kraft empfindet.

Pose als Politik

Wir erleben dieser Tage einen Strache, der "nichts zu verstecken hat" (!). Außer das, was die Badehose versteckt. Aber das ist okay.

Genauso, wie es okay ist, dass militärisches Tarngewand die Aufgabe hat zu verstecken. Den Soldaten wie auch den Gotcha-Spieler im Wald. So gut ist Strache damals als "Lausbub" getarnt, dass sogar die Gotcha-Waffen und die Farbflecken, die sie verursachen, für das menschliche Auge, sogar auf Fotos festgehalten, unsichtbar versteckt bleiben. Aber ohne Versteckabsicht. Nur gut getarnt halt.

Weiß jemand, was ein Zwangsdemokrat sein soll? Einer hat mir mal erklärt, das sei jemand, der nur aus List vorgibt, ein Demokrat zu sein. Also ein gut getarnter Nicht-Demokrat. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich weiß nur, dass so einer sicher immer laut sagen würde, er habe nichts zu verstecken, sei ein Freund und kein Feind und ein so großer Demokrat, dass er statt lang und breit Ethik und solchen Kram zu behirnen, lieber auf die Ängste und Sorgen der - natürlich zuvorderst "unseren" - Österreicher hört.

Die er dann in dummdreisten Parolen plakatieren lässt.

Schlaf, Kindlein, schlaf - dein Führer ist ein Schaf

Ich bin nicht einmal ein Kommunist, nur ein verkiffter Kolumnist, der sich durch das Leben schmuggelt, so gut er kann. Ich würde niemals auf einen Menschen, nicht einmal Strache, schießen, Schuhe oder Torten werfen. Ich bin niemandes Albtraum. Aber ich kenne Straches feuchten Traum. Es ist Maria Fekter im Kopf (und Körper) von Anita Ekberg. Verkleidet als Innenministerin. Und als Walküre.

Strache, seine Politik, seine Partei, seine Parteifreunde und seine "Sympathisanten" empfinde ich als Karikatur. Aus dem Deix-Universum. Punkt. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 12.9.2013)

* Ernst Kirchweger, Widerstandskämpfer und KPÖ-Mitglied, wurde 1965 während einer Demonstration von einem Mitglied des Rings Freiheitlicher Studenten "in Überschreitung der Notwehr" (Zitat aus dem Urteil) totgeschlagen. An Kirchwegers Begräbnis nahmen 25.000 Menschen teil. Es war die ehrlichste antifaschistische Kundgebung in der Geschichte der Zweiten Republik. Bis heute.

  • Heinz-Christian Strache, Karl Schnell (rechts) und der damalige interimistische Bundesparteiobmann Hilmar Kabas (Mitte) am Samstag, 23. April 2005, an dem Strache zum FPÖ-Chef gewählt wurde.
    foto: ap/ronald zak

    Heinz-Christian Strache, Karl Schnell (rechts) und der damalige interimistische Bundesparteiobmann Hilmar Kabas (Mitte) am Samstag, 23. April 2005, an dem Strache zum FPÖ-Chef gewählt wurde.

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