Musik löst keineswegs überall die gleichen Assoziationen aus

15. September 2013, 11:58
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Was die einen an einen Vogel denken lässt, klingt für die anderen nach Stier: Bildhafte Bedeutungszuweisungen offenbar kulturell geprägt

Leipzig - Der Musik wird gerne bescheinigt, eine "Universalsprache" zu sein, die überall verstanden wird. Wenn ja, dann ist diese Sprache aber nicht für Feinheiten geeignet. Denn Musik mag zwar bei allen Hörern die gleichen Emotionen ansprechen. Was die Hörer mit den Klängen jedoch näher im Detail assoziieren - etwa Bilder oder abstrakte Begriffe -, ist von Kultur zu Kultur unterschiedlich, wie die Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften berichtet.

Forscher um Thomas Fritz vom Leipziger Max-Planck-Institut verglichen europäische Hörer mit solchen aus einer im Norden Kameruns lebenden Volksgruppe, den Mafa. Fritz kam dabei zu dem Befund, dass eine Reihe grundlegender emotionaler Ausdrücke in westlicher Musik von Mafa gleich bewertet wird von Europäern. Dazu gehören Attribute wie "fröhlich", "traurig" oder "bedrohlich".

Abweichende Assoziationen ...

Unterschiede treten dann auf, wenn es um weiterreichende Assoziationen geht. Fritz und seine Kollegen erstellten Assoziationsprofile für verschiedene westliche Musikstücke. Dabei ordneten die Forscher den Musikstücken jeweils drei Begriffe zu, die Hörer aus dem Westen entweder als voll zutreffend, als nicht besonders gut passend oder gar als gegensätzlich wahrnehmen.

Als der Forscher diese Musikstücke den Mafa vorspielte, sie nach ihren Assoziationen befragte und aus den drei Begriffen den für sie treffendsten wählen ließ, stellte er fest, dass nur wenige der Assoziationen bei Mafa und westlichen Hörern gleich waren. Als Beispiele nennt er "Frieden" und "Morgen". Bei den meisten Assoziationsprofilen gab es keine Übereinstimmungen.

"Beispielsweise spielten wir den Mafa ein Stück vor, das bei den deutschen Probanden fast ausnahmslos die Assoziation 'Vogel' geweckt hatte. Die Mafa hingegen assoziierten es mehrheitlich mit dem Begriff 'Stier'." Auch die Assoziation "Streit" ordneten die Mafa dem von den deutschen Hörern als passend empfundenen Musikstück überhaupt nicht zu. 

... bleiben innerhalb der kulturellen Gruppe gleich

Und es schien sich nicht um individuelle Besonderheiten zu handeln: Die Assoziationsprofile der Mafa blieben in sich nämlich weitgehend konsistent – wie auch die westlichen Hörer mit ihren anders gearteten Interpretationen. "Daraus schließen wir", so Fritz, "dass die konkrete bildhafte Bedeutung, die ein Hörer mit der Musikwahrnehmung assoziiert, größtenteils ein Ergebnis kultureller Prägung ist. Sie kann zwar zu einem kleinen Anteil über Kulturgrenzen hinweg transportiert werden, wird aber besonders leicht durch eigene kulturelle Assoziationen überschrieben." (red, derStandard.at, 15. 9. 2013)

 

  • Musikalisches Blind-Date: Die Mafa führen eine traditionelle Lebensweise und sind mit westlicher Musik kaum vertraut. Das machte sie zu idealen Versuchspersonen für eine Studie.
    foto: mpi f. kognitions- und neurowissenschaften/fritz

    Musikalisches Blind-Date: Die Mafa führen eine traditionelle Lebensweise und sind mit westlicher Musik kaum vertraut. Das machte sie zu idealen Versuchspersonen für eine Studie.

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