Babys unter die Arme greifen

12. September 2013, 14:20
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"Hebammen haben eine Art Beschützerrolle", sagt Ursula Gessner - Seit 22 Jahren hilft sie in Oberpullendorf Babys, auf die Welt zu kommen

Als die um zehn Jahre ältere Schwester ihr erstes Kind auf die Welt brachte, hat das die damals 14-jährige Ursula Gessner nachhaltig beeindruckt. So nachhaltig, dass damit auch ein Berufswunsch geboren war, nämlich der, Hebamme zu werden. Gessner war durch das Ereignis aber nicht nur positiv beeindruckt, sondern auch erstaunt. Darüber, wie traumatisch sich vieles für die eigene Schwester angefühlt hat. Schließlich war es noch die Zeit, in der Väter nicht mit in den Kreißsaal durften, es kein Rooming-in gab, Neugeborene nicht angelegt, sondern zu fixen Stillzeiten ausgeteilt wurden.

"Mutter- und kinderfreundlich war das nicht", sagt Gessner, also wollte sie, erzählt die 49-Jährige heute lachend, "eine liebe Hebamme werden." Das scheint gelungen zu sein. Zunächst absolvierte sie die Krankenpflege-Schule und wurde mit 25 im zweiten Bildungsweg Hebamme. Das war 1991, und Gessner selbst bereits zweifache Mutter. Beide Kinder kamen zu Hause auf die Welt, beim ersten Kind war sie 21, das zweite kam einen Monat nachdem sie die Ausbildung beendet hatte. Weil ihr Mann und Vater der Kinder von Beginn an die Hausmann-Rolle übernahm, konnte Gessner bald wieder arbeiten. Dort, wo sie bis heute tätig ist: im Krankenhaus Oberpullendorf im Burgenland, "dem Mekka der sanften Geburt", wie sie es bezeichnet.

Das Mekka der sanften Geburt

Der Beruf brauche Menschen, die sich zurücknehmen können. Wie viele Kinder sie selbst in ihrer Karriere auf die Welt gebracht hat, weiß sie nicht mehr, vielleicht sind es um die tausend. Gessner geht es, darauf kommt sie immer wieder zurück, um "einen respektvollen Umgang mit Mutter und Kind". Das sei auch heute noch nicht überall selbstverständlich: "Hebammen haben oft auch eine Art Beschützerrolle." Konflikte mit anderen Berufsgruppen sind da vorprogrammiert, denn das wünschenswerte "Gebären in Geborgenheit" bleibt oft ein Schlagwort. Das liege natürlich an der Institution Krankenhaus und seinen Routinen, die auf eine 1:1-Betreuung nicht ausgelegt sind.

Auch wenn sich vieles zum Besseren verändert hat: "In der Geburtshilfe haben wir noch immer einen weiten Weg vor uns." Den beschreitet die passionierte Hebamme heute in leitenden Funktionen: Seit 1994 ist sie Vorstandsmitglied im Hebammengremium und leitet die Geschäftsstelle Burgenland, seit 2006 koordiniert sie die Hebammen-Teams zweier Krankenhäuser. Die Forderungen, die ihr am Herzen liegen, teilt sie mit den rund 1900 in Österreich praktizierenden Hebammen: etwa dass Gebärende mit ihren Hebammen so viel Zeit wie möglich verbringen (auch vor und nach der Geburt), dass Mutter und Kind nach der Geburt nicht getrennt werden (außer im Notfall) und dass frühes Anlegen schon im Kreißsaal möglich sein sollte, auch für Frauen mit Kaiserschnitt (mittlerweile sind das schon ein Drittel aller Geburten).

Neue Verordnung

Seit 1. September ist eine neue Mutter-Kind-Pass-Verordnung in Kraft. Schwangere können jetzt zwischen der 18. und 22. Schwangerschaftswoche eine Hebammen-Beratung in Anspruch nehmen, die von den Kassen bezahlt wird. Die Forderung des Gremiums, dass Hebammen bei gesunden Schwangeren auch die Mutter-Kind-Pass-Kontrollen durchführen können, wurde nicht umgesetzt. Aber neben- und freiberuflich bietet Gessner, sofern es ihr 40-Stunden-Job erlaubt, das an, was für alle Gebärenden Standard sein sollte: Geburtsvorbereitungskurse, Wochenbettbetreuung und Stillberatung.

"Der Bedarf ist groß", sagt sie. Wenn sich Frauen gut aufgehoben fühlen, spricht sich das herum. Dieser Einsatz ist für Gessner nur machbar, weil sie zu Hause immer Unterstützung hatte. Zum zweiten Mal ist sie verheiratet, allerdings mit ein und demselben Mann. Mit ihm hat sie mittlerweile vier Kinder (drei Töchter, einen Sohn): Zwei Kinder vor der Scheidung und zwei nachher. "Das Zuhause hat mein Mann geschupft", erst seit 2009 arbeitet er Vollzeit als Leiter des Gremialsekretariats des Hebammengremiums.

Die Jüngste ist jetzt 15, die Älteste 28. Deren erstes Kind ist in Oberpullendorf geboren. Diensthabende Hebamme: die eigene Mutter, sprich: werdende Großmutter. "Das war eines der schönsten Erlebnisse meines Lebens", sagt Gessner, "einem gesunden Enkelkind auf die Welt zu helfen." (Mia Eidlhuber, Family, DER STANDARD, 12.9.2013)

  • Ursula Gessner bietet nebenberuflich das an, was für alle Gebärenden Standard sein sollte.

    Ursula Gessner bietet nebenberuflich das an, was für alle Gebärenden Standard sein sollte.

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