"Die goldenen Jahre sind auf Eis gelegt"

11. September 2013, 17:14
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Am Sonntag hat Hans Falladas Eheroman "Kleiner Mann - was nun?" Premiere am Volkstheater. Patrick O. Beck spielt die Titelrolle. Er meint, der moderne Arbeitnehmer stecke voller Tugendhaftigkeit

Wien - Bevor bei der Direktorensuche für das Volkstheater (Michael Schottenberg tritt 2015 ab) die ersten Namen gefallen sein werden - angesichts der bevorstehenden Nationalratswahl ist ein Entschluss in diesem Herbst nicht ausgeschlossen -, sind im Haus am Weghuberpark die Augen auf Hans Falladas Kleiner Mann, was nun? geheftet. Georg Schmiedleitner inszeniert eine hauseigene Fassung des Arbeitslosen- bzw. Eheromans, den man als Grußbotschaft von einer Wirtschaftskrise an die nächste verstehen kann.

Der mitten aus dem Herzen der gebeutelten Weimarer Republik geschriebene Text begründete den Erfolg Hans Falladas (bürgerlich Rudolf Ditzen), selbst ein unsteter und labiler Jobhopper, der es unter den Fittichen des Verlegers Ernst Rowohlt aber gar nicht so schlecht hatte. Falladas Werk zeigt das In-die-Enge-getrieben-Sein durchschnittlicher, rechtschaffener Existenzen auf, auch und gerade im NS-System.

In der Volkstheater-Eröffnungspremiere spielt Patrick O. Beck die Titelfigur des Johannes Pinneberg, der an der Seite seiner aparten jungen Frau (genannt Lämmchen, dargestellt von Hanna Binder) und des späteren gemeinsamen Kindes ums würdevolle Überleben kämpft. Im brandenburgischen Provinzstädtchen Ducherow beginnt alles damit, dass der Gynäkologe bei der jungen Frau die Schwangerschaft feststellt. Das junge Paar beschließt zu heiraten und ein anständiges Leben zu führen, nach Möglichkeit aufzusteigen, was nicht gelingt. Die Gehälter sind arg niedrig, Jobs fehlen, der Spielraum für das private Glück verengt sich.

"Damit können wir uns jetzt wieder identifizieren, spätestens seit 2008" , meint Patrick O. Beck im Standard-Gespräch. "Auch die Konzentration auf die Kleinfamilie ist etwas Modernes. Man zieht wieder zusammen, man rückt näher. WG-Modelle werden vielfältiger. Ich glaube, dass die goldenen Jahre vorerst auf Eis gelegt sind."

Der deutsche Schauspieler, 1979 in Erlangen geboren, war nach seiner Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar jahrelang am Burgtheater, bevor er 2009 freiwillig das Weite suchte und in der Folge am Volkstheater Fuß fasste. "Ich hatte zwei Mentoren: Klaus Maria Brandauer und Michael Schottenberg", sagt Beck, der für seinen Beruf ungemein treffsichere Worte findet: "Es geht nicht darum, eine Kunstfigur zu schaffen, sondern eine Figur, die man selber so weit ist, dass das Gesagte ehrlich ist. Selbst in der größten Dramatik und bei aller Überhöhung muss zu 99,9 Prozent alles aus einem selber kommen".

Für Johannes Pinneberg, der in der Volkstheater-Inszenierung seiner Zeit durchaus verhaftet bleiben soll, findet Patrick O. Beck viele Anknüpfungspunkte an die Gegenwart: Das penible Auflisten des Haushaltsbudgets des Ehepaares erinnert ihn etwa an Hartz-IV-Realitäten. "Es gab einen Politiker, der vorgerechnet hat, wie man mit zwei Euro 50 sein Abendessen bestreiten solle: Magerquark und zwei Scheiben abgepacktes Brot."

Und weiter: "Der Roman beschreibt auch ein kleinbürgerliches, behütetes Denken. Daraus nährt sich das Stück. Pinneberg und Lämmchen realisieren, dass die Spielregeln in der Stadt noch härter sind. Ich denke, dass Familien am Existenzminimum heute genau solche Erfahrungen machen."

Zadek als Vorläufer

Mehrere Male wurde Falladas Kleiner Mann - was nun? verfilmt und ebenso für das Theater adaptiert, u. a. von Peter Zadek (1972) oder Luk Perceval, dessen vierstündige musikalisch-filmische Arbeit an den Münchner Kammerspielen 2009 zum Berliner Theatertreffen geladen war.

Aber wie passt ein so tugendhafter Arbeitnehmer in unsere Zeit, in der Arbeitsbedingungen härter werden, der Umgangston kühler? Dazu Beck: "Ich glaube schon, dass es diese Tugendhaftigkeit noch gibt. Möglicherweise ist es eher die Tugendhaftigkeit der Vorstädte, der kleineren Orte. Die Generation meiner Eltern hatte es noch einfacher, weil viele Jobs da waren. Inzwischen sind viel mehr Menschen am Arbeitsmarkt, die Lebenserwartung steigt. Möglicherweise ist der Grund dafür auch, dass wir hier in Europa ein Friedensprojekt haben, das so erfolgreich ist, und - brutal gesagt - die Bevölkerung nicht mehr ausgedünnt wird. Wir machen uns ja auch als Schauspieler die Gehälter kaputt, weil es viel zu viele von uns gibt. Jeder zweite Kellner in Berlin ist Schauspieler und vielleicht gar kein schlechter." (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 12.9.2013)

  • Mit dem Lämmchen (Hanna Binder) auf Falladas Spuren durch Berlin: Patrick O. Beck im Wiener Volkstheater.
    foto: marko lipuš

    Mit dem Lämmchen (Hanna Binder) auf Falladas Spuren durch Berlin: Patrick O. Beck im Wiener Volkstheater.

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