PS Vita TV: Sonys Todesstoß für Android-Spielkonsolen?

Analyse15. September 2013, 12:00
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Sony prescht in den Markt der boomenden Billig-Konsolen vor - Eine Chance, aber kein sicherer Erfolg

Als vor etwas mehr als einem Jahr mit der Ouya die erste Android-basierte Spielkonsole angekündigt wurde, glaubten nicht wenige Konsumenten und Marktbeobachter an eine zukunftsweisende Alternative zu den etablierten Spielkonsolen der drei großen Hersteller Sony, Microsoft und Nintendo. Kein einziger der Big Player konnte damals eine ebenso günstige wie offene und entwicklerfreundliche Plattform anbieten. Schon bald wurden Gerüchte laut, wonach auch Google, Apple und auch Amazon an ähnlichen Produkten für den vermeintlichen Zukunftsmarkt arbeiten würden.

Ein Jahr später ist alles anders und die Zukunft für Ouya, GameStick und all die anderen ambitionierten Projekte sieht nun nicht mehr rosig aus. Bevor die Offensive der Newcomer gestartet werden konnte, haben sich die Alteingesessenen auf die neue Bedrohung eingestellt.

Kompletter Wandel

Dazu gehört die branchenweite Öffnung von Videospielökosystemen. Sony und Microsoft haben erkannt, dass hohe Lizenzkosten und komplexe Produktionsprozesse heute angesichts von günstigen Mobile-Plattformen und PC-Portalen wie Steam nicht mehr tragbar sind.

Der Wettlauf um die nächste Konsolengeneration um PlayStation 4 und Xbox One öffnet die bislang umzäunten Gärten der Spielkonsolen für jeden noch so kleinen Entwickler und jedes erdenkliche Vertriebsmodell. Künftig wird es für Designer genauso einfach sein, ein Spiel für eine klassische Heimkonsole umzusetzen und herauszubringen, wie für ein Smartphone oder den PC. Die Big Player haben die Hürden zum Konsoleneinstieg schrumpfen lassen noch bevor sie die Konkurrenz richtig für sich nutzen konnte.

Preisargument

Plattformoffenheit wurde damit zum Industriestandard ernannt und seit Anfang vergangener Woche wird es Ouya und Co. auch schwer Fallen, mit dem Preis zu argumentieren. Während PS4 und Xbox One für 399 Euro und 499 Euro in erster Linie die Kernspielerschaft ansprechen werden, lanciert Sony (zunächst in Japan) mit der PS Vita TV zeitgleich eine neue Minikonsole, die bei einem Preis von umgerechnet 75 Euro selbst Schnäppchenjäger verlocken könnte.

Die Konsole nutzt zur Steuerung vorhandene PS3- und neue PS4-Controller, bringt Spiele der Handhelds PS Vita und PSP sowie PS1-Kalssiker auf den Fernseher und kann kommende PS4-Blockbuster über WiFi von einer PS4 auf andere Fernseher streamen, falls das Wohnzimmer einmal okkupiert sein sollte.

Kleine Spielvielfalt

Vita TV lässt sich auch zum Streamen von Videos über Youtube und Netflix einsetzen. So sind Spiele gegenüber Multimedia-Boxen der gleichen Preisklasse wie Apple TV oder Roku das größte Argument. Deutlich günstiger als eine PS3 oder Xbox 360 und auf Augenhöhe mit Ouya und Konsorten ermöglicht die PS Vita TV bereits zum Marktstart den Zugriff auf hunderte kleinere und günstigere Games, aber auch vollwertige PS Vita-Produktionen. Wiederum vielleicht der härteste Schlag für Android-Konsolen, die noch eine sehr kleine Anzahl an qualitativ hochwertigen Inhalten vorweisen können.

"Nichts was die Vita TV kann, ist einzigartig, aber die Kombination all dessen ist es schon", kommentiert GameIndustry-Autor Dan Pearson Sonys Angebot. "Ich werde das Gefühl nicht los, dass Sony seiner neuen Konkurrenz einen Schritt voraus ist."

Eine Chance, nicht mehr

Die Herausforderung für Sony wird sein, der wachsenden, enormen Vielfalt an Android-Games und dem breiten Software-Portfolio anhaltende Qualität entgegenzuhalten. Schlussendlich ist es hochwertige Software, die Hardware verkauft. Die PS Vita TV stellt in Kombination mit der von Kritikern vielfach gelobten, aber mäßig populären Handheld-Konsole PS Vita eine Chance dar, um mehr Spielentwickler für Projekte zu begeistern. Die günstige Heimkonsole könnte im Umkehrschluss wiederum für einen Aufschwung in Sonys schwächelndem Portable-Geschäft sorgen. 

Wandel erkannt

Dass die PS Vita TV ein Erfolg wird, ist jedoch trotz Preisattraktivität, Spielaufgebot und Mutlimediafeatures alles andere als sicher. Sonys Hang zu inkonsequent verfolgten Experimenten ist nur allzu gut bekannt. Dennoch beweist sie, dass der Konzern den Wandel in der Spielebranche erkannt hat. "Einfach gesagt, zeigt es Sonys Ambition einen Fuß in einen Markt zu setzen, der von vielen als schnellst wachsender Sektor in der Branche angesehen wird", meint MCV-Analyst Ben Parfitt. "Der Umstand, das weder Microsoft noch Nintendo ähnliche Intentionen hegen, könnte den beiden Konkurrenten eines Tages noch Sorgen bereiten." Dass der Markt für Billigkonsolen, egal ob Ouya, PS Vita TV oder eine von Google, überhaupt gegeben ist, muss allerdings auch erst bewiesen werden. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 15.9.2013)

Video: PS Vita TV 

  • Hat Sony mit PS Vita TV einen Trumpf in der Hand?
    foto: ap photo/koji sasahara

    Hat Sony mit PS Vita TV einen Trumpf in der Hand?

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