Philippinen: Der halbe Frieden mit muslimischen Rebellen

Hintergrund14. September 2013, 05:30
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Neue Gewalt erschüttert den Süden des Landes. Dabei geht es um Machtkämpfe zwischen den Separatisten

Der 15. Oktober 2012 sollte der Anfang vom Ende der Gewalt auf den Philippinen sein. An diesem Tag unterzeichneten Staatspräsident Benigno Aquino und die Rebellenorganisation Moro Islamic Liberation Front (MILF) einen Friedensfahrplan, der im Süden des Landes eine autonome muslimische Region vorsieht. Das Abkommen gilt als die vielversprechendste von zahlreichen Bemühungen, den jahrzehntelangen Konflikt zwischen der Regierung und der muslimischen Minderheit zu beenden. "Das Abkommen wird alle Erwartungen übertreffen", sagte Aquino damals. Allerdings fühlt sich eine andere separatistische Gruppierung dadurch ausgegrenzt. Und torpediert den Friedensprozess derzeit mit Bombenattentaten und Geiselnahmen.

Regierungssoldaten kämpfen derzeit in Zamboanga gegen muslimische Rebellen. (Foto: Reuters/Erik de Castro)

Der Ursprung dieses Konflikts liegt im 14. Jahrhundert, als arabische Händler und mit ihnen zahlreiche Muslime aus dem malaiischen Raum in den Süden der Philippinen einwanderten. In der Folge entstanden dort verschiedene Sultanate. Mit der Ankunft der Kolonialmacht Spanien im Jahr 1565 wurden die Philippinen an das Vizekönigreich Neuspanien angegliedert. Die muslimischen Herrscher verloren sukzessive ihren Einfluss, zudem kam es zu einer Christianisierung des Landes. Trotzdem konnten sich die Moslems, von den Kolonialherren Moros (spanisch für Mauren) genannt, im Süden des Landes halten. Nur formell gehörte dieser Teil der Philippinen Neuspanien an.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lösten die USA Spanien nach dem Spanisch-Amerikanischen und dem Philippinisch-Amerikanischen Krieg als Kolonialmacht ab. Im Süden des Landes wurde die Provinz Moro gegründet, was zu Widerstand und dem Moro-Amerikanischen Krieg führte. Nach der Niederlage der Moros siedelten sich amerikanische Konzerne im Süden des Landes an, zudem wanderten Christen auf Initiative der USA aus dem Norden und der Mitte des Landes in den Süden. Diese Umsiedlungspolitik wurde auch fortgesetzt, nachdem die Philippinen 1946 in die Unabhängigkeit entlassen wurden. Wenig überraschend kam es zu Konflikten zwischen den Siedlern und den Moros. Letztere warfen der Zentralregierung in Manila vor, sie zu benachteiligen und aus öffentlichen Ämtern zu drängen.

Vom Massaker zum organisierten Widerstand

Ein Blutbad sorgte schließlich für die Radikalisierung des islamischen Widerstands. Der als Jabidah-Massaker bekannte Zwischenfall ereignete sich im März 1968. Die genauen Umstände sind umstritten, grob dürfte es sich aber folgendermaßen abgespielt haben: Junge Moros wurden von der philippinischen Armee für eine Geheimoperation angeworben, deren wahrer Zweck den Moro-Rekruten anfangs vorenthalten wurde, nämlich ein Angriff auf die eigene muslimische Bevölkerung. Als sie davon erfuhren, wollten die Rekruten wieder heimkehren, doch stattdessen wurden sie von der Armee exekutiert.

Die Anzahl der getöteten Moro-Rekruten schwankt zwischen 20 und 100. Unabhängig davon resultierte aus dem Massaker die Formierung der Moro National Liberation Front (MNLF), die sich die Gründung eines unabhängigen islamischen Staates im Süden der Philippinen zum Ziel setzte. Genauer gesagt beanspruchten sie Mindanao, das Sulu-Archipel, den Süden Palawans und Basilan für sich. Die MNLF vereinte die meisten separatistischen Gruppierungen und verfügte zeitweise über mehr als 30.000 Kämpfer, die Terroranschläge und Morde verübten. Die philippinische Regierung reagierte darauf unter anderem mit der Ausrufung des Kriegsrechts im Süden des Landes und der Aufforderung an die Siedler, sich mit Waffengewalt gegen die Moros zu wehren. Konsequenz: Seit den 1970er Jahren kamen mehr als 150.000 Menschen in diesem Konflikt um.

Radikalere MILF

1976 entschied sich die philippinische Regierung, Friedensverhandlungen mit der MNLF aufzunehmen. Sie wurden am 15. Dezember mit dem Vertrag von Tripolis abgeschlossen, der den Moros nach Umsetzung eines Waffenstillstands weitgehende Autonomie im Süden des Lands zusicherte. Der Frieden währte allerdings nicht lange: Innerhalb der MNLF kam es zu Streitigkeiten, radikalere Teile der Gruppierung gaben sich nicht mit Autonomie innerhalb des philippinischen Staates zufrieden und forderten weiterhin einen unabhängigen Moros-Staat. Dies führte zu weiteren bewaffneten Auseinandersetzungen und einer Teilung des islamischen Widerstands im Jahr 1977. Die MNLF behielt ihren gemäßigten Kurs bei, die radikalen Mitglieder wandten sich ab und gründeten besagte MILF. Der Konflikt gewann dadurch an Komplexität, neben dem Kampf der staatlichen Autorität gegen Separatisten wurde nun auch innerhalb der Rebellengruppen gestritten, vorwiegend darum, welche Gruppierung nun tatsächlich das Sagen hat.

Dieser interne Streit setzte sich bis heute fort. Eine Vereinbarung mit der einen Gruppierung hatte den Zorn der anderen zu Folge. So geschehen bei Friedensvereinbarungen in den Jahren 1987 und 1996, die die MNLF unterzeichnete. Die Abkommen sahen einen neuen philippinischen Bezirk Autonomous Region in Muslim Mindanao (ARMM) vor, in dem die Moros weitgehend autonom handeln könnten. Außerdem hielt die MNLF fest, dass sie sich von ihrem Ziel eines unabhängigen Moros-Staates abwendete. Dies wurde von vielen Muslimen als Niederlage gewertet, die sich daraufhin der MILF anschlossen. Oder gar der Terrororganisation Abu Sayyaf, die noch radikaler als die MILF agiert.

Aquinos Anlauf

Durch die Zersplitterungen führte auch das Abkommen von 1996 nicht zu einer Befriedung der Situation. Und so entschied sich Benigno Aquino, seit Juni 2010 philippinischer Präsident, neue Verhandlungen aufzunehmen. Das bisherige autonome Moros-Gebiet hielt er für ein "gescheitertes Experiment" voller Korruption und Gewalt. Aquino begann Gespräche mit der MILF, die sich mittlerweile zur größten Rebellengruppe entwickelt hatte. Das Ergebnis ist das Abkommen vom 15. Oktober 2012, das erneut ein autonomes Gebiet vorsieht, welches bis 2016 Realität werden soll. Auf dem Weg dorthin gilt es allerdings noch zahlreiche Verhandlungen zu führen und viele Hürden zu überwinden. Vorgesehen ist unter anderem, dass sämtliche MILF-Kämpfer ihre Waffen niederlegen, was viele Betroffene ablehnen. Außerdem muss die philippinische Bevölkerung dem Abkommen in einer Volksabstimmung zustimmen, was alles andere als gesichert gilt.

MNLF-Anführer Nur Misuari hat erneut zum bewaffneten Widerstand augerufen. (Foto: AP/Aaron Favila)

Und dann wäre da noch die MNLF, die sich durch das Abkommen mit der MILF vom Friedensprozess ausgegrenzt fühlt. MNLF-Anführer Nur Misuari wirft der philippinischen Regierung vor, den Friedensvertrag von 1996 zu missachten. Im August brachte er die ursprüngliche Forderung nach einem unabhängigen Moros-Staat wieder aufs Tapet und rief seine Kämpfer auf, staatliche Einrichtungen anzugreifen. Nun, in den letzten Tagen, wurde dieser Aufruf in die Tat umgesetzt: Hunderte MNLF-Kämpfer attackierten Anfang der Woche die Stadt Zamboanga auf Mindanao, nahmen Zivilisten als Geisel und verwenden sie seitdem als menschliche Schutzschilde gegen die angerückten Regierungstruppen. (Kim Son Hoang, derStandard.at, 14.9.2013)

Zamboanga, die neue Front im Konflikt zwischen der philippinischen Regierung und der muslimischen Minderheit der Moros:


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