Der Karst als unbesiegbarer Feind

11. September 2013, 13:45
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Einer der grausamsten Kriegsschauplätze der Monarchie

Einer der grausamsten Kriegsschauplätze Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg war die Isonzo-Front, wo in insgesamt zwölf Schlachten zwischen Juni 1915 und Oktober 1917 rund 500.000 italienische und habsburgische Soldaten getötet und 1,5 Millionen verwundet wurden.

Die Front verlief an einem relativ kurzen Stück (90 Kilometer) entlang des Flusses Isonzo (Slowenisch: Soca) im friulisch-venetischen/ slowenischen Grenzbereich. Der italienische Oberkommandierende Luigi Cadorna wollte um jeden Preis nach Triest und Laibach und schließlich Wien durchbrechen. Die multiethnische habsburgische Streitmacht unter dem kroatischen General Svetozar Boroevic musste um jeden Preis halten. Dies alles im Karst, einer besonders lebensfeindlichen Umwelt.

Der Historiker Lutz Musner (Verein für die Geschichte der Arbeiterbewegung) hat sich mit der besonderen Eigenart beschäftigt: "Die Besonderheiten des Klimas und der Geländefigurationen in Kombination mit avancierter Waffentechnik und einer sich daraus entwickelnden Schlachtenlogik von Vernichtung, Verwüstung und Erschöpfung schufen eine distinktive Choreografie und Dramaturgie, die den Karstkrieg von anderen Schauplätzen des Ersten Weltkriegs markant unterschied." Im Karst (Muschelkalk) konnte man sich schlecht eingraben. Jeder Artillerietreffer erzeugte einen zusätzlichen Schauer von scharfkantigen Steinsplittern. Die Angreifer mussten über deckungsloses, freies Geländer in die Maschinengewehre der Verteidiger stürmen. Im Sommer war es glühend heiß, im Winter blies die eisige Bora. Das vermittelte den Soldaten, "am Ende der Welt angelangt zu sein" (Musner).

Ein unbesiegbarer Feind

Der italienische Dichter-Nationalist Gabriele d'Annunzio fühlte sich an Dantes Inferno erinnert. Der Karst war in den Worten eines k. u. k. Frontoffiziers ein "unermüdlicher, ewig wacher, zäher und unbesiegbarer Feind". Parallel zur Archaik der Landschaft entwickelte sich aber die moderne Maschinentechnik des Krieges. Musner: "Im Vorfeld von 1914 bildeten Professionen, Wissenschaften und Institutionen mächtige Allianzen, um neue Waffensysteme zu entwickeln, zu erproben und in die Armeen einzuführen." In seinem pompösen "Vittoriale degli Italiani" am Gardasee hatte d'Annunzio in seinem Wohnzimmer das österreichische Hochleistungsmaschinengewehr MG 1907/12 stehen (heute noch zu besichtigen).

Cadorna verheizte in elf vergeblichen Angriffen die italienische Jugend, ohne einen nennenswerten Erfolg zu erzielen. Im einzigen großangelegten Gegenangriff, der zwölften Isonzoschlacht, genehmigte der junge Kaiser Karl den Einsatz von Giftgas. Der deutsch-österreichische Angriff blieb jedoch an der Piave stecken.

Wie Musner unterstreicht, bildete die Härte - und Vergeblichkeit - der Kämpfe auch einen psychologischen Nährboden für die faschistischen Bewegungen der Folgejahre. Mussolini war Soldat der 16. Bersagliere-Division bei Monfalcone, der Führer der austrofaschistischen "Heimwehr", Emil Fey, war bei Görz eingesetzt.

Der Frontverlauf mit seinen erhaltenen Befestigungen kann heute erwandert werden - als "Wege des Friedens". (rau, DER STANDARD, 11.09.2013)

  • Lutz Musner: Karst-Kämpfe als Nährboden für Faschismus.
    foto: f. sprenger

    Lutz Musner: Karst-Kämpfe als Nährboden für Faschismus.

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