Ein Rennen mit ungleichen Bedingungen

10. September 2013, 19:33
40 Postings

Österreich und die Schweiz sind ähnlich groß und haben gleich viele Einwohner - Ein Vergleich der F&E-Systeme hinkt dennoch

Österreich ist anders. Diese Weisheit lässt sich unter kürzlich getroffene Aussagen von Heinz Engl, Rektor der Uni Wien, schreiben, mit denen er das österreichische mit dem Schweizer F&E-Fördersystem verglich: Während der vor allem Grundlagenforschung fördernde Wissenschaftsfonds FWF derzeit 196 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung habe, könne sein Pendant, der Schweizer Nationalfonds SNF, mit 612 Millionen Euro mehr als das Dreifache vergeben.

Umgekehrt erhalte die anwendungsorientierte Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft FFG mit 427 Mio. Euro ein deutlich höheres Budget vom Staat als ihr Pendant, die Schweizer Kommission für Technologie und Innovation (KTI) mit 126 Millionen. Engl meinte dazu: "Die Schweiz investiert nicht so viel mehr in Forschung, die Gewichte sind aber ganz anders verteilt."

Dreimal mehr ERC-Grants

Das Ungleichgewicht zeigt sich bei den Erfolgen der Grundlagenforschung: Schweizer Wissenschafter werben dreimal so viele ERC-Grants ein und werden dreimal so häufig in wissenschaftlichen Arbeiten ihrer Kollegen zitiert wie Österreicher. Der aktuelle Stand der ERC Starting Grants lässt für das Jahr 2013 eine ähnliche Rechnung zu: Die Schweiz hat bisher 21 eingeworben, in Österreich sind es immerhin acht.

Eine Verdreifachung des FWF-Budgets würde nicht zwangsläufig zu einem im gleichen Umfang verbesserten Output führen. Jedoch gilt der Fonds mit nach Jurybeschluss vergebenen Förderprogrammen wie dem Start-Preis für Jungwissenschafter als Vorstufe für die europäische Ebene. Wer ihn gewinnt, ist verpflichtet beim ERC einen Antrag zu stellen - und hat dabei gute Chancen.

Wird also alles gut, wenn die Anwendungsforschung weniger und die Grundlagenforschung mehr bekommt? Michael Binder, Strategie-Direktor bei der FFG, wehrt sich gegen das gegenseitige Aufrechnen. Der Vergleich mit der Schweiz hinke. Die KTI würde ausschließlich Kooperationsprojekte zwischen Unternehmen und Forschungsinstituten fördern. Das Geld fließe dabei an die Wissenschaft. Die FFG aber unterstütze die Unternehmen direkt, was auch der Tatsache geschuldet sei, dass hierzulande neben Industrieriesen wie Infineon zahlreiche KMUs Unterstützung für ihre bewilligten Forschungsanträge erhalten. Der springende Punkt: In der Schweiz gebe es eine vollkommen andere, historisch gewachsene Industriestruktur - zum Beispiel mit einigen Pharmakonzernen, die traditionell große Summen in F&E investieren. "Diese wirtschaftlichen Voraussetzungen haben wir hierzulande nicht."

Anreize für den Mittelstand schaffen, in F&E zu investieren: Mit schönen Worten wird hierzulande für die Forschungsprämie, die steuerliche Förderung von F&E im Unternehmensbereich, argumentiert. Sie wurde 2011 von acht auf zehn Prozent erhöht. Im Jahr 2012 wurden dadurch 572,2 Millionen Euro an Forschungsprämien an heimische Unternehmen ausgeschüttet. Das ist deutlich mehr als 2011 (313,2 Millionen Euro). In der Schweiz kennt man ein derartiges Modell nicht.

Die österreichische Maßnahme soll zwar zur Erhöhung der aktuellen F&E-Quote auf rund 2,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts beigetragen haben, löse aber nicht die Probleme der Forschungsfinanzierung, wie Kritiker meinen. Und die lägen in der Unterdotierung der wettbewerblichen Förderungen für Grundlagenforschung. Anders scheint das beim Fixanteil zu sein: Der Anteil der Basisfinanzierung der Unis (General University Fund, GUF) an den staatlichen F&E-Ausgaben lag laut Statistik Austria 2010 bei 46 Prozent.

Kürzung vom Tisch

Der GUF wurde erst kürzlich von Hannes Androsch, dem Vorsitzenden des Forschungsrats, hinterfragt. Was hier tatsächlich in die Forschung fließt, sei nur schwer nachvollziehbar. Es gebe Unschärfen. Die von seinem Vorgänger Knut Consemüller geforderte Kürzung des GUF zugunsten der wettbewerblichen Forschung sei aber längst vom Tisch, heißt es aus dem Wissenschaftsministerium. Es sei unbestritten, dass die Unis mit Sicherheit nicht mit weniger Budget auskommen können.

Androsch zog auch einen Vergleich zwischen der Schweiz und Österreich: Er kritisierte die Ausstattung an den heimischen Unis. Das Nachbarland mit etwa gleich vielen Einwohnern betreibe nur die Hälfte der Unis und habe ein fast doppelt so hohes Budget dafür zur Verfügung. Die Folge: Kluge Köpfe wandern aus Österreich ab. Manchmal in die Schweiz - denn die ist ganz anders. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 11.9.2013)


Der Club Research zum Thema "Forschung in Österreich und in der Schweiz" findet am Mittwoch ab 18 Uhr im Reitersaal der OeKB, Strauchgasse 3, 1010 Wien, statt. Am Podium: Christian Keuschnigg, Direktor des Instituts für Höhere Studien (IHS), Johannes J. Baensch, Forschungschef Nestlé, Thomas Henzinger, Präsident IST Austria, Sabine Herlitschka, Infineon Austria, und Dieter Imboden, Aufsichtsratsvorsitzender des FWF. Anmeldungen über clubresearch.at.

  • Artikelbild
    illustration fatih aydogdu
  • Artikelbild
  • Artikelbild
Share if you care.