Ein Schiff voller "Mathematik vom Menschen"

10. September 2013, 19:22
6 Postings

Das Ausstellungsschiff ist dieser Tage wieder einmal in Österreich unterwegs - Das Thema "Demografie" wird interaktiv umgesetzt - unter anderem an einer Station, an der man gleich um viele Jahre altert

Karpfen werden 100 Jahre alt, wenn sie davor nicht verspeist werden. Die meisten Besucher des Ausstellungsschiffs MS Wissenschaft wissen das sicher nicht und können mit dieser Information, abgeschaut von einer Mensch-Tier-Alterstafel, prahlen. Wer noch mehr Stoff braucht, eventuell für Party-Smalltalk: Fruchtfliegen leben nicht sehr lange, worauf man hätte wetten können. Nacktmulle werden auch im Alter nicht krank. Die hässlichen Tiere sind immerhin in diesem Zusammenhang beneidenswert.

Die MS Wissenschaft fährt nun schon seit 2003 über Deutschlands Flüsse, und seit drei Jahren führt ihr Weg über die Donau auch nach Österreich. Am vergangenen Freitag legte das Schiff, ein für diese Zeit umgebauter Frachter, in Wien am Handelskai an. An Bord ist wie üblich eine interaktive Ausstellung, die heuer dem Thema Demografie gewidmet ist: Alle Generationen in einem Boot heißt sie. Besuchern wird dabei nicht nur die Möglichkeit geboten, das Altern nachzuempfinden. Auch der gesellschaftliche Wandel durch Migration wird veranschaulicht. Dabei waren keine verkrampften Volksbildner am Werk. Die Ausstellungsgestalter wählten einen spielerischer Ansatz. Es sollen ja schließlich Schüler und Schülerinnen ab zwölf Jahren die Ausstellung besuchen.

Beispiele? An der Morphing-Station kann sich jeder ein Bild davon machen, wie er mit 80 Jahren ausschaut. Für Schüler ist das ein belustigender Anblick, für Besucher jedoch, die gerne jünger wären und der bitteren Wahrheit nicht ins Gesicht blicken wollen, gibt es nur die Möglichkeit, dieses Objekt auszulassen. Eine Software, die Porträts um 20 Jahre verjüngt, passt nicht ins wirklichkeitsbezogene Konzept der Ausstellung.

Ein reales Gefühl von Alterung vermittelt auch ein vibrierender Stift, mit dem die Besucher schreiben können. Er zeigt, wie schwierig ein Strich auf Papier wird, wenn die Hand zittert. Motorik ist auch das Thema einer telemedizinischen Installation. Ein Avatar demonstriert leichte Gymnastikübungen. Eine Webcam filmt die Besucher beim Nachmachen derselben und zeigt an, wo die Bewegung verbessert werden sollte.

An einer weiteren Ausstellungsstation kann man mittels Umfrage überprüfen, wie liberal eigentlich die eigene Einstellung zu fremden Religionen ist. Und auch ein Kuscheltier ist Teil der Ausstellung: Paro, die Roboterrobbe, die schon in 40 Pflegeeinrichtungen eingesetzt wird und Demenzkranken geholfen hat, agiler zu werden. Ihre Kulleraugen regen im Gehirn Regionen an, die für Sprache und Emotion zuständig sind.

Die Exponate kommen unter anderem von Instituten der Fraunhofer Gesellschaft und vom Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften. Den österreichischen Beitrag lieferte das Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital.

Gezeigt wird der Arbeitsplatz einer Demografin. Hier sehen Besucher, welche Faktoren die Wissenschafter in ihren Berechnungen mit einbeziehen: Bildung, Alter, Geschlecht, Umgang mit Klimaschutz. Den Hintergrund dieser Installation erklärt Wolfgang Lutz, Gründer des Zentrums: In der Öffentlichkeit werde häufig nicht verstanden, was Demografie bedeutet. "Als ich in den 1980er-Jahren aus den USA zurückkam, verwechselten es die Gebildeteren mit Demoskopie, der Wahlforschung. Und die weniger Gebildeten verwechselten es mit Demokratie, was mir lieber ist."

Heute sehe man die Demografie als "Schreckgespenst". Es sei von der alternden Gesellschaft als Bürde die Rede, weshalb auch die Wissenschaft, die sich damit beschäftigt, einen schlechten Ruf habe. Jedoch ist die Demografie, "die Mathematik der Menschen" (Lutz), in der Lage, Studien zu liefern, die zeigen, wie der Staat gegensteuern könnte. Eine Analyse etwa ergab: Eine Gesellschaft mit mehr Bildung ist im Alter weniger pflegebedürftig, weil sie gewohnt ist, geistig aktiv zu sein.

Demografie hilft schließlich auch, die eigene Bedeutung im globalen Kontext richtig einzuschätzen. Lutz mit ironischem Unterton: "Obwohl man es nicht für möglich halten sollte: Die österreichische Bevölkerung umfasst nur ein Promille der Weltbevölkerung." Wir sind also doch nicht der Nabel der Welt! Wer es nicht glaubt, dem möge dieses einfache Zahlenspiel zur Einsicht verhelfen. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 11.9.2013)


Die MS Wissenschaft ist am 11. und 12. 9. in Krems (Welterbe-Platz 1) und vom 14. bis 17. 9. in Linz (Untere Donaulände). Der Eintritt ist gratis. Öffnungszeiten: 10-19 Uhr. Die Fahrt des Schiffes nach Österreich wird über den Wissenschaftsfonds FWF vom Wissenschaftsministerium finanziert.

Link
www.ms-wissenschaft.de

  • Die MS Wissenschaft ist ein Frachtschiff, das in den Sommermonaten zum Ausstellungsschiff wird. Unter den Ausstellungsobjekten: ein intelligenter Rollstuhl und ein telemedizinisches Gymnastikspiel zum Training der Motorik.
    fotos: gabriel/ 3pc; fwf

    Die MS Wissenschaft ist ein Frachtschiff, das in den Sommermonaten zum Ausstellungsschiff wird. Unter den Ausstellungsobjekten: ein intelligenter Rollstuhl und ein telemedizinisches Gymnastikspiel zum Training der Motorik.

Share if you care.