"Man ging davon aus, dass es Krieg geben wird"

Interview11. September 2013, 13:43
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M. Christian Ortner, Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums, über die psychologische und militärische Ausgangssituation in Europa und Österreich-Ungarn 1914

STANDARD: Wie waren 1914 die Kriegspläne der europäischen Staaten Frankreich, Deutschland, Österreich-Ungarn, Russland? War man schon komplett auf Krieg eingestellt?

Ortner: Das junge Jahrhundert war ja nicht wirklich friedlich. Es gab jede Menge blutiger Konflikte wie die Balkankriege. Die Militärs sind davon ausgegangen, dass es über kurz oder lang zu einem militärischen Konflikt kommen wird, dass das alte Konzert der Großmächte nicht mehr funktioniert. Man hat sich daher sehr intensiv mit Kriegsszenarien beschäftigt.

STANDARD: Wie war die militärische Stärke Österreich-Ungarns? Der letzte Krieg, den man geführt und gewonnen hat, war 1878 bei der Okkupation Bosniens gegen Aufständische. Hat man da nicht mit zu großer Nonchalance einen Krieg mit einer Großmacht wie Russland riskiert?

Ortner: Die Bereitwilligkeit in Österreich, viel Geld in die Armee zu investieren, ist zurückgegangen. 1914 ist die Masse der Truppen Reservisten oder Landsturm. Österreich-Ungarn gibt für die Armee etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Budgets Frankreichs oder Deutschlands aus. Der Generalstabschef Conrad von Hötzendorf fordert ständig zusätzliche Rüstung, sonst wäre die Armee nicht schlagkräftig genug. Als 1914 klar war, dass man in den Krieg hineingeht, erklärt er die Armee plötzlich für "schlagfertig". Das ist eine der vielen Rätsel um die Person Conrads, wo man herauslesen kann, dass Conrad und Potiorek (Oberkommandierender der Balkanstreitkräfte) den Krieg wollten.

STANDARD: Sie haben also gesagt: Wir wissen, wir sind nicht vorbereitet, aber wir brauchen den Krieg.

Ortner: Da müssen wir ins europäische Gesamtbild gehen - die Frage des Zeitpunkts. Man ging davon aus, dass es einen Krieg geben wird, und sowohl das Deutsche Reich wie auch Österreich-Ungarn haben gesagt, je früher, desto besser. Die Franzosen haben ab 1912 massiv die Bahn in Russland ausgebaut, damit deren Mobilisierung schneller geht. Serbien hat sich 1912/13 durch die Balkankriege (gegen die Türkei, dann gegen Bulgarien) extrem erweitert, die Kräftekalkulation wird immer schlechter für Österreich-Ungarn. Die Frage war, wann ist der günstigste Zeitpunkt. Meine persönliche Einschätzung ist auch, dass durch die massive französische Rüstung die Balance mit Deutschland gestört wurde.

STANDARD: Auf die Idee, gar keinen Krieg zu führen, ist niemand gekommen?

Ortner: Im Frühjahr 1914 gab es durchaus eine gewisse Entspannung. Der Thronfolger Franz Ferdinand war ganz maßgeblich hinter einer Annäherung an Russland. Die ganz großen Spannungen, wo man schon sehr knapp am Krieg war, sind weg. Und dann passiert genau dieser zündende Moment (die Ermordung Franz Ferdinands, Anm.). Genau wissen wir natürlich nicht, wie es ohne das weitergelaufen wäre. Die permanenten Krisen der letzten zehn Jahre haben aber schon das Element der militärischen Stärke ins Bewusstsein gerufen.

STANDARD: Wie kann man die psychologische Situation der österreichischen Eliten beschreiben? Wir schlagen die Serben, weil uns die Deutschen die Russen eh vom Leib halten, und haben die Monarchie wieder für zehn Jahre gerettet, oder war schon ein gewisser Fatalismus da?

Ortner: Der Fatalismus war jedenfalls da, als die Russen in den Krieg eintreten. Man kann nicht sagen, dass die österreichische militärische Führung sich des Risikos nicht bewusst gewesen wäre. Man hat aber nicht kalkuliert, welche schlimmsten Auswirkungen das hätte haben können, nämlich den Verlust der Monarchie.

STANDARD: Aber konnte man sich die Ermordung des Thronfolgers durch bosnisch-serbische Terroristen gefallen lassen?

Ortner: England hat ja sehr wohl erkannt, dass Österreich Genugtuung bekommen muss. Die Frage ist ja, ob die serbische Regierung überhaupt noch Kontrolle hat (über eine Clique im eigenen Geheimdienst, der die Attentäter ausrüstete, Anm.). Da gab es verschiedene Ansichten - darüber, welches Mittel passend ist. Kompletter Krieg oder nur ein Handstreich auf Belgrad. Da hat Conrad gesagt, Letzteres reicht nicht. Man sagte, wenn man jetzt noch einmal mobilisiert, muss auch geschossen werden. Die Entscheidung ist einfach schon Anfang Juli gefallen. Da hätten die Serben wirklich das Ultimatum bestens beantworten können. Im Kronrat hieß es: Hoffentlich springen uns die Serben jetzt nicht ab.

STANDARD: Hat die militärische Logik die Oberhand über die Politik behalten?

Ortner: Es waren nicht nur die Militärs, der österreichische Ministerpräsident, der Außenminister und der Kaiser wollten den Krieg. Das Tragische ist, bei vorigen Krisen war der Thronfolger immer gegen den Krieg gewesen. Aber der war jetzt nicht mehr da. (Hans Rauscher, DER STANDARD, 11.9.2013)


M. Christian Ortner, Jahrgang 1969, studierte Geschichte an der Universität Wien und ist seit 2005 Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien.


Info: "Leben mit dem Großen Krieg"

Vom 12. bis 14. September läuft im Kloster Und in Krems an der Donau die internationale historische Konferenz: "Leben mit dem 'Großen Krieg'. Der Erste Weltkrieg in globaler Perspektive". Veranstalter ist das Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung (Leitung: Stefan Karner).

Diese Konferenz ist Teil des wissenschaftlichen Begleitprogramms zur Ausstellung "Jubel & Elend. Leben mit dem Großen Krieg, 1914-1918" auf der Schallaburg 2014. Zu den Vortragenden gehören M. Christian Ortner ("Die Kriegspläne der europäischen Staaten 1914") und Lutz Musner ("Das Kriegsgeschehen an der Südwestfront").

  • M. Christian Ortner, der Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums, vor dem Auto, in dem der Thronfolger erschossen wurde. Franz Ferdinand war fast als Einziger immer gegen Krieg gewesen.
    foto: standard/corn

    M. Christian Ortner, der Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums, vor dem Auto, in dem der Thronfolger erschossen wurde. Franz Ferdinand war fast als Einziger immer gegen Krieg gewesen.

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