Erziehung jenseits von Mann und Frau: unmöglich?

Kolumne12. September 2013, 07:20
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Nils Pickert über den Willen, die eigenen Kinder ohne Geschlechterstereotype aufwachsen zu lassen, und das eigene Lebensmodell, das irgendwie traditionell ist

Dass man einen Traum hat, lässt sich heute öffentlich kaum formulieren, ohne den Eindruck zu vermitteln, man würde dem eigenen kleinen Anliegen mehr Wichtigkeit verleihen wollen. Daher sollte es eine Nummer kleiner gehen. Zum Beispiel mit: Ich habe mir fest vorgenommen. Ich habe mir also fest vorgenommen, meine beiden Kinder gleichberechtigt zu selbstbewussten, toleranten und friedlichen Menschen zu erziehen. Ich versuche sie nicht zu zwingen, stereotype Verhaltensweisen nur deshalb anzunehmen, um der Gesellschaft oder mir zu gefallen. Es mag daher eine schwere Aufgabe sein, die entsprechenden Klischees zu benennen und gegen die gesellschaftlichen Wiederstände aufzuzeigen, dass diese eben nicht "alternativlos" sind. 

Der eigene Lebensentwurf als Blaupause?

Eine viel schwierigere ist es allerdings, zumindest gelegentlich mal in den Fokus zu nehmen, dass man selbst mit stereotypen Verhaltensweisen behaftet ist, die man als solche nicht wahrnimmt und unkritisch vorlebt. Nehmen Sie mich zum Beispiel! Als weißer, heterosexueller Mann lebe ich in einer Langzeitbeziehung mit einer Frau und habe mit ihr zwei Kinder. Aus meiner Sicht sind das nicht gerade die geeignetsten Voraussetzungen, um meiner Tochter und meinem Sohn begreiflich zu machen, dass andere Lebensformen und Identitäten das gleiche Recht wie wir darauf haben, sich sicher, legitim und wertgeschätzt zu wissen. Ich bin in einer sehr heteronormativen Welt aufgewachsen, habe aber trotzdem den Anspruch, meinen Kindern eine andere Wirklichkeit zu vermitteln. Eine Wirklichkeit, in der mein Lebensmodell nur eines unter vielen ist und durch nichts legitimer als andere. Dafür ist in meinen Augen vieles notwendig und ich tue, was ich kann.

Ich kann zum Beispiel versuchen, die Bücher, die ich ihnen vorlese, spontan mit Bürgermeisterinnen, hilflosen Prinzen und homosexuellen Liebespaaren bevölkern, weil es diese Geschichten sind, die Kinder sozialisieren und andernfalls als lebensverlängernde Maßnahme für überkommene Rollenklischees fungieren. Irgendwann nach der x-ten ohnmächtigen, hilflosen, oder schmückenden Prinzessin verfestigt sich nämlich der Eindruck, dass Frauen nun mal so sind und Männer eben ganz anders. Denn auch wenn es anstrengend ist, sich zu merken, wo man überall auf die Schnelle Geschlechtsumwandlungen bei Leibwächtern, Hubschrauberpiloten und Königen vorgenommen hat, und es gerade hip ist, gegen gendergerechte Sprache in Kinderbüchern zu bashen, halte ich das für wichtig. Die Alternative wäre nämlich, einfach weiterzumachen wie bisher.

Ohne Medien geht auch nicht

Für mich ist das keine Option. Allen Vorwürfen der politischen Korrektheit und Überproblematisierung zum Trotz sehe ich nicht ein, den Preis für den medial verbreiteten stereotypen Unfug anderer Leute zu bezahlen. Ich habe nämlich auch schon versucht, im Umgang mit meinen Kindern einfach alles an Medien wegzulassen, was ich als rassistisch, sexistisch und menschenverachtend einstufe - da bleibt nicht viel übrig. Wenn man dann noch Wert auf eine gute Geschichte legt, also nicht auf eine beispielsweise antisexistische Darstellung als Selbstzweck, dann landet man eben doch wieder bei Kästner und Lindgren und ändert die Berufsbezeichnung von Pippi Langstrumpfs Vater.

Ich kann auch versuchen, die vorherrschenden Konzepte von Männlichkeit nicht zu heroisieren und die von Weiblichkeit nicht zu denunzieren. Deshalb habe ich versucht, als Mann einen Rock zu tragen, weil die Umwelt nicht verstehen kann, wie sich ein Junge mittels Kleidern und lackierter Fingernägel "ohne Not verweiblicht". Solange andere nicht darauf verzichten können, ein solches Verhalten als Abwertung der vorgeblich starken Jungenposition zu denken, sehe ich mich in der Pflicht, es aufzuwerten.

Die Sache mit "Storm"

Aber vielleicht genügt das nicht. Vielleicht müsste ich noch viel mehr riskieren, so wie das kanadischen Elternpaar Kathy Witterick und David Stocker, die 2011 mit ihrer Entscheidung, das Geschlecht ihres neugeborenen Kindes Storm außerhalb ihrer Kernfamilie nicht preiszugeben, ins Zentrum der medialen Aufmerksamkeit rückten.

Bei genauerer Betrachtung gefällt mir der Ansatz jedoch weniger. Jedoch nicht weil ich der Meinung bin, die Eltern würden hier ihr Kind als Versuchsobjekt missbrauchen. Erziehung bedeutet in jedem Fall, Kinder zum Versuchsobjekt der eigenen Wertvorstellung zu machen. Und Wertvorstellungen tendieren dazu, von ihren Trägerinnen und Trägern für universell erachtet zu werden. Ich verstehe einfach den Mehrwert dieser Aktion nicht, weil Storm trotzdem ständig geschlechtsspezifischer Wirkungsmacht ausgesetzt ist.

Das Umfeld lebt und verbreitet trotzdem seine Vorstellungen darüber, wie Jungen und Mädchen zu sein haben und wartet darauf, Storm einzuordnen. Die Klassifizierung wird nur verschoben. Und wer soll hier überhaupt erzogen werden: Storm oder die Gesellschaft? Beide vielleicht?

Ich jedenfalls kann mir kaum vorstellen, dass Storm in dem so geschaffenen Schutzraum Identität freier verwirklichen kann als die älteren Geschwister, deren biologisches Geschlecht nicht Privatsache war.

Ich kann einiges tun, aber es scheint nicht genug.

In die Lebenswelt meiner Kinder werden immer wieder Stereotype einbrechen, die sich durchsetzen und verfestigen werden. Sicher ist dafür die Gesellschaft mitverantwortlich. Aber es liegt eben nicht zuletzt auch an mir. An der Kluft zwischen meinem Gleichberechtigungsanspruch und meiner heteronormativen Wirklichkeit. Daran, dass ich Dinge übersehe, die jemand mit anderer Sozialisation sofort erkennen würde.

Wie sehen Sie das? (Nils Pickert, dieStandard.at, 11.9.2013)

  • Das Bild mit dem Titel "Girl - Boy" stammt von der thailändischen Schülerin Chantrthip Sansouk und wurde 2011 im Rahmen der thailändischen Kampagne "Because I am a girl" präsentiert.
    foto: apa/epa/barbara walton

    Das Bild mit dem Titel "Girl - Boy" stammt von der thailändischen Schülerin Chantrthip Sansouk und wurde 2011 im Rahmen der thailändischen Kampagne "Because I am a girl" präsentiert.

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