Keine Angst vor der Großstadt

Paris, Hamburg oder London: Kinderliebe-Nischen verwandeln stressige Metropolen in herrliche Oasen für urbane Familienreisen

Den Stadtrand von Paris kann man in beide Richtungen überqueren. Notfalls auch hinaus in die Pampa von Marne la Vallée-Chessy, der Endstation der RER-Vorortelinie A, wo ziemlich beste Plastikfreunde auf einen warten.

Genau: die Mickey-Gang. Goofy und Cinderella sowieso. Eine Stunde dauert die Fahrt, und wer im Disneyland sein familiäres Reiseglück gefunden hat, der kann ja gleich noch einen Comics-Zoo einplanen, kann die paar Meter über den Nordrand der Stadt hinausschauen, nach Plailly, das heute den selberklärenden Parc Astérix beherbergt. Gérard Depardieux trifft man hier eher nicht. Dafür eine Hochschaubahn zwischen Hinkelsteinen und gallischen Knollennasen.

Aber ehrlich: Paris kann auch ein wenig die Stadt der Kinderliebe sein, und tatsächlich haben die Kleinen ja Besseres verdient. Also nehmen wir die RER lieber in der Gegenrichtung, etwa ins Flohmarktviertel Paris-Saint-Ouen, und checken wir dort im Apartmenthotel Loft ein, das früher mal ein Kamin­geschäft war, aber das jetzt das heißeste Kinderschlafmöbel der Stadt beherbergt. Es ist eine knallrot lackierte, zum Kuschelbett umgebaute Ente der Marke ­Citroën 2CV.

Stadt der Liebe

Die liebe Schlafente ist erst der Beginn. Die Sarkophage und Pharaonen des ­Louvre, eine Bootsfahrt auf der Seine oder durch die spannenden Schleusen des ­Canale Saint-Martin, der begehbare, überdimensionierte Ameisenhaufen und der Flugsimulator der spielerisch gestalteten Cité des sciences et de l'industrie im Parc de la Villette (Tipp: Cité des enfants) oder die Urvölkermenagerie des besten ethnografischen Museums der Welt, des Musée du quai Branly regt die Fantasie der Kinder an vielen Nerven­enden an - mitunter so sehr, dass einem der erholsame Jardin d'acclimatation im Bois de Boulogne gerade recht kommt. Einen kleinen Bauernhof mit Kuh und Esel gibt es hier, ferner ein Bärengehege, ein Spiegelkabinett, einen großen Wasserspielplatz und einen Irrgarten - unter anderem.

Paris ist überall. Oder anders gesagt: Kinderliebe-Nischen und auf die Be­dürfnisse ganz junger Citytripper zugeschnittene Angebote mit touristischem Bezug, die stressige Großstädte wider Erwarten in herrliche Oasen für urbane Familienreisen verwandeln, finden sich in so gut wie allen Metropolen. Besondere Themenzugänge sowieso.

Was ist Vorlage, was Original? Diese Frage stellt sich da schon eher. Stockholms Skansen, das älteste Freilichtmuseum der Welt - plötzlich verwandelt es sich in einen Besuch bei Michel von Lönneberga. Das gleich bei der Jungfernfahrt abgesoffene Kriegsschiff Vasa liegt bloß einige Fährminuten von den rostroten Bauernkaten entfernt. In Hamburgs Speicherstadt dürfen Kinder in der größten Modelleisenbahnanlage der Welt selbst Schranken und Züge bewegen.

Vor allem aber hat sich Ali Mitgutschs wunderbares Wimmelbuch Komm mit ans Wasser, das mit den vielen Dingen auf großen Seiten, im Rahmen des unkomplizierten Hamburg-Besuchs plötzlich in eine echte Stadt verwandelt, mit Möwen und Männern in gelben Gummistiefeln und mit Schleppern und Frachtcontainern sowieso. Alles was kind dann tun muss, ist: die Augen zu öffnen, etwa an den Landungsbrücken.

Vorbei am Fischmarkt

Der Stückgutfrachter Cap San Diego und der alte Windjammer Rickmer Rickmers sind dort zu besichtigen. Später führt die Elbfähre Nummer 62 am Fischmarkt vorbei und bis zum Museumshafen Oevelgönne: Noch mehr Wimmelbilder ergeben sich da von selbst, und vorausblickende Eltern haben das passende Buch sicherheitshalber im Handgepäck. Aufschlagen können sie es in der "Strandperle", einer Kioskbar mit großer Holzterrasse. Dicke Pötte ziehen hier vorm Caffè Latte elbabwärts vorbei, die Kinder buddeln ein wenig im Sand. Die Strandperle hat sogar Eimer und Schaufel im Gratismenü. Nur von Stress keine Spur.

London, die Welthauptstadt der gehetzten Banker, hält da locker mit. Die Panoramarundreise im London Eye und die wachsgelben Originale der Madame Tussaud braucht es dazu noch nicht mal. Denn die Briten haben ja auch ein besonderes Gespür, Geschichte lebendig werden zu lassen. Um das zu erfahren, reicht es bereits in der 500 Jahre alten Schlossküche des Hampton Court Palace vorbeizuschauen, wo Speisearchäologen Roastbeef am Grill drehen oder sich mit bauchigen Bierkrügen über grobe Holz­tische hinweg zuprosten.

Noch mehr Wimmelbilder

Um ein beliebiges Kostümspektakel handelt es sich aber nicht, sondern um ein wissenschaftliches Forschungsprojekt, bei dem jedes verwendete Gewürz, jeder Holzlöffel die Realität der Zeit von Henry VIII nachstellt. Kinder erleben hier aber noch mehr. Sie dürfen der zukünftigen Königin - hier ein kostümiertes Mädchen aus dem gehobenen Prekariat - bei der Wahl des Hochzeitsoutfits helfen und wissen hinterher alles über Hauben, Krägen und den Lagenlook der Tudors. Ein London-Wochenende auf den Spuren der Royals ist heute - Stichwort Kates Baby - freilich mehrere Stationen wert.

Hampton Courts' barockes Eibenheckenlabyrinth - Vorbild zahlloser Irr­gärten - ist ganz nah. Zurück in der City, steht um 11.30 Uhr ein weiteres Highlight für Kinder auf dem Programm: der Wachwechsel der Königlichen Garde. Am düsteren London-Tower - der Weg dorthin führt im Idealfall themseabwärts übers Wasser, per Boot von Westminster Pier an stillgelegten Schlachtkreuzern der Royal Navy vorbei - begegnet uns Heinrich VIII. schon wieder, das heißt seine zerlumpten Gefangenen, die an Wochenenden in historischen Kostümen vom elenden Leben im Kerker erzählen.

Sogar Gespenster gehen um. Ein absoluter Horror! Aber nicht für Eltern, die jetzt mal durchschnaufen dürfen. Allerdings nur kurz. Denn nach all den Rittern und Schwertern steht ja auch noch ein Wallfahrtsort für die eigene Prinzessin auf dem Programm.

Kensington Palace, letzte Residenz von Princess Diana, hat Modeweltinstallationen, unter anderem von Vivienne Westwood, auf Lager, aber auch eine fantasievoll gestaltete Schnitzeljagd auf der Spur der ehemaligen Bewohnerinnen. Wer es schafft, die versteckten Hinweise in den Prachtgemächern und auf der "Zauberkarte" richtig zu lesen, darf sich dann wie in einer Märchenwelt fühlen. Blitz! Glänz! Protz! Alle sieben Kensington Palace-Prinzessinnen stehen dir plötzlich gegenüber! Eltern dürfen hingegen den besten aller Lakaienplätze beziehen: nämlich jenen in der zweiten Reihe! (Robert Haidinger, Family, DER STANDARD, 10.9.2013)

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