Buckelwale, wo eigentlich keine sein sollten

14. September 2013, 17:59
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Anhand von aufgezeichneten Walgesängen fanden Forscher heraus, dass einige der Meeressäuger auch den Winter in der Antarktis verbringen

Bisher ging die Forschung davon aus, dass alle auf der südlichen Halbkugel beheimateten Buckelwale (Megaptera novaeangliae) zum Ende des antarktischen Sommers Richtung Äquator wandern. Auf überraschenden Unterwasser-Aufnahmen des Antarktis-Observatoriums PALAOA verriet aber eine kleine Wal-Population ihre Anwesenheit im April. Weitere Untersuchungen zeigten, dass die Tiere offenbar den ganzen Winter über in antarktischen Gewässern bleiben. Biologen und Physiker des Alfred-Wegener-Institutes berichten nun im Fachmagazin "PLOS ONE" über ihre ungewöhnliche Entdeckung.

Rufe, wo zu dieser Zeit eigentlich keine sein sollten, haben Ilse Van Opzeeland, Meeresbiologin und Expertin für Großwale am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) auf die Spur der Buckelwale gebracht. Im April, als die Walgesänge (ein Soundbeispiel gibt es hier) aufgezeichnet wurden, sollten Buckelwale längst 7.000 Kilometer entfernt in den warmen Gewässern Afrikas schwimmen. Bisher galt als Lehrbuchmeinung, dass die Meeressäuger nur in den Sommermonaten in die Antarktis kommen. Und selbst dann würden sie auf der Suche nach Krill nur bestimmte eisfreie Regionen auf Höhe des 60. südlichen Breitengrades ansteuern. Die verräterischen Töne wurden jedoch beim Antarktis-Unterwasserobservatoriums PALAOA auf 70 Grad Süd eingefangen – also viel weiter südlich als die bekannten Futtergründe.

Durchgängiger Winteraufenthalt

Angetrieben von der Frage, ob der Winter-Abstecher der Buckelwale in das östliche Weddellmeer ein einmaliges Ereignis war, entwickelten die Forscher ein Verfahren zur automatischen Buckelwal-Lauterkennung und überprüfte alle PALAOA-Aufnahmen der Jahre 2008 und 2009 auf akustische Lebenszeichen der Tiere. Die Analyse ergab Überraschendes: Im Jahr 2008 hielten sich Buckelwale mit Ausnahme der Monate Mai, September und Oktober durchgängig in der Nähe des Observatoriums auf. Im Folgejahr fehlten sie lediglich im September. "Demzufolge ist es sehr wahrscheinlich, dass in beiden Jahren Buckelwale im östlichen Weddellmeer überwintert haben", sagt Van Opzeeland.

Eine mögliche Erklärung für die Monate ohne Buckelwalrufe könnte das antarktische Meereis liefern. In der Nähe des Observatoriums entsteht im Winter regelmäßig ein eisfreies Gebiet, auch Polynia genannt. Es wird durch Winde hervorgerufen, die die Eisschollen auf das Meer hinausdrücken. Die Forscher glauben, dass die Buckelwale in dieses eisfreie Gebiet schwimmen. Schließt sich die Polynia dann wieder, ziehen auch die Wale weiter und verlassen jenen Radius von 100 Kilometern, den die Unterwassermikrofone überwachen. "Beweise für dieses Verhalten haben wir allerdings noch nicht", erklärt die Wissenschafterin.

Kräftezehrende Reise in den Norden

Auch über das "Warum" haben die Biologen eine Theorie: "Wahrscheinlich stammen die Laute von jungen Walkühen, die noch nicht trächtig sind und sich deshalb die mehr als 7.000 Kilometer lange, sehr kräftezehrende Wanderung in die Küstengewässer Afrikas sparen." Ein Buckelwal-Weibchen kann bis zu 65 Prozent seiner Körpermasse einbüßen, wenn es ein Kalb austrägt und säugt. "Vor diesem Hintergrund erscheint es aus Sicht der jungen Walkühe durchaus sinnvoll, den Winter über in der Antarktis zu bleiben. Außerdem bietet das Küstengebiet des östlichen Weddellmeeres den Tieren sehr wahrscheinlich auch in der kalten Jahreszeit so reichhaltige Krillvorkommen," meint Van Opzeeland.

Die Forscherin und ihr Team aus der AWI-Arbeitsgruppe "Ozeanische Akustik" wollen jetzt herausfinden, zu welcher Population die Buckelwale aus dem östlichen Weddellmeer gehören. Dazu vergleichen die Wissenschafter die markante Rufe und Laute aus den PALAOA-Aufnahmen zum Beispiel mit Buckelwal-Gesängen aus den Küstengewässern Gabuns und Mosambiks. (red, derStandard.at, 14.09.2013)

  • Das Foto - es entstand im Jänner 2013 - zeigt einen Buckelwal nahe der antarktischen Packeisgrenze. Bisher glaubte man, alle Buckelwale würden im Frühjahr aus den Tropen und Subtropen in das nördliche Südpolarmeer wandern, sich dort Fettreserven anfressen und im Herbst wieder in die warmen Gewässer zurückkehren.
    foto: itaw/carsten rocholl

    Das Foto - es entstand im Jänner 2013 - zeigt einen Buckelwal nahe der antarktischen Packeisgrenze. Bisher glaubte man, alle Buckelwale würden im Frühjahr aus den Tropen und Subtropen in das nördliche Südpolarmeer wandern, sich dort Fettreserven anfressen und im Herbst wieder in die warmen Gewässer zurückkehren.

  • Das Perennial Acoustic Observatory in the Antarctic Ocean (PALAOA) zeichnete kontinuierlich die Unterwassergeräuschkulisse nahe der Schelfeiskante auf. Die Daten werden über einen WLAN-Link zur 13 Kilometer entfernten Neumayer Station III übertragen, dort zwischengespeichert und als hoch komprimierter Livestream via Satellit an das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven übertragen.
    foto: thomas steuer, alfred-wegener-institut

    Das Perennial Acoustic Observatory in the Antarctic Ocean (PALAOA) zeichnete kontinuierlich die Unterwassergeräuschkulisse nahe der Schelfeiskante auf. Die Daten werden über einen WLAN-Link zur 13 Kilometer entfernten Neumayer Station III übertragen, dort zwischengespeichert und als hoch komprimierter Livestream via Satellit an das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven übertragen.

  • Bei 60 Grad Süd ist für Buckelwale offenbar noch nicht Schluss. Die Karte zeigt die nördlichen Winterquartiere an den Küsten des südlichen Afrika.
    grafik: ilse van opzeeland, alfred-wegener-institut

    Bei 60 Grad Süd ist für Buckelwale offenbar noch nicht Schluss. Die Karte zeigt die nördlichen Winterquartiere an den Küsten des südlichen Afrika.

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