Kührer-Prozess: Der tote Frauentyp im Erdkeller

10. September 2013, 13:02
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Während der Staatsanwalt überzeugt ist, dass seine Indizienkette hält, zweifeln Verteidiger und Angeklagter ebendiese Indizien an - und haben dabei durchaus auch interessante Punkte

Wien - "Das Problem ist, dass der Frauentyp, für den Sie eine Vorliebe haben, tot in ihrem Erdkeller gelegen ist", merkt Helmut Neumar, Vorsitzender des Geschworenengerichtes, trocken an, als Michael K. ihn fragt: "Welcher Mann hat keine junge Freundin?" Der Grund des Dialogs über männliches Paarungsverhalten: K. soll am 27. Juni 2006 in seiner Videothek in Pulkau (Bez. Hollabrunn) die damals 16-jährige Julia Kührer ermordet haben. Weil er sexuelles Interesse an ihr hatte, wie Staatsanwalt Christian Pawle in seinem Eröffnungsplädoyer mutmaßt.

Das ist der entscheidende Punkt dieses Mordprozesses: Der Ankläger muss mutmaßen, was geschehen ist, da der 51-jährige Angeklagte alles leugnet. Pawle müht sich also, den Laienrichtern eine glaubwürdige Geschichte zu liefern, die zu den vorhandenen Indizien passt.

"Julia Kührer ist um 13.30 Uhr am Hauptplatz aus dem Bus gestiegen. Das Handy des Angeklagten war dort um 13.14 Uhr eingeloggt." Auf dem kurzen Heimweg soll sie in seine Videothek gegangen sein. Um dort Drogen zu kaufen, schließlich hatte sie sich nicht nur kurz davor von ihrem Freund getrennt, sondern am Tattag auch heftigen Streit mit der Mutter - und laut einer Zeugin schon zweimal Crystal Meth bei K. erworben.

Keine Todesursache feststellbar

"Dort wollte der Angeklagte dann sein sexuelles Interesse an ihr stillen, hat ihr einen Faustschlag versetzt, bei dem ihr im linken Unterkiefer ein Zahn ausgebrochen ist." Nun fehlt allerdings Entscheidendes. Denn wie K. den Teenager ermordet haben soll, kann der Staatsanwalt nicht sagen, da Gerichtsmediziner Wolfgang Denk keine Todesursache an der im Juli 2011 auf dem Grundstück des Angeklagten gefundenen skelettierten Leiche mehr feststellen konnte. Dass nur K. die Tote dorthin bringen, sie verbrennen und verscharren konnte, steht für Pawle wieder fest. Schließlich wurden auf der Decke, in die die Leiche gewickelt wurde, minimale DNA-Spuren des Angeklagten gefunden.

Verteidiger Farit Rifaad kontert mit einem besonnenen, wohldurchdachten Plädoyer. Die Hauptpunkte: Auf der blauen Decke sei auch die DNA-Spur eines Unbekannten gefunden worden, fremde Gene gab es auch auf zwei Zigarettenstummeln in dem Erdkeller. Und: "Im Frühjahr 2010 haben Polizisten angerufen, ob sie sich am nächsten Tag die Wohnung und das Grundstück ansehen dürfen. Wenn ich jetzt weiß, dass ich im Keller eine Leiche liegen habe, bringe ich sie dann woanders hin."

Angeklagter sieht Hetzkampagne

Vorsitzender Neumar will wissen, warum K. eine Videothek in Pulkau eröffnet hat. "Am Land ging das Geschäft besser." "Jetzt schaut es im Akt aber so aus, als ob Sie am Land Suchtgift weitergeben wollten?" "Ich habe mit Suchtgift noch nie etwas zu tun gehabt," sagt der Angeklagte, wohl wissend, wie viele Belastungszeugen es dafür gibt. Wäre er Dealer, hätte er kaum 300.000 Euro Schulden angehäuft, argumentiert er.

Überhaupt seien alle Zeugen Teil einer Hetzkampagne gegen ihn - auch Bekannte und Expartnerinnen, die ihn als aggressiv und sexualisiert beschreiben. Er hat aber ein durchaus gutes Argument. Zeugenaussagen, er habe in seinem Geschäft einmal coram publico sein Geschlechtsteil auf das Pult gelegt, junge Frauen sexuell belästigt und den Ort mit Drogen versorgt, kamen alle erst nach seiner Verhaftung.

Suchanfragen auf PC

"Bis 2011 hat angeblich keiner was gewusst und plötzlich weiß jeder was" , wundert er sich, dass in den fünf Jahren nach dem Verschwinden Kührers niemand in dem 1500-Einwohner-Ort der Polizei etwas über sein angeblich extrem auffälliges und ex post verdächtiges Verhalten gesagt hat.

Als ihm Pawle vorhält, auf seinem Computer seien Suchanfragen nach "Geile Teenmösen", "Sex mit toten Frauen" oder "K.-o.-Tropfen Vergewaltigung" gefunden worden, wird er allerdings ein wenig ausweichend. Am Mittwoch wird fortgesetzt. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 11.9.2013)

 

  • Eine Hetzkampagne gegen sich ortet der 51-jährige Michael K., wenn Zeugen sagen, er habe Pulkaus Jugend mit Drogen versorgt und sei aggressiv und sexuell aufdringlich gewesen.
    foto: apa/fohringer

    Eine Hetzkampagne gegen sich ortet der 51-jährige Michael K., wenn Zeugen sagen, er habe Pulkaus Jugend mit Drogen versorgt und sei aggressiv und sexuell aufdringlich gewesen.

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