Gene eines einzigartigen Rehs sequenziert

10. September 2013, 10:02
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Nach den Erbanlagen war das Tier weiblich, trug aber ein Geweih und hatte einen Penis - Schuld ist ein dreifaches SOX9-Gen

Vor zwei Jahren hat ein Wissenschafter in einem Wald bei Schmallenberg im deutschen Sauerland ein Reh entdeckt, das sich durch ungewöhnliche Eigenschaften auszeichnete: Das Tier war nach seinen äußeren Geschlechtsmerkmalen weder eindeutig als männlich, noch als weiblich einzuordnen. Der Humangenetiker Jörg T. Epplen von der Ruhr-Universität Bochum hat das Erbgut des seltsamen Rehs entschlüsselt, um den Ursachen des Phänomens auf die Schliche zu kommen. Die Ergebnisse wurden nun im Fachjournal "PLoS ONE" vorgestellt.

Individuen mit sowohl männlichen als auch weiblichen Merkmalen treten nur selten in freier Wildbahn auf. Beobachtet wurde Vergleichbares aber bereits bei verschiedenen Säugetierarten. Bei Rehen hat man das Intersex-Phänomen allerdings weder im Gehege noch in der Natur festgestellt. Das fragliche Reh der Art Capreolus capreolus trug ein Geweih auf dem Kopf, was normalerweise nur Männchen vorbehalten bleibt. Am Hinterteil trug es dagegen eine Schürze – ein typisch weibliches Haarbüschel, in dem sich ein verkürzter Penis verbarg. Im Bauchbereich fanden die Forscher Hoden.

Die Genanalyse durch Epplens Team gemeinsam mit Kollegen der Universität Köln und der University of Melbourne ergab zum einen, dass entgegen der äußeren Geschlechtsmerkmale das Tier auf der Chromosomenebene einen weiblichen Status zu haben schien. Zum anderen fanden die Forscher, dass das Reh ein dreifaches SOX9-Gen besaß. SOX9 unterdrückt die Ausbildung der Eierstöcke. Wissenschafter sprechen in diesem Fall von "Geschlechterumkehr" (sex reversal). Bei dem Reh handelt es sich also nicht um einen Zwitter, denn diese haben sowohl männliche als auch weibliche Keimdrüsen.

Geschlechtsbestimmenden Gene normal - mit einer Ausnahme

Um die Besonderheiten im Erbgut des Tieres zu bestimmen, sequenzierte das Team zunächst das Genom eines normal entwickelten Rehbocks aus Rheinhessen. Dann verglichen die Forscher Gene des Intersex-Tieres mit solchen dieses Kontrolltieres. Dabei schauten sie vor allem auf all jene Gene, die das Geschlecht bestimmen. In den Zellen des Intersex-Rehs fanden die Forscher einen weiblichen Chromosomensatz (XX, nicht XY). Bis auf eine Ausnahme waren alle geschlechtsbestimmenden Gene in der normalen Menge vorhanden.

Nur das SOX9-Gen kam dreimal statt – wie üblich – zweimal vor. "Technisch war es außerordentlich anspruchsvoll und langwierig, die dreifache Dosis des SOX9-Gens zweifelsfrei für das ganze Gen zu belegen", sagt Epplen. In der Vergangenheit haben Forscher "sex reversal" bei Säugetieren und bei Menschen mit verschiedenen Genen in Zusammenhang gebracht, unter anderem dem SRY-Gen, das an dem gleichen Signalweg beteiligt ist wie SOX9. (red, derStandard.at, 10.09.2013)

  • Das ungewöhnliche Intersex-Reh trug einerseits das männliche Geweih, am anderen Ende dagegen eine typisch weibliche Schürze – ein helles Haarbüschel.
    foto: elisabeth petrasch-parwez

    Das ungewöhnliche Intersex-Reh trug einerseits das männliche Geweih, am anderen Ende dagegen eine typisch weibliche Schürze – ein helles Haarbüschel.

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