"Ich bin viel mehr ein Roter als ein Schwarzer"

10. September 2013, 05:30
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Karamba Diaby aus dem Senegal könnte als erster Politiker mit afrikanischen Wurzeln in den deutschen Bundestag einziehen

Es dauert ein bisschen, bis alle Senioren im Bürgerladen ihren Platz gefunden haben. Stühle werden gerückt, Geh-Hilfen neben Kaffeetischen geparkt, doch dann blicken alle gespannt auf die Besucher. Die Direktkandidaten des Wahlkreises 72 (Halle/Sachsen-Anhalt) sind gekommen, um bei Zwetschkenkuchen und Kaffee für sich Werbung zu machen.

"Mein Name ist Karamba Diaby. Ich komme aus dem Senegal und lebe seit 27 Jahren hier", stellt sich der SPD-Kandidat vor und fügt hinzu: "Selbstverständlich bin ich deutscher Staatsbürger." Alle lachen, und es klingt ein bisschen erleichtert. "Ich sag das immer gleich dazu, weil mich hinterher sowieso ganz viele fragen, ob ich überhaupt gewählt werden darf", erklärt Diaby wenig später im Gespräch mit dem STANDARD. Vor allem ältere Menschen fragen auch ganz offen, ob er überhaupt ordentlich Deutsch könne.

Die Unsicherheit, die er oft im Gespräch mit Wählerinnen und Wählern spürt, stört ihn nicht. Er ist ja auch tatsächlich etwas Besonderes. Wenn die SPD bei der Bundestagswahl am 22. September nicht schlechter abschneidet als 2009, dann wird Diaby in den Bundestag einziehen. Der 52-Jährige kandidiert direkt im Wahlkreis und auf Platz drei der Landesliste Sachsen-Anhalt.

Bisher gibt es noch keinen Abgeordneten mit afrikanischen Wurzeln im deutschen Parlament. Diaby selbst findet das gar nicht so spannend und sagt in Anspielung auf seine sozialdemokratische Überzeugung "Ich bin ja viel mehr ein Roter als ein Schwarzer."

Aber er weiß natürlich, dass er eine Besonderheit ist. Die "New York Times" hat schon über ihn geschrieben, der britische "Independent", auch "The African Courier". Für einen weißen Direktkandidaten der SPD im ostdeutschen Halle würden sie sich wohl nicht interessieren. Und all die Beiträge zeigt Diaby dann doch stolz auf seiner Homepage.

Aufgewachsen ist er als Waise im Senegal, vor 27 Jahren kam er dank eines Stipendiums in die damalige DDR, nach Halle. Kein Wort Deutsch spricht er, aber er weiß: Das ist eine Riesenchance. Diaby tigert sich nicht nur ins Chemiestudium, er wird auch gleich Seminargruppensprecher.

Seine Doktorarbeit bringt ihn einer urdeutschen Institution näher. Er schreibt über den Schadstoff- und Nährstoffgehalt von Schrebergärten in Halle, baut dort auch selbst Gemüse an. Die ostdeutsche Stadt mit 230.000 Einwohnern, aus der auch der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher stammt, bezeichnet Diaby längst als seine Heimat, wenngleich er die Erdnussbuttersoße aus dem Senegal sehr vermisst. Er ist mit einer Deutschen verheiratet, hat Sohn und Tochter.

Protest gegen CDU-Politik

Nur mit der deutschen Staatsbürgerschaft dauert es ein wenig. Diaby will sie zuerst nicht haben, beantragt sie dann aber doch aus Protest gegen den Anti-Ausländer-Wahlkampf, den der spätere hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) 1999 führt.

2001 bekommt er sie, jetzt im Wahlkampf kämpft er mit der SPD für die Doppelstaatsbürgerschaft. Denn als er sich damals für den deutschen Pass entscheidet und den senegalesischen zurückgibt, sei das zwar "nicht schwierig, aber ein bisschen komisch" gewesen.

Das Thema Integration beschäftigt ihn längst hauptberuflich. Er ist Referent im Ministerium für Arbeit und Soziales des Landes Sachsen-Anhalt. In den Gemeinderat von Halle wurde er auch gewählt, dort aber ist er im Umweltausschuss vertreten. Denn Diaby will sich nicht in die "Ausländerschublade" stecken lassen. "Inte­gration ist ein Querschnittsthema", sagt er, "und der Schlüssel zu guter Integration sind Arbeit und Bildung." Er selbst ist ja ein Musterbeispiel dafür.

Kann ich von meinem Job leben? Bekommen meine Kinder einen Ausbildungsplatz? Das seien auch die Themen, die die Menschen - egal ob Deutsche oder Ausländer - am meisten bewegen, hat Diaby im Wahlkampf bemerkt. Unermüdlich weist er drauf hin, dass die SPD für einen Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde eintrete und die Bedingungen von Leiharbeitern verbessern wolle.

Mittlerweile steht Diaby vor einem Einkaufszentrum an einer Ausfallstraße in Halle und verteilt seine Wahlkampf-Flyer. Vorn ist er drauf, hinten SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. "Nicht so viel Steinbrück bitte", sagt er zu seinen Mitarbeitern und dreht einige Prospekte auf dem Tisch um, sodass sein Konterfei zu sehen ist.

Eine Frau mit voller Einkaufs­tasche will das Heftchen dennoch nicht. "Geh doch nach Afrika, und lass dich dort wählen", sagt sie und geht weiter. Diaby lässt sich nicht aus der Ruhe bringen: "So etwas kommt schon auch einmal vor, aber Gott sei Dank nur in einem von hundert Fällen."

Prügel und Morddrohungen

In den 1990ern wurde er von Rechtsextremen einmal verprügelt. Und 2011, als der frühere Berliner SPD-Finanzsenator Thilo Sarrazin sein umstrittenes Buch über mangelnde Integrationsbereitschaft von Migranten herausbringt, tritt Diaby als Bundeschef des Integrationsrates dafür ein, die Sarrazin-Thesen als volksverhetzend einzustufen. Wüste Beschimpfungen per Mail inklusive Morddrohungen sind die Folge.

Meistens aber hat er seine Ruhe, beteuert er und erzählt dann noch lächelnd von einem Genossen, der nach der Nominierung Diabys gefragt worden sei: "Warum lasst ihr denn diesen Neger bei euch in der SPD kandidieren? Habt ihr keinen besseren Deutschen ge­funden?" Der Genosse erwiderte dar­auf ganz erstaunt: "Aber Karamba ist doch unser bester Deutscher." (Birgit Baumann aus Halle, DER STANDARD, 10.9.2013)

  • Karamba Diaby
    foto: ap/jens meyer

    Karamba Diaby

  • Der SPD-Kandidat nimmt sich in seinem ersten Bundestagswahlkampf viel Zeit für Kontakt mit den Wählern in Halle.
    foto: ap / jens meyer

    Der SPD-Kandidat nimmt sich in seinem ersten Bundestagswahlkampf viel Zeit für Kontakt mit den Wählern in Halle.

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