Wie bitte? Bildung braucht Sprache

Kommentar der anderen9. September 2013, 19:36
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Aus dem gängigen Missbrauch der Sprache als Ausschließungswerkzeug für breite Teile der Bevölkerung ergeben sich die vier Todsünden der hiesigen Bildungspolitik: Vererbung, Vergeudung, Bildungsklassenkampf und mangelnde Begeisterung

Innovation macht aus Ideen Produkte." Jeff Hoffman, ein Eröffnungsredner der diesjährigen Technologiegespräche in Alpbach, mag es kurz und klar. Ein typischer US-Amerikaner. Deutsche ticken anders: "Innovation stellt eine Verwirklichung neuer Produkte sowie neuer Verfahren dar. Die Neuheit kann zweifach beschrieben werden: erstens nach dem Ausmaß des perzipierten Neuheitsgehalts eines Produktes durch die Konsumenten und zweitens nach dem subjektiv empfundenen Intensitätsgrad von management- und produktionstechnischen Änderungen für das initiierende Willenszentrum." (Wirtschaftslexikon24.com)

Hoffman weckt Verständnis für Innovation und erzeugt Begeisterung. Bei der Lektüre deutscher Innovationsexperten dagegen fällt mir Daniel Kehlmann ein. "Deutsch sein", befand der Autor kürzlich bei einem Vortrag, "heißt eben heute noch bis hinein in die Körperhaltung nicht spontan sein. Es heißt, sich der Welt unter dem Schutz von Regeln zu nähern, es heißt auch, sein Handeln nicht intuitiv der Situation anzupassen, sondern es aus vorgeprägten Bestimmungen abzuleiten."

Das alles spürt man, wenn Deutsche reden. Oder Österreicher. Da wird es meist staubtrocken und humorlos. Die Aufmerksamkeit bröckelt, die Leute hören nicht mehr zu. Dasselbe gilt auch für das Geschriebene und das Gebloggte.

Warum ist das so? Warum sind wir so viel fader und unverständlicher? Da ist zunächst unsere lange, hermetische Tradition: Wissenschaft ist nur für die Eingeweihten. Zur Abgrenzung gibt es Sprache, und die soll nur für die wenigen Richtigen verständlich sein. Das ist der entscheidende Unterschied zur angloamerikanischen Sicht. Die einflussreiche "Royal Society" verlangte von ihren Mitgliedern schon im Jahr ihrer Gründung 1660, "eine Art zu sprechen, die deutlich, nackt, natürlich und von wissenschaftlicher Klarheit ist, wobei die Sprache der Handwerker und der Händler der der Philosophen vorzuziehen ist".

Bei uns gilt das Gegenteil. Weil Handwerker für die "alten" Griechen eine Art Sklaven waren, die ihr Brot wie diese durch Handarbeit verdienten, und weil von den Deutschen noch vor 150 Jahren alles Griechische übernommen wurde, hatten auch wir nichts für Handwerker übrig. Vor allem die Bildungsbürger grenzten sich scharf von allen Handarbeitern ab - nicht zuletzt, weil sie ständig Angst hatten, auf deren Stand abzusinken. Das wirksamste Mittel dagegen waren Sprachen, die nur wenige beherrschten: Griechisch und Latein.

Als Wilhelm von Humboldt preußischer Unterrichtsminister wurde, verriet man dem König, dass der Gelehrte in seinen Schriften eine "Bildung für alle Stände" propagierte. Daraufhin lud Friedrich Wilhelm III. den Verdutzten vor und verbot ihm jede "Vermischung der Stände". Humboldt musste geloben, dass er die Söhne der Handwerker und Kaufleute mit Prüfungen in Griechisch und Latein aus den Gymnasien "aussieben" lassen werde. Humboldt bedauerte dieses Zugeständnis nachträglich so sehr, dass er kurz darauf als Minister zurücktrat.

Latein, dann Fachchinesisch

Später übernahm das "Fachchinesisch" die Funktion des Lateins als Abgrenzungs-Tool: gleichfalls hochgestochen und unverständlich. Damit wurde erneut ein Großteil der Bevölkerung von der Wissenschaft abgeschottet. Das war der Beginn der bildungspolitischen Todsünden in Österreich. Wer, wie vor allem die Gymnasien mithilfe der ÖVP, zwischen Handwerk und geistiger Arbeit messerscharfe Grenzen zieht, die er auch noch "ständisch" ideologisiert - hier die Gymnasien für die "besseren Leut'", dort die Hauptschulen für den Rest -, der verantwortet zunächst einmal eine, wie uns die OECD vorwirft, elitäre Konzentration von höherer Bildung auf eine kleine Schicht.

Bildung wird "vererbt": Kinder von Akademikern haben hierzulande eine 16-mal so große Chance auf tertiäre Bildung wie Kinder eines Vaters mit Pflichtschulabschluss. Das ist ein Blattschuss für die Bildungsgerechtigkeit.

Kein Wunder, dass unser Land mit 19 Prozent Akademikern im untersten Drittel der OECD-Länder grundelt. Und das ist noch nicht einmal das Schlimmste. Viel ärger ist, dass die meisten anderen OECD-Länder weitaus mehr junge Leute mit höherer Bildung aus den Unterschichten rekrutieren als wir. So erreichen in Schanghai und Finnland genau doppelt so viele Kinder des letzten Quartils einen tertiären Abschluss wie bei uns. Das ist schon die zweite Todsünde: Wir vergeuden Jahr für Jahr Tausende von Talenten bei "Bildungsfernen" - und haben dadurch immer weniger qualifizierten Nachwuchs.

Die dritte Todsünde ist eng damit verwandt. Wir steuern nämlich auf einen Klassenkampf zu zwischen den hochqualifizierten, international ausgebildeten 20 Prozent der Bevölkerung einerseits und jenen 80 Prozent der in vieler Hinsicht "Zurückgebliebenen". Die sind nicht polyglott, wenig sprachengewandt, arbeiten "nur" mit der Hand und besitzen viel zu oft einen miserablen oder gar keinen Pflichtschulabschluss. Da bei ihnen, vor allem bei Migranten, das Schulsystem besonders schwächelt, müssen sündteure Nach- und Umschulungen eingreifen, die wir uns schon bald nicht leisten können.

Schließlich fehlt uns die Begeisterung für Bildung. Es gibt nicht viele Lehrerinnen, die in unserem hirnlastigen System Kinder und Jugendliche mitreißen. Vielmehr zeigen Untersuchungen, dass Kinder am Anfang mit großem Eifer in die Schule gehen, dann aber nach wenigen Jahren resignieren. Das ist die vierte Todsünde.

Uns sind angloamerikanische, aber auch nordische und asiatische Lehrer und Wissenschafter in puncto klarer Sprache und emotionale Bildungs- und Forschungsmotivation überlegen. Das "Yes, we can!" ist nicht unsere Sache, ebenso wenig wie die Freude am selbstständigen, kreativen Lernen und freien Forschen in internationalen Labors.

Hier ist zweifellos eine radikale Umkehr nötig. Es ist nicht einzusehen, dass immer nur eine kleine Minderheit der Jugend eine tolle, globale Ausbildung erhält, während sie für 80 Prozent des Nachwuchses offenbar verschlossen bleibt. So etwas führt unweigerlich zu einem sozialen Crash. Eine "Fünftel-Gesellschaft" im Klassenkampf wäre aber wohl das Letzte, was wir uns für den Standort Österreich und unsere Kinder und Enkel wünsche sollten. (Bernd Schilcher, DER STANDARD, 10.9.2013)

Bernd Schilcher (73) war Universitätsprofessor in Graz, ÖVP-Klubobmann im steirischen Landtag und Präsident des steirischen Landesschulrats. Zuletzt trat er als Initiator des Bildungsvolksbegehrens auf.

  • Bernd Schilcher: Kinder resignieren irgendwann. 
    foto: apa/management club

    Bernd Schilcher: Kinder resignieren irgendwann. 

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