Raus aus dem geschützten Raum!

1. Oktober 2013, 17:00
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Die Vorstellung, dass ihre Kinder durch die Stadt radeln, treibt vielen Eltern den Angstschweiß auf die Stirn. Spezielle Vorbereitungskurse bringen Sicherheit

Nach dem Gehen ist Radfahren eine der ersten Fortbewegungsmöglichkeiten, mit der Kinder ihre Umgebung erkunden und längere Strecken bewältigen. "Unsere Kinder fangen mit zweieinhalb Jahren mit dem Laufrad an", erzählt Giles Ross, der österreichweit Kindergruppen im Radfahren trainiert, "die meisten steigen vor ihrem dritten Geburtstag auf ein normales Fahrrad um." Ross empfiehlt, bei Laufrädern auf funktionierende Bremsen zu achten, da Kinder auch mit diesen schon eine relativ hohe Geschwindigkeit erreicht werden kann. Ein Laufrad trainiert bereits ab dem Zeitpunkt, wenn Kinder ihre ersten Schritte zurücklegen, Gleichgewicht und Koordination.

Alles beginnt im Auto

In ganz Österreich gibt es sogenannte Verkehrsgärten, in denen Mädchen und Buben Radfahren und die Verkehrsregeln lernen und üben können. Echte Verkehrskompetenz entstehe aber nur im direkten Kontakt mit der Straße, meint Ross. Das Problem sei, dass sich Kinder kaum im Straßenverkehr aufhalten. "Wir wollen sie rausbringen aus diesen geschützten Räumen, damit sie die Verkehrsrealität kennenlernen."

Zu Beginn des Kurses setzt Ross jedes Kind in ein Auto. "So lernen sie die Perspektive des Autofahrers kennen und bekommen ein Gefühl für Abstände." Es folgen einige Aufwärmrunden um den Block, und dann geht es auch schon mitten ins Geschehen. Gefahren wird meist am Gehweg, und das in Reih und Glied. Die Kinder würden so am besten voneinander lernen und gewöhnen sich daran, aufeinander aufzupassen, sagt Ross, der seit mehr als zehn Jahren Kindern trainiert. "Die Kinder sollen die Situation überblicken und für sich selbst denken."

Am Gehsteig fahren ist erlaubt

Kinder dürfen in Österreich sowohl mit dem Lauf- als auch mit dem Kinderfahrrad auf dem Gehsteig fahren - allerdings mit Helm: Bis zum vollendeten zwölften Lebensjahr gilt die Helmpflicht. Außerdem müssen Kinder bis zwölf am Rad von einer erwachsenen Person, die das 16. Lebensjahr hinter sich hat, begleitet werden.

Auch der Wiener Radtrainer Bernhard Dorfmann gibt in seinen Radfahrkursen Tipps, um Eltern den sicheren Umgang mit ihrem radfahrenden Nachwuchs beizubringen. "Idealerweise fährt man hinter dem Kind, tendenziell parallel zu ihm, damit man es seitwärts schützen kann, und bei einer Kreuzung übernimmt man die Führung, um im Fall des Falles blockieren zu können."

Deutlich sprechen

Der Knackpunkt beim gemeinsamen Radeln mit Kindern seien konkrete Ansagen, so Dorfmann. "Jetzt hier aufpassen!" als Zuruf reiche Kindern nicht: "Eltern müssen konkret sagen, was zu tun ist." Etwa: "Hier halten wir jetzt an! Oder "Hier fahren wir links vorbei!".

Nur wenn die Anweisungen eindeutig formuliert sind, weiß das Kind, was es zu tun hat, sagt Dorfmann. Zusätzlich könne auch nonverbal kommuniziert werden. "Wenn ich beispielsweise vorne fahre und langsamer werde, zeige ich das dem Kind nach hinten mit einem Handzeichen an. Oder wenn ich möchte, dass das Kind hinter mir schneller werden oder mich überholen soll." Gerade bei komplexen Verkehrssituationen ist miteinander reden unerlässlich: "Es reicht nicht, nur auf die Verkehrszeichen zu achten. Eltern müssen auch die dazugehörige Situation kommunizieren, damit den Kindern klar ist, ob sie fahren dürfen oder eben nicht."

Gerüstet für die Tour

Eltern empfiehlt Dorfmann, sich vor einer Radtour die Strecke genau anzuschauen. "Wenn ich die Route schon kenne, weiß ich, wie weit es noch ist und ich muss nicht blind durch die Gegend fahren." Ebenso wichtig sind regelmäßige Pausen. "Man darf die Kinder mit Strecke und Geschwindigkeit nicht überfordern. Wenn ich merke, dass das Kind müde ist oder unkonzentriert, dann mache ich eine Pause und esse oder trinke etwas."

Wichtig für die Motivation kleiner Radlerinnen und Radler ist auch ein spannendes Ende, sagt Radtrainer Giles Ross. Ob ein Ausflug auf den Donauturm, zum Eislaufen auf den Wiener Rathausplatz oder eine Nachtfahrt in der Steiermark, jede Woche steht bei dem Radpädagogen ein anderes Ziel auf dem Programm, das mit Blick auf das Können der Kinder ausgesucht wird. Am Ende jeder Radtour wird die Route gemeinsam am Stadtplan besprochen. "So bekommen die Kinder ein geografisches Gespür für ihr Umfeld und können Distanzen zueinander in Beziehung setzen", erklärt er.

Das Wichtigste dabei seien aber nicht die zurückgelegten Kilometer: "Radfahren soll ein Abenteuer sein, keine Leistungsschau. Wir wollen, dass die Kinder Spaß haben und sich eigenständig bewegen. Und wenn sie nebenbei noch etwas lernen: umso besser." (Barbara Oberrauter, derStandard.at, 1.10.2013)

  • Geografisches Gespür für das Umfeld und das Einschätzen von Distanzen sind wesentliche Faktoren zur Einschätzung von Gefahren im Straßenverkehr, die Kinder erst erlernen müssen.
    foto: reuters

    Geografisches Gespür für das Umfeld und das Einschätzen von Distanzen sind wesentliche Faktoren zur Einschätzung von Gefahren im Straßenverkehr, die Kinder erst erlernen müssen.

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