Gute Beinarbeit im Ärmelkanal

9. September 2013, 15:57
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Radfahrer genießen auf Jersey Vorrang, exotische Gärten und den Luxus, stressfrei benachbarte Inseln zu erreichen

Rosen, ein ganzes Zelt voller Rosen. Die Dame von der Rezeption des Hotels Sandranne in Saint Helier hat diesen Tipp parat, gemeinsam mit dem Wetterbericht des Tages. Sie wird auch da sein. Nur ein kleiner Abstecher vom Radweg Nummer eins, und schon ist man auf der "Jersey Rosarians" in Saint Martin. Es ist die Rosen-Show auf Jersey, und alles, was Gärtner-Rang und -Namen hat, zeigt her, was im eigenen Garten blüht. Die Jerseyianer sind ambitionierte Rosenzüchter. Ein feiner Duft hängt im weißen Partyzelt, die Kapelle spielt Jazz, und an den Imbissständen gibt es Hausgemachtes: Lemon Curd, Orangenmarmelade, feine Kuchen - und natürlich Tee.

Steuer-, nicht Blumenparadies, ist der erste Gedanke, wenn man von den Kanalinseln hört. Die unsichtbare Haupteinnahmequelle der Inselgruppe hat eine historische Ursache: Im Jahr 1204 musste der englische König John die Normandie an Frankreich abtreten. Später entschieden sich die Bewohner der Kanalinseln jedoch für die Zugehörigkeit zur britischen Krone. Sie sind weder Teil des Vereinigten Königreichs noch eine Kolonie, sondern eben direkt der britischen Krone unterstellt.

Eigenartig anziehend

Die Inseln verfügen dadurch bis heute über eigene Verwaltungen, eigene Briefmarken und eigene Währungen - die aber im Wert exakt dem britischen Pfund entsprechen. Sie sind nicht Mitglied der EU und bieten daher vermögensschonende Steuersätze, die Banken, Versicherungen und reiche Privatiers anziehen. Der Golfstrom wiederum, der hier ganzjährig für milde Temperaturen und viele Sonnenstunden sorgt, lockt die Radfahrer.

Radfahren ist die optimale Fortbewegungsart auf den insgesamt fünf Inseln. Jersey und Sark sind flache Plateaus mit hohen Küsten, Guernsey, Alderney und Herm fallen von Süden nach Norden ab und haben im Norden flache Strände. Von Ostern bis Oktober ist ein kleiner Regenguss meist schnell vorbei, und die Landschaft lässt sich per Rad mit allen Sinnen erfahren.

Jersey, die größte Insel, ist mit dem Rad in drei bis vier Tagen gemütlich erkundet. Dazu reicht eine Alltagskondition, die Tagesdistanzen von 30 bis 50 Kilometer sind locker zu bewältigen. Es gibt ein sehr gut ausgeschildertes Fahrradwegenetz, und um es zu nutzen, reicht die lokale Visitor Map. Größtenteils radelt man auf sogenannten Green Lanes, einem insgesamt rund 100 Kilometer langen Straßennetz, auf dem eine Höchstgeschwindigkeit von 24 km/h gilt. Wanderer, Radfahrer und Reiter haben Vorrang.

Wenn man das Hochplateau von Jersey einmal erklommen hat, geht es in einer sehr sanften hügeligen Landschaft gemütlich dahin - vorbei an Feldern, auf denen die bekannten Jersey-Royal-Frühkartoffeln wachsen. Ihren speziellen salzigen Geschmack verdanken sie der Düngung durch Seegras, das auf den Stränden von der Flut abgelegt wird. In der Sprache der Inselbewohner heißt es Vraic.

In vielen Hecken entlang der Green Lanes oder vor den Bauernhäusern findet man Verkaufsstände oder Kisten, in denen Obst, Gemüse und Eingemachtes angepriesen wird. "Hedge Veg" oder "Honesty Box" nennt sich dieses System, das auf Ehrlichkeit basiert: Gegen den Einwurf des Kaufpreises in eine Geldbox ist zu erstehen, was von der Ernte übrigblieb. Alles frisch und meist auch bio.

Ein Muss für Blumenliebhaber sind "Judith Quérée's Gardens". Judith Quérée und ihr Mann Nigel haben sich bei einem Spaziergang mit ihrem Hund in ein altes, verfallenes Cottage verliebt und dieses in über 30-jähriger Arbeit in ein kleines Paradies verwandelt. Sie begrüßt ihre Gäste herzlich, die auch ohne Anmeldung durch den Garten schlendern und die 2500 verschiedenen Pflanzen bewundern dürfen. Doch eigentlich sind es mehrere Gärten.

Klangteppich für Exoten

Rund ums Haus blüht, was "warm und trocken" mag. Vergissmeinnicht und Exoten wie Pyrenäen-Storchenschnabel. Clematis sind Judiths große Leidenschaft - davon hat sie 200 verschiedene in allen Farben. Nebenan in der großen Wiese wohnen die Nützlinge im hohen Gras und legen einen surrenden Klangteppich über die Blütenpracht.

"Schattig und feucht" ist das Thema des unteren Gartens. Nigel hat einen Holzpfad angelegt, um den Weg durch Gräser wie das Schildförmige Fußblatt aus Nordamerika oder die Baumfarne zu weisen. Das Areal wird gerne von Gartenjournalisten besucht - und vom Traumschiff. Auch die TV-Serie sah darin wohl eine besonders ansprechende Kulisse.

Der Radweg Nummer eins umrundet die gesamte Insel Jersey. Der Norden ist geprägt von seiner eindrucksvollen Steilküste, unterbrochen von kleinen Sandstränden. Bei Flut sind die Badebuchten im Wasser verschwunden, denn der Tidenhub von bis zu zwölf Metern verändert die Küstenlandschaft zweimal am Tag. So ist der Leuchtturm von Corbière nur während der Ebbe zu besuchen. Es ist ratsam, sich zu erkundigen, wann die Flut kommt, denn der Wasserspiegel steigt rasant. Immer wieder geraten Touristen in Seenot und müssen geborgen werden.

Schier endlose Strände findet man, wenn man die beiden großen Buchten der Insel entlangradelt. Saint Ouen's Bay und Saint Aubin's Bay lassen sich bei einer Radtour zudem gut mit dem "Corbière Walk" verbinden. Auf dieser aufgelassenen Bahntrasse zwischen der Hauptstadt Saint Helier und Corbière verkehrte einst ein Zug. Heute dient sie als Wander- und Radweg und führt am Table des Marthes vorbei, einem Granitblock, auf dem im Mittelalter Verträge besiegelt wurden. Für den Nachmittagstee bietet sich das "Poplars" an. Das ist ein schlichtes Café in einem Steincottage mit Blumengarten und selbstgemachten Sandwichs, Suppen und Torten. Die Lemon Meringue sollte man keinesfalls auslassen.

Entspanntes Business

Saint Peter Port, die Hauptstadt der Nachbarinsel Guernsey, vermittelt einen überraschend mediterran-relaxten Eindruck, doch auf den Straßen sind auch auffallend viele Menschen in Businesskleidung unterwegs. Namhafte Banken und Versicherungen sind vertreten, und dennoch herrscht eine sehr entspannte Atmosphäre. Die Cafés und Bistrots sind gut besucht, vornehme Boutiquen und Antiquitätengeschäfte profitieren vom günstigen Steuersatz. In den großen Yachthäfen mit klingenden Namen - Victoria Marina und Albert Marina - schaukeln noble Segelschiffe, oft unter französischer Flagge. Die Fischerboote liegen bei Ebbe unterdessen auf dem Trockenen.

Auf Guernsey ist der französische Einfluss noch deutlich stärker zu bemerken als auf Jersey. Alle Straßen und Häuser haben französische Namen, und in den Bistrots werden französische Gerichte serviert. Hummer und Austern kommen stets frisch aus den Fluten auf die Teller. Victor Hugo, der hier im Exil gelebt hat, beschrieb Guernsey als "ein Stück Frankreich, das ins Meer gefallen ist und von England aufgesammelt wurde".

Die Radwege auf Guernsey sind dagegen nicht so zahlreich wie auf Jersey, vor allem aber führen sie durch viel hügeligeres Terrain. Doch auf den kleinen Landstraßen kann man es gemütlich angehen und Highlights wie Little Chapel in Saint Andrews ansteuern. Ein französischer Mönch hat diese Kapelle ab 1914 mehrmals aufgebaut und wieder niedergerissen und später mit Muscheln und Porzellanscherben verziert.

Besonders lohnend ist auch ein Abstecher auf die Insel Lihou. Mit knapp 16 Hektar ist sie die kleinste, zumindest zeitweise bewohnte Kanalinsel und liegt nur rund 500 Meter westlich von Guernsey. Bei Ebbe kann sie über einen befestigten Damm vom Fort Saumarez aus erreicht werden, zurück nach Saint Peter Port geht es dann entlang der Rocquaine Bay.

Sark ist für Radfahrer vor allem aus einem Grund ideal: Von Saint Peter Port erreicht man nach einstündiger Fahrt, vorbei an Herm, ein gänzlich autofreies Eiland. Hier verkehren nur Traktoren, Pferdefuhrwerke, Fußgänger und eben Radler. Und La Coupée, der felsige Grat zwischen den beiden Inselchen Great und Little Sark, bietet einen atemberaubenden Blick auf die Steilküste.

Rosen als Staatssache

Obwohl Sark nur rund 600 Einwohner zählt, hat die Insel ein eigenes Staatsoberhaupt, den sogenannten Seigneur. Er kann seinen Posten vererben oder verkaufen und residiert in einem schlossähnlichen Anwesen mit wunderschönem Garten. Von einer Steinwand geschützt, wachsen hier Rosen, die angeblich vom Inselchef persönlich ausgewählt und dann von den Gärtnern farblich passend mit anderen Pflanzen arrangiert werden. Viele Exoten wie der pink blühende New Zealand Tea Tree oder der fedrige Australian Bottlebrush sind darunter, und auch an einen Gemüsegarten mit Artischocken wurde gedacht. Im hinteren Teil des Gartens befindet sich ein Labyrinth.

Sollte man sich darin wider Erwarten verirren, kommt bestimmt bald Hilfe. Denn der einzige Polizist der Insel hat auf Sark vermutlich sonst nichts Besseres zu tun. (Helga Gartner, Album, DER STANDARD, 7.9.2013)


Bilder zur Reise gibt's in dieser Ansichtssache.
  • Den Leuchtturm von Corbière behält man auf Jersey immer im Blick. Er ist für See- wie Radfahrer gleichermaßen Orientierungspunkt.
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    foto: jersey images / danny evans

    Den Leuchtturm von Corbière behält man auf Jersey immer im Blick. Er ist für See- wie Radfahrer gleichermaßen Orientierungspunkt.

    Bilder zur Reise gibt's in dieser Ansichtssache.

  • Air Berlin fliegt noch im September jeden Samstag von Wien über London nach Jersey oder Guernsey. British Airways steuert ebenfalls beide Inseln an, hier ist allerdings ein Flughafenwechsel in London zu beachten. Zudem fliegt Flybe täglich von London Gatwick nach Jersey und Guernsey. Von Portsmouth verkehren regelmäßig Fähren nach Jersey. Wer alternativ über Frankreich anreist, kann einen Flug Wien–Paris wählen und mit dem TGV bis nach Saint-Malo reisen. Von dort gibt es regelmäßige Fährverbindungen nach Jersey und nach Guernsey. Die Inseln untereinander sind ebenfalls mit Fähren verbunden.
    foto: helga gartner

    Air Berlin fliegt noch im September jeden Samstag von Wien über London nach Jersey oder Guernsey. British Airways steuert ebenfalls beide Inseln an, hier ist allerdings ein Flughafenwechsel in London zu beachten. Zudem fliegt Flybe täglich von London Gatwick nach Jersey und Guernsey. Von Portsmouth verkehren regelmäßig Fähren nach Jersey. Wer alternativ über Frankreich anreist, kann einen Flug Wien–Paris wählen und mit dem TGV bis nach Saint-Malo reisen. Von dort gibt es regelmäßige Fährverbindungen nach Jersey und nach Guernsey. Die Inseln untereinander sind ebenfalls mit Fähren verbunden.

  • Wer auf Guernsey im Grünen wohnen will, ist mit dem Hotel Fleur du Jardin gut beraten. Die Auberge du Val lockt zudem mit eigenem Gemüsegarten und fangfrischem Fisch. Am Rand von Saint Helier, mit Blick aufs Meer, ist das Millbrook House eine charmante Adresse. Mit überschäumend freundlichem Personal kann das Hotel Sandranne aufwarten – große Zimmer, very british und sehr sauber. An der Rezeption liegt täglich der aktuelle Wetterbericht. Online – etwa über das Portal www.fewo-direkt.de – gibt es auch geschmackvolle Ferienhäuser am Meer.
    foto: helga gartner

    Wer auf Guernsey im Grünen wohnen will, ist mit dem Hotel Fleur du Jardin gut beraten. Die Auberge du Val lockt zudem mit eigenem Gemüsegarten und fangfrischem Fisch. Am Rand von Saint Helier, mit Blick aufs Meer, ist das Millbrook House eine charmante Adresse. Mit überschäumend freundlichem Personal kann das Hotel Sandranne aufwarten – große Zimmer, very british und sehr sauber. An der Rezeption liegt täglich der aktuelle Wetterbericht. Online – etwa über das Portal www.fewo-direkt.de – gibt es auch geschmackvolle Ferienhäuser am Meer.

  • Organisierte Radreisen sind zeitschonender. Sie werden unter anderem von www.radreisen.at angeboten. Bei der Ankunft am Flughafen erhält man eine Mappe mit Vouchers für Hotels, Räder und Fähren. Für spontane Reisende gibt es dennoch auf allen Inseln ausreichend Verleiher von gut gewarteten Rädern. Einen umfassenden Überlick über saisonale Veranstaltungen und Feste geben www.jersey.com und www.visitguernsey.com sowie die überall aufliegenden Visitor Maps. 
Kurios: Im hübschen Jersey Pearl Shop in Saint Ouen ist die Kopie eines perlenbesticken Kleides von Prinzessin Diana ausgestellt.
    foto: helga gartner

    Organisierte Radreisen sind zeitschonender. Sie werden unter anderem von www.radreisen.at angeboten. Bei der Ankunft am Flughafen erhält man eine Mappe mit Vouchers für Hotels, Räder und Fähren. Für spontane Reisende gibt es dennoch auf allen Inseln ausreichend Verleiher von gut gewarteten Rädern. Einen umfassenden Überlick über saisonale Veranstaltungen und Feste geben www.jersey.com und www.visitguernsey.com sowie die überall aufliegenden Visitor Maps.

    Kurios: Im hübschen Jersey Pearl Shop in Saint Ouen ist die Kopie eines perlenbesticken Kleides von Prinzessin Diana ausgestellt.

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