Lauschangriff am Rande der Autobahn

8. September 2013, 18:31
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Der Goldene Löwe des 70. Filmfestivals von Venedig ging ganz überraschend an den italienischen Dokumentarfilm "Sacro GRA" von Gianfranco Rosi

Ein älterer Herr arbeitet sich durch einen Palmenhain. Mit einem dicken Bohrer macht er Löcher in den Stamm, darin versenkt er ein Mikrofon. Dann horcht er hinein: Wenn er nichts hört, ist es gut. Wenn sich etwas regt, dann ist der Baum von Schädlingen befallen, deren Larven sich zuerst akustisch bemerkbar machen.

Der Mann ist einer jener Zeitgenossen, denen der Filmemacher Gianfranco Rosi entlang der römischen Ringautobahn, der Grande Raccordo Anulare (GRA), begegnet ist: Rettungsfahrer und Prostituierte, Fischer, Bewohner von Sozialbauten oder der Besitzer eines alten Palais - Protagonisten mit einigem selbstdarstellerischen Potenzial, die gemeinsam ein etwas nostalgisch angehauchtes Ensemble von Typen ergeben.

Dass der Italiener Rosi für Sacro GRA den Hauptpreis erhalten würde, war am Ende die große Überraschung dieser 70. Filmfestspiele. Sacro GRA ist eine kurzweilige und sympathische, aber keineswegs außergewöhnliche Arbeit. Mit dieser und Errol Morris' Donald-Rumsfeld-Porträt The Unknown Known hatte Festivalleiter Alberto Barbera heuer erstmals zwei Dokumentarfilme in den prestigeträchtigen Hauptwettbewerb inkludiert. Man mag den Goldenen Löwen als eine Bestätigung und Bekräftigung dieser Grundsatzentscheidung durch die Jury um Bernardo Bertolucci sehen. Andererseits hatten aber auch in diesem Jahr mit Wang Bings Feng Ai / 'til Madness Do Us Part und Frederick Wisemans At Berkeley zwei monumentale, ungleich spannendere dokumentarische Werke außerhalb des Wettbewerbs ihre Premiere.

Der Chinese Wang, im Vorjahr für San Zimei / Three Sisters in der Sektion Orizzonti prämiert, setzt mit Feng Ai seine intimen Studien räumlich und sozial entlegener Milieus fort: Diesmal geht es in eine psychiatrische Anstalt im Südwesten Chinas, in der Provinz Yunnan. Das Gebäude ist um einen viereckigen Hof angelegt, auf den man von vergitterten Gängen aus dem zweiten Stockwerk blickt. Vom Gang gelangt man in ärmliche Zimmer, die bis zu vier Männer beherbergen. Abgesehen von Eisenbetten gibt es keine Möblierung. Emailschüsseln dienen als Wasch- oder Pissbecken. Viele der Männer sind seit mehr als zehn Jahren hier. In den knapp vier Stunden, die der Film dauert, nimmt man an ihrem Alltag teil. Eine (Digital-)Kamera hält aufmerksam fest, wie sie hier großteils sich selbst überlassen hausen, aber auch, wie sich Notgemeinschaften bilden, Einzelne aneinander Halt finden.

Konzentrierte Milieustudie

Wangs Zugang ist verwandt mit jenem, den Frederick Wiseman, US-Dokumentarfilm-Veteran, seit vielen Jahrzehnten pflegt: Auch dessen teilnehmende Beobachtungen sind stets einem konkreten Milieu, einem institutionellen Rahmen gewidmet. In At Berkeley begibt sich Wiseman aufs Gelände der traditionsreichen kalifornischen Uni und stößt dort, in Seminaren, Sitzungen und Kundgebungen auf ein allgegenwärtiges Ringen um den Fortbestand als öffentliche Universität, um den Kampf für kostenlosen Zugang zu Bildung - in Zeiten, in denen sich die weiße Mittelklasse die kostspielige Ausbildung ihrer Kinder zunehmend weniger leisten kann und Kalifornien nur noch 16 Prozent des Unihaushaltes zuschießt.

Solchen konsequent strukturell angelegten Gegenwartsreflexionen blieb der Wettbewerb auch heuer noch verschlossen. Insgesamt wirkte die Auswahl gleichwohl solide und relativ geerdet - nach der Eröffnung mit Alfonso Cuaróns Weltraumexkursion Gravity. Einzig Stephen Frears' Drama Philomena, mit dem Drehbuchpreis bedacht, verblieb in den weichgespülten Konventionen des Arthouse-Mainstreams. Davon abgesehen hatte man es mit keineswegs in jedem Fall überzeugenden, aber als solche erkennbaren Autorenpositionen zu tun.

In seinem Minimalismus herausragend und radikal erzählte gegen Ende des Wettbewerbs der taiwanesische Filmemacher Tsai Ming-liang vom Leben in Großstadtwüsten. Jiaoyou - mit dem Großen Preis der Jury gewürdigt - ist ein wortarmes Drama. Minutenlange unbewegte Einstellungen führen einen obdachlosen urbanen Tagelöhner und seine beiden Kinder ein, gewinnen aus deren Routinen im öffentlichen Raum teilweise absurde Performances.

Während Tsai unglaubliche, traurige Intensität aus Stille und Reduktion erzeugt, präsentierte am anderen Ende der Gefühlsskala Xavier Dolan eine energetische Mischung aus Thriller und Melodram. Tom à la ferme, den die internationale Filmkritikervereinigung (FIPRESCI) zu ihrem Wettbewerbssieger kürte, ist der vierte Kinofilm des erst 24-jährigen kanadischen Multitalents.

Gewitzter Machtkampf

Basierend auf dem gleichnamigen Bühnenstück von Michel Marc Bouchard begleitet der Film seinen Titelhelden in die Provinz, auf einen Bauernhof, zu einem Begräbnis. Tom, den Dolan selbst spielt, war der Lebensgefährte des Verstorbenen. Dessen Mutter hält ihn für einen guten Freund. Der Bruder zwingt ihn mit Gewalt, an diesem Missverständnis festzuhalten. In fahlen Farben, die zu den blonden Zotteln des Protagonisten passen, dafür mit umso intensiver getönter Originalmusik und in elliptischen Montagen, entwickelt Dolan einen gewitzten - an den späten Chabrol erinnernden - Machtkampf, in dem die Verhältnisse beständig kippen. Von Dolan wird man noch hören. (Isabella Reicher aus Venedig, DER STANDARD, 9.9.2013)


Venedig-Hauptpreise

  • Goldener Löwe für den besten Film: Sacro GRA
  • Silberner Löwe für die beste Regie: Alexandros Avranas (Miss Violence)
  • Großer Preis der Jury: Tsai Ming-liang (Jiaoyou)
  • Spezialpreis der Jury: Die Frau des Polizisten von Philip Gröning
  • Bester Schauspieler: Themis Panou (Miss Violence)
  • Beste Schauspielerin: Elena Cotta (Via Castellana Bandiera)
  • Nachwuchs-Schauspielpreis: Tye Sheridan (Joe)
  • Bestes Drehbuch: Steve Coogan, Jeff Pope (Philomena)

Link
www.labiennale.org

  • Die Palme lebt: Der Dokumentarfilm "Sacro GRA" sieht sich an der römischen Ringautobahn um, Regisseur Gianfranco Rosi (unten) erhielt den Goldenen Löwen.
    foto: festival

    Die Palme lebt: Der Dokumentarfilm "Sacro GRA" sieht sich an der römischen Ringautobahn um, Regisseur Gianfranco Rosi (unten) erhielt den Goldenen Löwen.

  • Artikelbild
    foto: apa/epa
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