"Steuerrecht macht Verschuldung attraktiv"

8. September 2013, 17:22
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Rechtsprofessor Roe warnt, das Steuerrecht verstärke Krisen. In den USA bahnt sich die größte Anleihenemission eines Unternehmens an

New York / Wien - Seit fünf Jahren ringen Aufsichtsbehörden weltweit darum, das Finanzsystem sicherer zu machen. Auf 509 Seiten skizziert etwa der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht eine Reihe von Maßnahmen, um die exzessive Verschuldung von Finanzunternehmen zu verhindern. "Viel zu kompliziert", befindet Mark Roe, Professor für Unternehmensrecht und Insolvenz an der renommierten Harvard Law School in den USA.

"Das Steuerrecht macht Verschuldung zu attraktiv. Banken und Unternehmen wurde es zu leicht gemacht, sich zu überschulden", kritisiert Roe im Standard-Gespräch. Denn: Unternehmen können Zinskosten steuerlich absetzen und so ihre Gewinne mindern. Damit besteht ein Anreiz, Projekte mit Fremd- statt Eigenkapital zu finanzieren. Denn Dividendenzahlungen für Aktionäre, die das Eigenkapital eines Unternehmens bereitstellen, sind nicht absetzbar. Fremdmittel sind damit attraktiver als teures Eigenkapital.

Damit habe das Steuersystem direkt zur Finanzkrise beigetragen: "Hohe Schulden führen immer wieder dazu, dass Unternehmen bereits von kleinen Schocks aus der Bahn geworfen werden." Eine Abschaffung des Steuervorteils von Schulden würde laut Roe "ein sichereres Finanzsystem schaffen".

Doch bisher gehen Aufsichtsbehörden einen anderen Weg, um riskante Verschuldung einzudämmen. Sie schaffen Verhaltensregeln: So legt Basel III eine Reihe von Grenzwerten fest, die die Verschuldung von Banken mit kurzfristigen Papieren eindämmen sollen. Genauso werden die Geldinstitute verpflichtet, sich stärker mit langfristigen Anleihen zu finanzieren. Roe kritisiert, dass die Bankaufseher "die falschen Anreize geben. Der Staat sollte zuerst das Steuerrecht reparieren, bevor er ständig intervenieren muss."

Dabei hat es auch in den USA immer wieder Versuche ei- ner grundlegenden Reform gegeben. So hat das US-Finanzministerium 1992 einen Vorschlag dazu vorgelegt - Abschaffung der Bevorzugung von Fremdkapital bei Unternehmen inklusive. Daher hält Roe den aktuellen Vorstoß von US-Präsident Barack Obama für eine Reform des Steuerrechts für einen guten Vorstoß.

Doch aktuell bleiben Anleihen und andere Formen von Schulden das Mittel der Wahl für US-Unternehmen. Die stark gefallenen Zinskosten haben zu einem regelrechten Boom bei Unternehmensanleihen geführt. Aktuell sind knapp 5937 Milliarden Dollar dieser Papiere ausstehend, 56 Prozent mehr als bei Ausbruch der Finanzkrise 2008. Das Eigenkapital der Unternehmen (Banken ausgenommen) hat sich hingegen nur um zehn Prozent erhöht.

Ab Montag nimmt zudem der US-Telekomriese Verizon Anlauf auf einen neuen Rekord der Unternehmensfinanzierung. Für die 130 Milliarden Dollar schwere Übernahme des Anteils an Verizon Wireless von Vodafone wollen die Amerikaner die größte Unternehmensanleihe aller Zeiten begeben. Bis zu 50 Milliarden Dollar möchte der Telekomkonzern in den kommenden Wochen aufnehmen, berichtet etwa die Financial Times. Ab Montag sollen Investoren für die Papiere gewonnen werden.

Langfristige Anleihen

Dabei setzt Verizon auf das Segment der langfristigen Unternehmensanleihen. Bis zu 100 Jahre können die Papiere laufen. Auch andere Konzerne haben derart lang laufende Schulden begeben, etwa Coca-Cola oder Walt Disney. Laut Daten von IFR Markets gibt es in den USA 65 solcher "Jahrhundertanleihen", mithilfe derer sich Unternehmen rund 16 Milliarden Dollar an Kredit aufgenommen haben. Alleine in den kommenden zwölf Monaten sollen 26 neue Deals dazukommen. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 9.9.2013)

  • US-Konzern Verizon nimmt für milliardenschweren Deal viel neue Schulden auf.
    foto: reuters/dado ruvic

    US-Konzern Verizon nimmt für milliardenschweren Deal viel neue Schulden auf.

  • Mark Roe: "Banken wurde es zu leicht gemacht, sich zu überschulden."
    foto: privat

    Mark Roe: "Banken wurde es zu leicht gemacht, sich zu überschulden."

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