Journalisten müssen "supersauber" sein

6. September 2013, 22:01
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In ihrer Theodor-Herzl-Vorlesung erörtert Alexandra Föderl-Schmid die Wichtigkeit des Presserats und die Mindeststandards für ethisches Verhalten im Journalismus

Wir Journalisten haben eine Verantwortung, weil wir über - ja - Macht verfügen: nicht in dem Sinne, dass wir bestimmen können, was die Regierung oder ein Unternehmen tut. Aber unsere Berichterstattung und Kommentierung kann Einfluss auf politische und wirtschaftliche Entwicklungen haben. Wir können jemanden oder etwas rauf- oder runterschreiben, wir können das Privatleben von Menschen zerstören. Die logische Frage ist, wer kontrolliert uns? Wie kontrollieren wir uns? Selbstkontrolle und Selbstregulation sind unverzichtbare Elemente in einer medial geprägten Demokratie. Regeln, die wir für andere fordern, müssen wir selbst einhalten. Ansprüche, die wir an andere stellen, müssen wir erst recht erfüllen. Zu einer Selbstkontrolle gehört auch, dass man Fehler eingesteht und dass es jemanden gibt, an den sich Leserinnen und Leser mit ihren Beschwerden und Vorschlägen wenden können.

Als ich in die Chefredaktion kam, habe ich einen Leserbeauftragten bestellt. Wenn wir etwas unkorrekt oder falsch berichten, das sofort der Richtigstellung bedarf, weil es ein gravierender Fehler war oder bei Unternehmen wirtschaftliche Auswirkungen haben könnte, stellen wir das sofort richtig. Solche Leserbeauftragten oder Leseranwälte können aber keine Brancheninstitution ersetzen. Ein wichtiges Element in allen Demokratien ist der Presserat, der berufsethische Normen definiert sowie Grenzfälle und Übergriffe diskutiert und beurteilt. Jahrelang trug Österreich mit Blick auf die Medienkonzentration im Lande den Beinamen Medienalbanien. Inzwischen wurde in Albanien nach österreichischem Vorbild ein Presserat eingerichtet, der in Österreich zu dem Zeitpunkt nicht mehr existierte. Der Verband der österreichischen Zeitungen (VÖZ) und die Gewerkschaft hatten sich zerstritten, 2002 wurde der 1961 gegründete Presserat aufgelöst.

Diese Diskussion brandete auch in einer Sitzung des publizistischen Beirates des VÖZ im Herbst 2007 auf, zu der ich erstmals eingeladen war. Ein Chefredakteur oder Medienvertreter nach dem anderen klagte darüber, dass es den Presserat nicht mehr gibt. Meine Reaktion war: Ich probiere es, einen neuen Presserat zu initialisieren. Ich gebe zu: Ich habe nicht nachgedacht, es war eine spontane Äußerung. Erst als nach Ende der Sitzung langjährige Chefredakteure auf mich zukamen, mir alles Gute wünschten und einer meinte, ich hoffe, Sie wissen, worauf Sie sich eingelassen haben, wurde mir etwas mulmig. Es fiel auch das Wort naiv.

Vom VÖZ wurde der designierte Generalsekretär Gerald Grünberger nominiert, von der Gewerkschaft deren Vorsitzender Franz C. Bauer. Wir trafen uns an Montagen morgens in meinem Büro. Links saß Bauer, rechts Grünberger, ich dazwischen. Und ich hatte oft die Rolle des Schiedsrichters inne. Die nach fast drei Jahren Verhandlung in schöne, juristisch gecheckte Formulierungen gegossene Vereinbarung führte zur Wiedergründung des Presserats in Österreich. Bei der Feierstunde im März 2010 war ich nicht anwesend, weil ich dienstlich im Ausland war. Kollegen berichteten mir, dass mein Name nicht einmal erwähnt wurde. Was zählt, ist das Ergebnis: dass es den Presserat als Selbstkontrollorgan wieder gibt.

Seit seinem Neustart vor drei Jahren bis zum Frühjahr 2013 sind 250 Fälle an den Presserat herangetragen worden. Diese Fälle zu behandeln reicht aber nicht aus, um die Rolle als Selbstkontrollorgan zu erfüllen. In den vergangenen Monaten wurde - wieder einmal ausgelöst durch die Affäre Wulff in Deutschland - auch in Österreich die Frage diskutiert, was Journalisten dürfen. Wo sind die Grenzen dessen, was mit dem Berufsethos noch vertretbar ist? Wo fängt Korruption an? Diese Fragen hat schon Max Weber im vergangenen Jahrhundert aufgeworfen: "Die ganz unvergleichlich viel schwereren Versuchungen, die dieser Beruf mit sich bringt, und die sonstigen Bedingungen journalistischen Wirkens in der Gegenwart erzeugen jene Folgen, welche das Publikum daran gewöhnt haben, die Presse mit einer Mischung von Verachtung und jämmerlicher Feigheit zu betrachten." Welche Versuchungen gibt es heutzutage? Die Chefredakteurin der Kärnten-Ausgabe der "Kleinen Zeitung", Eva Weissenberger, hat für den "Journalistenreport III" "eine rein subjektiv zusammengestellte Liste ohne Anspruch auf Vollständigkeit" erstellt, die "mögliche Verfehlungen" beinhaltet. Darin zählt sie unter anderem auf: mit dem Bundespräsidenten und einer Wirtschaftsdelegation nach Tel Aviv fliegen, beim Parteiheurigen das Buffet plündern, mit einem Landesrat Ski fahren, einen Informanten zu einer Abendgesellschaft zu sich nach Hause einladen, ein Parteibuch besitzen, zwei Flaschen Wein annehmen. Am Ende fragt Weissenberger: "Wer hat sich noch nie bei Derartigem erwischen lassen? Er- setzt man den Politiker durch Pressesprecher/Mitarbeiter, ändert das was? Macht ein Eisstockschießen mit Vertretern einer Cou- leur das Punschtrinken mit Anhängern der Komplementärfarbe wett? Jeder redet sich darauf aus, dass die kleinen Bestechlichkeiten des Alltags keinen Einfluss auf das Urteilsvermögen hätten, dass man, wenn es darauf ankäme, genauso hart, aber sachlich mit dem jeweiligen Hawara umspringen würde."

Ich selbst habe jahrelang Vergünstigungen der Air Berlin, die Journalisten einen Rabatt auf Flügen gewährte, in Anspruch genommen, meine Selbstbezichtigung stand auch im Standard. Ich habe mir so manches Mal mit dem Presseausweis einen Gratiseintritt in Museen verschafft, über deren Ausstellungen ich nicht berichtet habe. Das tue ich nicht mehr, weil es ungerechtfertigte Vorteile sind, auch wenn keine Gegenleistung erwartet wird. Einfach deshalb, weil eine Supermarktkassiererin, die viel weniger als ich verdient, keine günstigeren Konditionen bekommt.

Wo fängt Korruption an?

Weissenbergers Forderung nach Transparenz haben die meisten deutschen Verlage und internationale Agenturen wie Reuters längst umgesetzt. Die großen Themen, auch in den jeweiligen Verhaltensregeln, sind: Kennzeichnung gesponserter Reisen oder geliehener Testgeräte/Autos, Kennzeichnung/Transparenz oder Verbot wirtschaftlicher Investitionen in Firmen bei Wirtschaftsberichterstattung, Moderation von Veranstaltungen, Geschenke (Annahme oder Verbot), Zusatzeinkommen (erlaubt oder verboten) und generell die Kennzeichnung, in welchen Organisationen, Vereinen et cetera man als Journalist Mitglied ist. Bei einigen Verlagen gibt es klar definierte Zahlen, bis zu welchem Betrag man eine Essenseinladung oder ein Geschenk annehmen darf. Für Redakteure bei Gruner+Jahr-Blättern wie Stern oder Geo liegt die Grenze bei 60 Euro. Es gibt aber auch Journalisten, die freiwillig Informationen veröffentlichen - so haben "Trend"-Kollegen Einblick in ihre Portfolios gewährt. Bei Verlagen wie dem "Guardian" oder der "New York Times" gibt es Regeln zum Besitz von Aktien: "No staff member may own stock or have any other financial interest." Bei Reuters gibt es ein voluminöses Handbuch, wo es auch um Investments der Journalisten geht. In Deutschland gibt es klare Regeln, was die Wirtschafts- und Finanzberichterstattung anbelangt. Der Deutsche Presserat hat Verhaltensgrundsätze und Empfehlungen dazu herausgeben. In Österreich hat man sich erst sechs Jahre nach der Verabschiedung der deutschen Regelung zum Handeln entschlossen. Allerdings wird in den im Mai 2012 verabschiedeten Richtlinien des Österreichischen Presserats zur Finanz- und Wirtschaftsberichterstattung nur ein kleiner Anwendungsbereich definiert - Berichte oder Analysen, in denen explizit Empfehlungen zur Veranlagung gegeben werden. Diese Richtlinie findet Anwendung auf redaktionelle Finanz- und Wirtschaftsberichte, die Analysen und Informationen mit expliziten oder impliziten Empfehlungen zu Anlagestrategien enthalten.

Der Unterschied zwischen der deutschen und der österreichischen Regelung in dem Bereich ist beträchtlich: Während in Deutschland explizit von Wertpapierbesitz die Rede ist und klare Fristen vorgegeben werden, beschränkt man sich in Österreich auf Empfehlungen. Aber auch hier gibt es immer mehr Unternehmen, die sich sogenannte Compliance-Regeln geben. Daher war es naheliegend, auch im Journalismus diese Diskussion weiterzutreiben. Einiges ist im Ehrenkodex geregelt, aber nicht alles und manches zu allgemein. Mein Argument: Der Umgang mit Einladungen und Geschenken betrifft die gesamte Medienbranche. Wir sollten Pressereisen kennzeichnen. Gleiches gilt für Fahrzeuge, die zu Testzwecken zur Verfügung gestellt werden. Wir im Standard haben über meine Vorschläge diskutiert, durchaus kontrovers. Wenn man bei Büchern nicht dazuschreibt, dass diese von Verlagen zur Rezension zur Verfügung gestellt wurden, warum sollte man das bei anderen Gadgets tun? Muss der Kritiker auch die nicht bezahlte Theaterkarte ausweisen? Wie gehen wir mit Einladungen zu Reisen von Politikern um, für die wir Tickets zu günstigeren Konditionen bekommen? Viele Fragen wiederholten sich im Kreis der Chefredakteure, es gab aber prinzipiell Zustimmung. Nur bei der Forderung, die ich für unabdingbar halte, dass Journalisten, die über ein Unternehmen berichten, nicht Aktien dieses Unternehmens halten dürfen, um Interessenkonflikte zu vermeiden, war ich mit prinzipieller Ablehnung konfrontiert. Als es dann an die Details ging und anhand eines von mir ausgearbeiteten Vorschlags um Formulierungen für Mindeststandards gerungen wurde, wurden die Differenzen deutlich.

Kurzum: Übrig blieben STANDARD und "Presse", später schloss sich auch das "Wirtschaftsblatt" an. Wir stellten in den drei Zeitungen am 14. Juni die gemeinsame Initiative vor, veröffentlichten unsere jeweiligen Leitlinien, die einen Mindeststandard darstellen und sich in den Formulierungen, nicht aber im Grundsatz unterscheiden. Auf derStandard.at/Leitlinien sind diese Grundsätze für alle einsehbar.

Denn Journalisten müssen "supersauber" sein, um ein inzwischen geflügeltes Wort von Karl-Heinz Grasser aufzunehmen. Wer andere wegen der Annahme von Gutscheinen im Ausmaß von hundert Euro kritisiert, darf sich nicht selbst zu den Salzburger Festspielen einladen lassen. Das war eine meiner Erfahrungen, kaum war ich in der Funktion: Ich bekam Anfragen von Firmen und Banken, zu welcher Vorstellung ich auf Einladung kommen möchte, welchen Flug und welches Hotel man buchen solle. Ich habe höflich abgelehnt und musste in persönlichen Gesprächen mit dem Bankdirektor und mehreren Mitarbeitern einer Kommunikationsabteilung eines großen Unternehmens erklären, warum ich die Einladung nicht annehme und dass dies nicht als Affront zu betrachten sei. Als ich im Chefredakteurskreis von dieser für mich komischen Umkehrung der Situation, dass ich mich quasi entschuldigen musste, berichtete, erntete ich Unverständnis. So etwas lehnt man doch nicht ab! Ich glaube aber, da hat inzwischen ein Umdenken stattgefunden. Ich bezahle meine Theater- und Konzertkarten selbst. Wir sind erst am Anfang einer Diskussion, aber gerade wir Journalisten müssen uns ihr stellen. Es geht auch um Vorbildwirkung über den Journalismus hinaus. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, 7.9.2013)

Dieser Text ist die gekürzte Fassung des zweiten Kapitels aus: Alexandra Föderl-Schmid, "Journalisten müssen supersauber sein". Theodor-Herzl-Vorlesung, hrsg. von Hannes Haas. € 14,90 / 158 Seiten. Picus-Verlag, 2013

  • Das Buch zur Herzl-Vorlesung von Alexandra Föderl-Schmid.
    foto: verlag

    Das Buch zur Herzl-Vorlesung von Alexandra Föderl-Schmid.

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